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Wachstumsboom im Zeichen des Comandante

Auffällig jung ist das Personal an den Cupet-Tankstellen Havannas. Die altgedienten Tankwarte hat Kubas Staatspräsident Fidel Castro Knall auf Fall durch StudentInnen und junge Parteimitglieder ersetzen lassen. Zu Recht, laut Regierungsangaben, denn seit die JungrevolutionärInnen fürs Volltanken verantwortlich sind, ist der Schwund merklich zurückgegangen. Auf 100.000 US-Dollar hätten sich die täglichen Verluste durch Diebstahl belaufen, bis zur Hälfte der Liefermenge sei in dunklen Kanälen versickert, so der Staatschef in einer Rede im Januar. Und auch im Hafen von Havanna weht ein neuer Wind – militärisch geht es dort jetzt zu, denn die Verluste hatten ein bedenkliches Ausmaß erreicht und sich herumgesprochen. Zeit für die revolutionäre Führung, die Reißleine zu ziehen. Sanktionen haben laut Gerüchten auch die Angestellten der Apotheken und der Bäckereien zu fürchten, wo immer wieder Medikamente, Mehl und andere Zutaten verschwinden. Entsprechend pappig schmecken auch die Brötchen, schimpft Carmen Muñoz. Die alte Frau ist wie viele andere Habaneros/as genervt von der schlechten Qualität. Doch das ist nichts wirklich Neues.
Neu aber ist, dass Kubas Staatschef wieder persönlich eingreift, um den Schwund zu unterbinden und der Korruption den Boden zu entziehen. Auch in die Wirtschaftspolitik zeigt sich Castro nach Jahren der Abstinenz wieder äußerst aktiv. Über eine Dekade lang hatte der 79-jährige Staatschef andere, vor allem Carlos Lage, den wirtschaftspolitischen Kurs bestimmen lassen, doch seit einem Jahr scheint die Wirtschafts- und Investitionspolitik wieder in seinem Büro angesiedelt zu sein. Durchaus erfolgreich, wie Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez in den letzten Wochen mehrfach pflichtschuldig betonte, als er die überaus guten Konjunkturdaten vorstellte. Um 11,8 Prozent ist die kubanische Wirtschaft den offiziellen Statistiken zufolge gewachsen – ein in 47 Jahren kubanischer Revolution nie erreichter Rekordwert. Ähnlich gute Wirtschaftsdaten haben nur Wachstumsweltmeister China und der Erdölstaat Venezuela vorzuweisen. Beides Länder, zu denen Kuba exzellente Kontakte pflegt und die vom maximo líder gern als „Bruderstaaten“ bezeichnet werden.

Brüderlicher Austausch – brüderliche Hilfe

Diese tragen auch merklich zum Wachstumsboom auf der Antilleninsel bei. So arbeiten rund 20.000 kubanische ÄrztInnen und PflegerInnen derzeit in den Armenvierteln von Caracas und versorgen die Bevölkerung. Kein unentgeltlicher Freundschaftsdienst, sondern vertraglich fixiert, in Erdöl bezahlt und seit kurzem auch in der kubanischen Wirtschaftsbilanz als „komplexe Dienstleistung“ verbucht. Durch diese Umstellung in der Rechnungsführung, die von den ÖkonomInnen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) argwöhnisch beäugt wird, schlagen die Investitionen im Gesundheits- und Bildungsbereich, aber auch die Hilfsprogramme Kubas im Ausland stärker zu Buche. Um sagenhafte 48.5 Prozent stieg der Export von Gütern und Dienstleistungen im letzen Jahr an, was zu einem guten Teil dem Auslandseinsatz von PflegerInnen und ÄrztInnen zu verdanken ist. Das ist ganz im Sinne des maximo líder, der in der Vergangenheit immer mal wieder kritisiert hatte, dass diese Leistungen nur unzureichend in die Berechnung des Bruttoinlandprodukts (BIP) einflössen. Das ist nun vorbei, und bei den ÄrztInnen und PflegerInnen kommt die moralische Aufwertung genau so gut an wie der Lohnzuschlag, den der Staatspräsident im November letzten Jahres verfügte. Der Comandante hat etwas zu verteilen, denn chinesische Investitionen im Nickelsektor und venezolanische im Raffineriebereich haben Devisen in die chronisch leeren Kassen gebracht. Seitdem ist Kuba immer weniger auf Auslandsinvestitionen aus anderen Ländern angewiesen, und die Zahl der Joint Venture-Unternehmen mit Kanada, Spanien und anderen Ländern ist stark rückläufig. Vor allem kleinere Unternehmen haben den Laufpass von Havanna erhalten. Man konzentriere sich auf die großen, so heißt es lapidar in Diplomatenkreisen, aus denen auch Klagen über die zunehmende Zentralisierung zu hören sind. Für den bärtigen Chef kein Problem, denn er scheint sich eher in einer komfortablen Position zu sehen und verlässt sich auf die neu gewonnenen wirtschaftlichen Stützen – die Bruderländer und die Dynamik des Tourismussektors.

Mit zwölf Loks in die Zukunft

Diese Lokomotive der kubanischen Wirtschaft wuchs im letzten Jahr um satte zwölf Prozent. Rund 2,3 Millionen Touristen kamen nach Kuba und bescherten der Inselökonomie Einnahmen von bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar. Auf Wachstum gepolt ist seit Beginn der neunziger Jahre auch der Nickelsektor, der um sieben Prozent zulegte. Und die Förderung von Erdöl und Erdgas aus den wenig ertragreichen kubanischen Fundstätten konnte um knapp neun Prozent gesteigert werden. Für die Energieversorgung in Kuba ist dieser Zuwachs ausgesprochen wichtig, denn die nationale Stromproduktion wird nahezu ausschließlich aus den eigenen fossilen Vorkommen gedeckt. Gleichwohl war die Energieversorgung im vergangenen Jahr lange nicht überall gewährleistet. Veraltete Kraftwerke, Missmanagement, aber auch Schäden durch die Hurrikans waren dafür verantwortlich, dass Fidel Castro eine „Revolution im Energiesektor“ des Landes ausrief.
Für etliche hundert Millionen US-Dollar hat die Regierung in Havanna Turbinen und Generatoren in Fernost und Europa geordert. Auf der umfangreichen kubanischen Einkaufsliste finden sich zudem Schnellkochtöpfe, Reiskocher, Ventilatoren, Kaffeemaschinen und elektrische Herdplatten – quasi die Grundausstattung für den typisch kubanischen Haushalt. Der soll energieeffizienter funktionieren, und allein über diese Einsparungen von einer Milliarde US-Dollar im Jahr hofft der kubanische Staatschef, die beachtlichen Investitionen innerhalb kürzester Zeit wieder einzuspielen. Eine sehr optimistische Einschätzung, die nicht bei allen Lieferanten geteilt wird. So sah sich Kubas Regierungschef bei der feierlichen Übergabe von zwölf Lokomotiven durch chinesische Unternehmen Mitte Januar des Jahres veranlasst, den Firmenvertretern die pünktliche Bezahlung der Ware zuzusichern. Nichts Neues in der jüngeren kubanischen Geschichte, die gespickt ist mit finanziellen Engpässen, Zahlungsausfällen und kurzfristig aufgenommen Krediten. Auf mindestens zwölf Milliarden US-Dollar belaufen sich die kubanischen Schulden im Ausland, und seit Jahrzehnten hat die Insel keinen Zugang zu normalen Geschäftskrediten. Kuba gilt als Risikoschuldner und muss Zinssätze von 15 Prozent und mehr für kurzfristige Kredite berappen. Die Kreditaufnahme könnte auch notwendig werden, um die sozialistischen Brüder aus dem Reich der Mitte zu bezahlen, denn trotz des beachtlichen Wachstums hat die kubanische Wirtschaft in einigen Sektoren enorme Schlagseite. Die Landwirtschaft ist dabei seit Jahren das größte Sorgenkind. Verantwortlich dafür ist nicht allein die Dürre, die den Osten der Insel in den vergangenen beiden Jahren fest im Griff hatte und für Schäden und Mehrausgaben in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar sorgte, sondern auch ihre niedrige Produktivität. Parallel dazu steigen die Nahrungsmittelimporte aus den USA. 540 Millionen US-Dollar waren es 2005. Im Jahre 2006, so der kubanische Chefeinkäufer Pedro Alvarez, wird abermals mehr in den USA geordert werden. Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis, Mais und Hühnchen ordert Alvarez seit 2001 en Gros, weil die kubanischen Betriebe nicht in ausreichender Menge produzieren können.

Lebensmittel statt Zucker

Das Dilemma ist altbekannt und der Niedergang der Zuckerwirtschaft das vielleicht beste Beispiel. Auf knapp 1,5 Millionen Tonnen ist der Zuckerertrag abgesunken, und an eine Wiederbelebung des Sektors verschwendet in Kuba kaum jemand einen Gedanken. Doch bisher ist es auch nicht geglückt, die freiwerdenden Flächen wie eigentlich geplant für die Lebensmittelversorgung einzusetzen und so die Importabhängigkeit zu reduzieren. Ein kostspieliges Dilemma, dass die Wirtschaft der Insel genauso belastet, wie die Schäden der schweren Hurrikansaison 2005. „Die sind noch lange nicht behoben“, so Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez. Der taxierte die Hurrikan-Verluste der letzten vier Jahre auf sechs Milliarden US-Dollar. Da die Wirtschaft sich von den Schäden noch lange nicht erholt habe, müssten Mittel für den Wiederaufbau der Plantagen und Häuser auch weiterhin bereitgestellt werden. Ob Kubas Comandante diese Zusatzausgaben in seine mit spitzen Bleistift erstellte Kalkulation einbezogen hat, muss sich erst noch zeigen. Und dabei können ihm auch die engagierten JungrevolutionärInnen an der Zapfpistole nur bedingt helfen.

Knut Henkel

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