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Mit wehenden Haaren zum Titel

Mit dem WM-Titel aus der Krise? Auch wenn mancher Argentinier und manche Argentinierin davon träumt und bei aller Bedeutung der Psychologie für die Ökonomie – mit Ersterem allein wird es sicher nicht klappen. Dass die Aussichten für den WM-Titel gut sind, dafür sorgt vor allem der schweigsame Trainer Marcelo Bielsa. Noch nie hat er in seiner Amtszeit ein Exklusivinterview gegeben. Fragen beantwortet er nur möglichst knapp auf Pressekonferenzen. Bei seinen Spielern scheint er jedoch den richtigen Ton zu treffen, Grüppchenbildung wie unter seinem Vorgänger und Disziplinfanatiker Daniel Passarella sind passé, die Superstars Gabriel Batistuta und Juan Sebastián Verón sind sich nicht mehr spinnefeind, auch wenn Freundschaft etwas anderes ist. Dass Argentinien 1998 scheitern würde, stand schon vor der WM fest. Daniel Passarella schloss langhaarige Spieler und Spieler mit Ohrring aus. Note sechs in Geschichte. Denn immer wenn Argentinien erfolgreich war, gaben langhaarige Spieler oder Ohrringträger den Ton an. 1978 war es das langhaarige Sturmduo Kempes/Luque, dass mit wehenden Mähnen und zehn Toren den Titel herbeischoss. 1986 waren es der Ohrringträger Diego Armando Maradona und der langhaarige Fußball-Poet Jorge Valdano, die mit neun Toren für den Titel sorgten. Passarella war bei beiden Weltmeisterschaften als Spieler dabei und hatte trotzdem nichts begriffen. Dass er als erfolglosester Trainer der mindestens letzten drei Jahrzehnte in Argentiniens Nationalmannschaftshistorie eingeht, ist wohlverdient.

Langhaarig aus der Krise

Die Befreiung von Passarella war deutlich zu sehen. Selbst seine eigenen Zöglinge Ortega, Crespo und Almeyda sagten dem Kurzhaarschnitt adé, von Altstar Gabriel Batistuta ganz zu schweigen. Er war überhaupt der einzige Langhaarträger von 1994, der sich wegen Passarellas Order die Haare halbwegs stutzen ließ, Fernando Redondo und Claudio Caniggia zogen die freie Wahl der Haartracht einem Platz in der Landesauswahl vor – getreu dem Motto: Wer gegen das Haar kämpft, kämpft gegen sich selbst. Während Fernando Redondo langzeitknieverletzt und mit ganz freiwilligem Kurzhaarschnitt in Asien fehlen wird, schaffte der 35-jährige Caniggia nach fast sechs Jahren Pause das Comeback des Jahrzehnts. Natürlich mit langen, wenn auch dünner gewordenen Haaren. Wegen seiner Drogenvergangenheit und seinem hageren, aber durchtrainierten Äußeren gilt er als Iggy Pop des Fußballs. Niemand hatte ihn mehr auf der Rechnung, selbst Fußballinformierte waren längst von einem Karriereende ausgegangen. Nicht ohne Grund. Denn Caniggia hat es als einziger Weltklassefußballer geschafft, über Jahre hinweg arbeitslos zu sein. Seine Karriere ist eine der ungewollten Pausen. Vor der WM 94 war er 13 Monate gesperrt, weil er den Frust übers Ersatzspielerdasein beim AS Rom mit dem Bau von Straßen verbracht hatte. Als er mal wieder eingesetzt wurde, musste er zur Dopingprobe: Der Straßenbau hatte Kokainspuren hinterlassen. Ohne auch nur ein einziges Pflichtspiel in der gesamten Saison kam er zur WM in die USA. Dort spielte er ausgeruht zusammen mit seinem Lieblingssturmpartner Batistuta und seinem Freund Maradona als Passgeber. Eine explosive Kombination, die allein bis zu Maradonas Dopingkontrolle nach dem zweiten Spiel sechs Tore erzielte. Im dritten Spiel wurde Caniggia früh ausgewechselt – wegen einer Zerrung, sagen die Argentinier, wegen Angst vor der Dopingkontrolle behauptet der Rest Lateinamerikas. Ein zweiter Dopingfall hätte den Ausschluss bedeutet. Schluss war ohne die Superstars dann im Achtelfinale ohnehin. Ohne Doping oder ohne Dopingkontrollen wäre alles ganz anders gekommen.

Langhaarige im Abseits

Unter Passarella geriet Caniggia aus bekannten Gründen ins Abseits. Erst der öffentliche Druck einschließlich dem des damaligen Präsidenten Carlos Menem eröffnete ihm ein Comeback. Um drei Zentimeter ließ er sich die Haarspitzen stutzen, damit der tumbe Passarella halbwegs sein Gesicht wahren konnte. Zu mehr als drei Einsätzen reichte es in dessen Ära dennoch nicht. Wieder einmal katapultierte ihn die Arbeitslosigkeit aus dem Nationalteam, das wegen seiner weiß-hellblau gestreiften Trikots albiceleste genannt wird. Nach einem Jahr an der Seite von Diego Maradona bei Boca Juniors wurde dort Mitte 96 das Geld knapp. Caniggia konnte nicht mehr bezahlt werden, fand aber auch keinen neuen Verein, so dass er ein Jahr später wieder bei Boca die Stiefel zu schnüren begann. Es war schließlich die Saison der WM 98. Caniggia kam besser und besser in Form und die Öffentlichkeit forderte seine Berufung ins WM-Aufgebot. Passarella blieb stur, weil er seinen Zögling Claudio López um jeden Preis im Team haben wollte und deswegen statt Caniggia lieber einen Tribünenhocker mitnahm. López bekam kaum einen Ball, weil ihm damals noch die Anerkennung seiner Mitspieler fehlte. Die setzten gewohnheitsmäßig auf den Rekordtorschützen “Batigol” Batistuta, der es bisher auf 55 Länderspieltore brachte. Auch in der WM-Torschützenliste liegt er nur um fünf Treffer hinter dem dicken Bomber Gerd Müller.
Es könnte die WM Batistutas werden und dann würde es auch die Argentiniens. Aus historischer Sicht spricht vieles dafür. Batistuta/Caniggia gelten als das beste und langhaarigste argentinische Sturmduo seit Kempes/Luque. Allerdings sind sie zusammen 68 Jahre alt und haben seit 1996 nicht mehr zusammen gespielt. Denn 1996 endete vorläufig die Nationalspielerkarriere Caniggias. Aber Caniggia kam immer zurück, meist aus Miami, wo er sich mit Strandläufen und dem Bau von Sandburgen mit seinen drei Kindern fit hielt. Nach erneuter einjähriger Arbeitslosigkeit zog es ihn Ende 1999 in die zweite italienische Liga zu seinem Ex-Verein Atalanta Bergamo. Sein erklärtes Ziel: Rückkehr in die Selección. Die Fans liebten ihn, aber mit dem Trainer und dem Defensivfußball kam er nicht klar. Nach einer schwachen Saison war er schon wieder arbeitslos. Die Karriere des alten Mannes schien zu Ende. Erst der Anruf eines Freundes aus alten Bergamo-Tagen, mit dem er Anfang der Neunziger spielte, brachte ihn wieder ins Geschäft. Der Freund Ivan Bonetti war inzwischen Spielertrainer im schottischen Dundee und wollte den Altstar als Fanattraktion. Nach dem ersten Besuch im verregneten Dundee plagten Caniggia Depressionen, schon auf dem Flughafen wäre er am liebsten umgekehrt. Doch der Traum von der WM ließ ihn zusagen. Das Merchandising explodierte dank dem Verkauf argentinischer Fahnen und vor allem an Caniggia-Perücken fanden die Schotten reichlich gefallen. Der Deal hatte sich für beide Seiten gelohnt. Nach neun Monaten streckte der Nobelklub Glasgow Rangers seine Fühler aus. Caniggia sagte zu, weil er damit seine Chancen wachsen sah, wieder in die Auswahl zurückzukommen. In Argentinien glaubte daran keiner mehr. Auch Nationaltrainer Bielsa verlor nie ein Wort über Caniggia. Das lag aber daran, dass er nicht nach ihm gefragt wurde und Bielsa ist bekanntlich kein Redner. Ein Jahr ließ er ihn in Schottland beobachten, ohne dass die Öffentlichkeit Bescheid wusste. Im Frühjahr 2002 berief er ihn ins Aufgebot für das Länderspiel gegen Wales und seitdem ist er immer dabei – auch in Asien, obwohl er sich im letzten Saisonspiel eine Knieverletzung zuzog und bestenfalls zum Auftaktspiel wieder fit sein wird. Bielsa zählt auf ihn und hat sogar gesagt warum: „Er ist wichtig für die Balance in meiner Mannschaft.“ Welche Balance hat er nicht gesagt, aber vielleicht hat er ja in den Geschichtsbüchern nachgeschaut, wieviel langhaarige Spieler für einen Titel gebraucht werden. Im derzeitigen Kader stehen viele, angefangen von Torwart Germán Burgos, über den Leverkusener Diego Placente, den Torschützen gegen Deutschland Juan Pablo Sorín und die lebenden Sturmlegenden Batistuta/Caniggia, um nur die hierzulande Bekanntesten zu nennen. Die Zeichen in Argentinien stehen auf Sturm mit langen Haaren.

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