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Kaffeekannen auf Siegeszug

Das erste Mal nahm die kolumbianische Nationalmannschaft der Männer 1962 an einer Weltmeisterschaft (WM) teil. In den 1990er Jahren spielte sie dreimal hintereinander bei Weltmeisterschaften mit, 1996 wurde sie vom Weltfußballverband Fifa gar zur viertbesten Mannschaft erklärt. Aber seitdem hat sich viel verändert: Heute schaffen sie es kaum auf Platz 50 des Rankings.
Währenddessen haben sich die Frauen in den gelb-blau-roten Trikots erfolgreich für die letzten Weltmeisterschaften in allen Kategorien (Damen, U17 und U20) qualifiziert. Auch die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in London ist schon gesichert. In Deutschland feiert Kolumbiens Damen-Team seine Premiere bei einer WM. In der Gruppe C geht es am 28. Juni gegen Schweden los.
Angesichts des Nachlassens der alten Idole sind die Tore der Frauen Balsam für die Seele des kolumbianischen Fußballs. JournalistInnen überbieten sich bei den 23 Frauen, die bereits ihre Koffer für die Reise nach Deutschland packen, mit Spitznamen wie Las Cafeteritas („Kaffeekannen“), Niñas de Colombia („Töchter Kolumbiens“), Las Chicas Superpoderosas („die übermächtigen Mädchen“) und Las Guerreras de Hierro („die Kriegerinnen aus Stahl“). Die Startseite des Internetauftritts des kolumbianischen Fußballverbandes zeigt nicht die Herren-Nationalmannschaft, sondern die Frauen zusammen mit Präsident Juan Manuel Santos.
Inzwischen gibt es zahlreiche Facebook-Gruppen, die den Cheftrainer der Männerauswahl auffordern, einige der Frauen zu nominieren. „Obwohl der Fußball traditionell Männersache war, erledigen die Frauen heute das, was die Männer seit Jahren nicht schaffen: uns regelmäßig auf einer Weltmeisterschaft zu vertreten.“ „Sie geben auf dem Platz alles und geben der Mehrheit der mittelmäßigen männlichen Fußballspieler ein Beispiel“ – solche Kommentare kann man in Foren und Blogs vermehrt lesen.
Als schlechtes Beispiel dient hier der Herrenfußball, der im Schatten des Drogenhandels groß geworden ist. Mehrheitsaktionäre von drei der größten Vereine im Männerfußball waren Drogenbosse, die mittlerweile gerichtlich verurteilt und an die USA ausgeliefert wurden.
Mit den sogenannten Barras Bravas (Ultras, Anm. d. Red.) hat die Gewalt inzwischen auch die Stadien erreicht. Wie die Hooligans aus England begannen sich auch in Kolumbien junge Männer bei Schlüsselspielen in den Stadiongängen zu treffen und sich zu Dutzenden mit Stöcken gegenseitig zu verprügeln. Diese Kultur der Gewalt wurde von vielen Fußballstars dieser Zeit auch vorgelebt. Der bekannteste Fall ist der des Faustino „Tino“ Asprilla, dem vielleicht erfolgreichsten Stürmer in der Geschichte Kolumbiens, der einst mit dem italienischen Klub AC Parma vier europäische Titel gesammelt hat, mittlerweile aber in einen Sumpf aus Drogensucht, Straßenschlägereien und Problemen mit der Justiz abgestürzt ist.
Er hatte sich mit seinem Trainer in Italien zerstritten und kehrte nach Engagements in Chile, Argentinien, Mexiko und Brasilien nach Tuluá zurück, seinem Heimatort nahe der Pazifikküste. 2008 wurde er wegen Waffenbesitzes unter Hausarrest gestellt und fiel durch weitere Skandale in der Öffentlichkeit auf. Ihm wird vorgeworfen, in eine Schießerei verwickelt gewesen zu sein.
Im Frauenfußball hingegen lernten die KolumbianerInnen Stadien kennen, in denen es mehr Familien als Barras Bravas gibt, wo Spiele nicht im Verdacht stehen, verschoben zu sein und es wesentlich tauglichere Vorbilder gibt.
Yorely Rincón, die Torjägerin und Nummer 10 des kolumbianischen Teams bei der Copa América (Südamerika-Meisterschaft) 2010 in Ecuador, die auch bei der Weltmeisterschaft eine vielversprechende Rolle spielen wird, hat soeben ein Stipendium der Indiana University in den USA erhalten. Angebote von Profivereinen aus anderen Ländern lehnte sie ab, denn sie wollte, dass ihr der Fußball statt schnellem Geld eine Ausbildung ermöglicht.
„Die Idee ist, dass ich mir mit dem Fußball ein Studium verdiene, ein wichtiges Stipendium in den USA“, sagte die aus Bogotá stammende Rincón im Juni 2010 dem Radiosender Caracol. Ein Plan, den sie bald in die Tat umsetzte.
Yorely hat mit vier Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Ihr Vater nähte und verkaufte im Haus der Familie in Piedecuesta in Santander Fußbälle. Der 129.000 EinwohnerInnen zählende Ort liegt mitten in den Bergen nahe der Grenze zu Venezuela. Sie war die einzige unter ihren drei Geschwistern, die so gut mit den Bällen umzugehen lernte.
Aber sie war nicht die Einzige, die dank des Fußballs ihren Träumen ein Stück näher kommen konnte. Sechs weitere kolumbianische Spielerinnen haben den Fußball als Sprungbrett für die Universität benutzt – ein seltenes Privileg. Nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung des Landes kommen in den Genuss universitärer Bildung.
Gaitán, die Kapitänin der U20, die übrigens auch in Deutschland bei der Auswahl der Kolumbianerinnen dabei sein wird, hat dank ihrer sportlichen Leistungen ein Stipendium der Universität Toledo im US-Bundesstaat Ohio erhalten. Sie studiert Verwaltung und Wirtschaft und hat einen Notenschnitt von 3,93 bei einer 4 als möglicher Bestnote. Lady Andrade, Torjägerin bei der U-20-WM in Deutschland, hat das Angebot bekommen, in Deutschland zu studieren, wenn sie für das Team von Bayer Leverkusen spielt.
Dank des Fußballs wurde diesen Frauen der Zugang zu höherer Bildung ermöglicht, dank dieser Beispiele haben mehr Universitäten und Gemeinden in Kolumbien ihre eigenen Teams aufgestellt. Gleichwohl hatte diese neue Fußballmanie einige Startschwierigkeiten.
Seit dem Jahr 1994 gibt es regionale Fußball-Ligen für Frauen. Aber erst nachdem die Frauen der U17 2007 die Südamerika-Meisterschaft in Chile gewannen, wurde der Sport ernst genommen. Dieser Triumph ließ dem Frauenfußball die Aufmerksamkeit der Medien und der Regierung zukommen. Letztere war es dann auch, die über den kolumbianischen Fußballverband die Vorbereitung für die WM 2008 in Neuseeland finanzierte.
Trotz dieser Starthilfe kann sich der kolumbianische Frauenfußball nach wie vor nicht selbst tragen. Die Unterstützung durch die Privatwirtschaft ist minimal, es gibt keine Werbeeinnahmen und der Erlös aus dem Ticketverkauf ist kaum der Rede wert.
Es gibt keine professionelle Frauenliga, keine gefestigte Struktur von Klubs und nur wenige Spiele werden im Fernsehen übertragen. Auch ein Transfermarkt für Spielerinnen fehlt. Die jungen Frauen leben von dem Bisschen, das ihnen der Staat gibt. Bei den Turnieren bezahlen der Staat oder die Provinzregierungen den Besten jeder Mannschaft die An- und Abreise, Speisen und teilweise auch die Vorbereitung. Aber außerhalb der Saison sind die Frauen ohne Einkommen.
„Ich glaube, dass ihnen inzwischen aufgefallen ist, dass es talentierte Spielerinnen gibt. Wir haben ein wichtiges Tor einen Spalt weit geöffnet, aber wir brauchen mehr Unterstützung. Hoffentlich hält das Interesse nicht nur während der Weltmeisterschaft an und danach vergessen sie den Frauenfußball wieder“, sagte Yorely Rincón der kolumbianischen Zeitung El Tiempo.
Damit mehr Mädchen eine Zukunft im Fußball haben können, gibt es eine weitere dringende Notwendigkeit: diesen neuen Keim des Fußballs gegen die Gefahren des alten Fußballs zu impfen, der ob der Gewalt so stark abgerutscht ist.

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