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Tor-Marie und Gremlin

Mit „Furcht und Respekt“, so Maribel Domínguez, werden die Gegnerinnen künftig dem mexikanischen Frauenteam begegnen. Euphorisch darf sie sein, hatten doch Minuten vorher an diesem Novembertag des Jahres 2010 die mexikanischen Fußballerinnen einen historischen ersten Sieg gegen die FIFA-Weltranglistenersten und Erzrivalen, die USA, errungen. Und nicht nur das: Mit diesem 2:1-Triumph im Halbfinale des WM-Qualifikationsturniers konnte sich Mexiko die erst zweite WM-Teilnahme nach 1999 sichern. „Wie Schokoladenkuchen“ habe ihr Tor zum 1:0 gegen den nördlichen Nachbarn geschmeckt, schwärmt sie. „Es ist keine Kleinigkeit, gegen eine Fußballmacht wie die USA zu gewinnen.“
Niemand dürfte das besser wissen als die 32-jährige Maribel Domínguez selbst. „Marigol“ („Tor-Marie“), wie sie aufgrund ihrer überragenden Trefferquote genannt wird, war lange Zeit die einzige mexikanische Spielerin von Weltformat und hat daher alle Höhen und vor allem Tiefen in der jungen Geschichte des mexikanischen Frauenfußballs miterlebt. Dieser erste Ausflug in die große Fußballwelt endete mit 1:15 Toren und 0:9 Punkten nach drei Partien für die Mexikanerinnen allerdings fatal. Kein Wunder, setzte eine ernsthafte professionelle Betreuung selbst der Nationalspielerinnen doch erst einige Jahre später ein. „Es mangelte an allen Enden und es gab auch keine große Unterstützung“, kommentiert „Marigol“ diese Zeit zurückblickend. In diesem Mai stimmen Maribel Domínguez die jüngsten Erfolge ihres Teams in der WM-Vorbereitung dagegen optimistisch. Sie sehe die Entwicklung einer stärkeren Mannschaft, der sie zwar nicht die größten, aber zumindest schon einmal Außenseiter-Chancen bei der WM 2011 in Deutschland einräumt.
Einher geht die Entwicklung des mexikanischen Frauenfußballs mit „Marigols“ eigener Geschichte. Aufgewachsen in Chalco, einem der ärmeren Randbezirke Mexiko-Stadts, erlernt sie das Fußballspielen gegen die Jungs ihres Viertels. Dort entwickelt sie nicht nur eine hervorragende Technik, sondern auch das Bewusstsein, dass sie es mit sämtlichen männlichen Gegenspielern problemlos aufnehmen kann. Gleichzeitig fehlen im Mexiko dieser Zeit Strukturen, um „Marigols“ Talent zu fördern oder besser gesagt, um ihr überhaupt ein akzeptables Ansehen in der machistisch geprägten Gesellschaft zu verschaffen. Ihr Weg führt sie daher mit Anfang zwanzig über die zweite US-Frauenliga W-League in die kurz zuvor gegründete US-Frauenprofiliga WUSA, in der sie als wichtige Offensivspielerin schnell Berühmtheit erlangte.
Richtig berühmt wird „Marigol“ allerdings erst kurz darauf, als im Jahr 2004 die WUSA Pleite geht und die Spitzenfußballerinnen auf dem nordamerikanischen Subkontinent dadurch vor dem Karriereaus stehen lässt. Weder in den USA noch in Mexiko gibt es nunmehr professionellen Frauenfußball, weswegen sie sich aus Mangel an Alternativen in ihrem Heimatland von der Zweitliga-Herrenmannschaft Celaya unter Vertrag nehmen lässt. Deren Entscheidungsträger sind fest gewillt, „Marigol“ auch zusammen mit 21 Männern auflaufen zu lassen. Und selbst der mexikanische Fußballverband FEMEXFUT gibt dieser wohl unbeabsichtigt konsequentesten Form der Liberalisierung des Profigeschäfts seinen Segen. Erst FIFA-Boss Josef Blatter stoppt das Vorhaben und hindert „Marigol“ im letzten Moment daran, ihr Glück im Herrenfußball zu versuchen. Das Aufsehen dieser Anekdote ebnet ihr allerdings gleichzeitig den Weg zurück ins Ausland, diesmal zum FC Barcelona. Seit 2007 spielt sie beim katalanischen Verein Girona Euromat UE L‘Estartit, den sie gleich in ihrer ersten Spielzeit aus der zweiten in die erste Liga hochgeschossen hat. Unterdessen ist Celaya erst dieses Jahr nach längerer Durststrecke wieder in die zweite Liga aufgestiegen.
Seit 2007 gibt es auch in Mexiko eine Frauen-Profifußballliga. Die „Super Liga Femenil de Futbol“ ist zwar vor allem auf dem Papier professionell, da die gezahlten Gehälter kaum zum Leben ausreichen, doch immerhin gibt sie jungen talentierten Frauen überhaupt erst einmal einen Rahmen für das Fußballgeschäft. Oft können sich diese natürlich nur richtig dem Fußball widmen, solange sie sich nicht um ein anderweitiges berufliches Weiterkommen, Ausbildung oder Familie kümmern müssen. Trotzdem wird dieser Strukturwandel zum Beispiel an einer neuen Spielerinnengeneration sichtbar, die bei der U20-WM 2010 in Deutschland ungeschlagen den Vorrunden-Gruppensieg holte, bevor sie im Viertelfinale von Südkorea bezwungen wurde. Damals wie heute hießen die Gruppengegnerinnen übrigens Japan und England, was sicherlich ein kleiner Vorteil für Mexiko ist.
Bei der diesjährigen WM soll es daher eine Mischung aus altgedienten Spielerinnen wie Maribel Domínguez und der neuen Generation richten, die bereits über WM-Erfahrung in Deutschland verfügt. Diese wird angeführt von der 19-jährigen Charlyn „La Gremlin“ Corral, deren Spitzname angeblich daher rührt, dass sie sich auf dem Platz von einer zierlichen und ruhigen Person in ein Monster verwandelt und mit ihren jungen Jahren schon den Ruf einer Starstürmerin hat. Die von „Marigol“ angekündigte Furcht der Gegnerinnen kommt also nicht von ungefähr, hat Mexiko alleine schon mit diesen beiden Fußballerinnen zwei sehr gefährliche Torschützinnen im Kader, von denen die eine den WM-Gegnerinnen zumindest schon aus einigen Horrorstreifen bekannt sein dürfte.

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