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Mit Martí und Fidel

Der kubanische Nationalheld, Dichter und Freiheitskämpfer, José Martí (1853 – 1895) stellte im Unabhängigkeitskampf gegen die spanischen Kolonialherren fest: „Um frei zu sein, muss man gebildet sein“ (Para ser libre hay que ser culto). Diesem Ziel verschrieb sich die kubanische Revolution. Es war viel aufzuholen nach vierhundert Jahren Kolonialstatus und sechzig Jahren nordamerikanischer Bevormundung. Doch als die Finanzierungslage nach drei Jahrzehnten Zusammenarbeit mit dem sowjetisch geprägten Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zusammenbrach, standen die bis dahin erreichten Standards im Bildungsbereich zur Disposition. Viele Analysen der Kuba-Solidarität loben seit Beginn der Spezialperiode das sozialistische Kuba vor allem deshalb, weil „kein Krankenhaus und keine Schule geschlossen“ wurde. Dieser Befund greift jedoch zu kurz. Im vergangenen Jahrzehnt hat es auf der Karibikinsel sowohl inhaltlich als auch strukturell viele Veränderungen in der Bildungspolitik gegeben.
Die bisher gründlichste (und aktuellste) Studie zur Situation der Bildung in Kuba legte die UNESCO im Jahre 1999 vor. Sie umreißt kurz die historisch einmaligen Errungenschaften der Alphabetisierungskampagne aus dem Jahre 1961, bei der in wenigen Monaten durch die Beteiligung von 270 .000 Studenten, Schülern und Lehrern die Analphabetenrate von 23,1 auf 3,9 Prozent sank. Weiter gibt sie einen Überblick zu den politischen Grundlagen der Bildungspolitik im revolutionären Kuba und vergleicht im Hauptteil die aktuelle Lage mit der Zeit vor der periodo especial – auch unter der Genderperspektive. So sind beispielsweise 70 Prozent der im Bildungsbereich arbeitenden Menschen Frauen. Obwohl die kubanische Verfassung die geschlechtliche Gleichstellung garantiert, bezahlter Schwangerschaftsurlaub, kostenlose Kindergartenplätze oder Abtreibungsmöglichkeiten seit vielen Jahren Normalität sind, wird an den Arbeitslosenzahlen deutlich, dass auch in Kuba noch geschlechtliche Unterschiede bestehen. 1997 beispielsweise waren 10,1 Prozent der Frauen arbeitslos, aber nur 4,4 Prozent der Männer.

Finanzielle Schwierigkeiten

Nachdem noch 23,6 Prozent des Staatshaushalts für Bildung ausgegeben wurden, sank diese Quote in den vergangenen Jahren um etwa 4 Prozent. Dennoch bewegt sie sich mit einem Fünftel der gesamten Staatsausgaben weit über der Quote der westlichen Industrienationen. (Zum Vergleich: BRD ca. 6,5 Prozent. Zu beachten ist, dass die Ausgaben auch deshalb sich höher belaufen, weil Posten wie Unterkunft, Transport, Mahlzeiten und Schulkleidung samt ihrer Folgekosten ebenfalls gezählt werden).

Weniger Kalorien

Die allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben sich natürlich auf die Bildungseinrichtungen ausgewirkt. So wurde das Essen in den Mensen schlechter und die durchschnittliche Kalorienzahl sank von 2.200 auf 1.500 Kcal. Aufgrund des Erdölmangels waren viele Schulbusse nicht fahrbereit und die Handelsblockade machte dringend notwendige Renovierungen zu einer kostspieligen Angelegenheit.
Im Jahre 1994 kamen mit der Legalisierung des Dollars, den ausländischen Investitionen und dem steigenden Tourismus wieder Devisen ins Land, die auch in die Modernisierung der Bildung investiert wurden. So wird derzeitig das größte Wohnheim der Insel, das Hochhaus am Malecón in Havanna renoviert.
Die derzeitigen Ausgaben für die Bildung sind in Kuba mehr als doppelt so hoch wie die Ausgaben von insgesamt 630 Millionen Dollar für Verteidigung und innere Ordnung. Rund 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche – rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung – besuchen nach offiziellen Statistiken derzeit die 12.600 Schulen, 47 Universitäten und zwölf unabhängigen Hochschulen. An 30.000 Jungen und Mädchen werden staatliche Stipendien vergeben – bislang jedoch in der bescheidenen Höhe von 20 Pesos pro Monat. 680.000 Kinder und Jugendliche sollen an Schulen untergebracht werden, die einen kostenlosen Mittagstisch anbieten. Insgesamt sind zur Zeit etwa 130.000 Studierende an Kubas Hochschulen immatrikuliert, davon ca. 10.000 Ausländer, von denen viele ein kubanisches Stipendium erhielten.
Ein großes Prestigeobjekt ist die Lateinamerikanische Medizinschule, die nach dem schweren Hurrikan Mitch in Nicaragua vor zwei Jahren in einer ehemaligen Marineschule, am Westrand der Hauptstadt eingerichtet wurde. Dort werden zurzeit etwa 2.500 junge Mediziner ausgebildet, die hauptsächlich aus ländlichen Regionen stammen, damit sie dort in Zukunft selbst ihrer Bevölkerung helfen können.

Internationale Solidarität

Trotz der Isolation durch die USA verfügt Kuba über gute Verbindungen ins Ausland. Dazu trägt natürlich die weltweite Solidaritätsbewegung bei – auf dem zweiten Kuba-Solidaritätskongress im vergangenen November nahmen über 4.000 Delegierte aus 115 Ländern teil – doch auch der akademische Austausch intensiviert sich. Ein Kulturabkommen mit der BRD ist in Arbeit. Bundesaußenminister Fischer kündigte in diesem Sommer beim 50-jährigen Jubiläum des Goethe-Instituts die Eröffnung einer Filiale in Havanna an. Die Bildungs-, Hochschul- und Erziehungsminister Kubas haben im vergangenen Jahr die BRD besucht. Kubas Hauptinteressen sind sicherlich ein Anschluss an internationale Technologieentwicklungen und an die qualitative Aufbesserung bestimmter Lehrbereiche. Beispielsweise bestehen Schwierigkeiten mit der Entwicklung eines Äquivalents zur hiesigen Habilitation.
Im Jahr 2000 machte der kubanische Studentenverband FEU (Federacion Estudantil Universitaria) die Qualität der Lehre zum Thema ihres fünften landesweiten Kongresses, bei dem neben Bildungsminister Vecino Alegret, auch Fidel Castro zu Gast war. Zuvor waren einige Fälle von Betrug bei Prüfungen und mangelnder Vorbereitung auf den Unterricht bekannt geworden, woraufhin eine breite Diskussion in den Basiskomitees stattfand, die dann in einer Resolution mit einer Reihe von Maßnahmen mündete.

Neuer Wind in alten Behörden

Seit der Mitte der Neunzigerjahre legt Kuba einen größeren Schwerpunkt auf die Verbreitung von Kultur. Mit dem jungen Bildungsminister Alberto Prieto weht ein neuer Wind in den kubanischen Behörden. Im Casa de las Americas finden größere Panamerikanische Konferenzen statt, und eine Auseinandersetzung mit bis dahin tabuisierter homosexueller oder exilkubanischer Literatur ist nun durchaus üblich. Die Literaturwissenschaftlerin und Dekanin der Kunst- und Literatur-Fakultät der Universität Havanna, Sonia Almazán del Olmo, berichtete kürzlich während einer literarischen Konferenz in Berlin, dass diese Themen längst auf dem Lehrplan der Studierenden stehen. In den vergangenen Jahren wurden mehrere homoerotische Werke verlegt. Die internationale Buchmesse, die jährlich mehr als 25.000 Besucher anzieht und zuletzt 900 Verlage aus 31 Ländern zu Gast hatte, konnte erstmals wieder eine Rekordzahl an Veröffentlichungen erreichen. Insgesamt wurden von 20 verschiedenen Verlagen und den Verlagsinstituten der 14 kubanischen Provinzen 200 neue Titel vorgestellt. Neben dem Buchhandel erhalten vor allem die landesweit 379 öffentlichen, kostenfreien Bibliotheken mindestens ein Exemplar.
Die Allgemein- und Erwachsenenbildung wird auch durch neue Programme wie jenes der Universidad para todos (Universität für alle) gefördert. Seit der Rückkehr des Flüchtlingsjungen Elian González versucht Kuba, sich den USA in moralischer, ethischer und edukativer Hinsicht als überlegen darzustellen und startete neue Bildungsprojekte.

Bildungsfernsehen

Neben einer allabendlichen zweistündigen Fernsehdiskussion zu aktuellen politischen Fragen, wird von elf bis zwölf auf einem der beiden staatlichen Fernsehkanäle nun in abwechselnder Reihenfolge ein Englisch-, Geschichts-, oder Kulturkurs ausgestrahlt. Begleitend wird in hunderttausendfacher Auflage ein Hefter für einen Peso an den Straßenkiosken verkauft. Die Englischhefte waren nach wenigen Tagen ausverkauft. Bei der Eröffnung einer neuen Schule in Havanna, die der schnellen Ausbildung der Grundschullehrer dient, kündigte Fidel Castro die Inbetriebnahme eines dritten Fernsehsenders an, der ähnlich wie der deutsch-französische Sender Arte einen eindeutigen Bildungsauftrag haben soll. Insgesamt wurden in den vergangenen Jahren über dreihundert Computerclubs eingerichtet; nahezu jede Universitätsfakultät verfügt mittlerweile über einen Computerraum samt Internet-Anschluss. Dort werden auch Zeitungen gelesen, die über die Spannweite von der Parteizeitung Granma oder Juventud Rebelde hinausgehen. Die Nutzung ist kostenlos, aber nicht immer problemlos.

Der Autor studiert Politik und Geschichte an der Humboldt-Universität und war ein Jahr an der Universidad de la Habana.

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