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Mondfinsternis am Teenager-Himmel

Zwei Teenager am Pool geben sich der weltweit wohl beliebtesten Beschäftigung ihrer Altersgruppe hin: Sie hängen herum. „Was ist gerade dein Langeweile-Niveau?“, fragt Giovana, während sie sich in der Sonne räkelt. „Ich schätze, es liegt bei etwa sechs von zehn“, antwortet Leonardo. Giovanas Niveau liegt bei acht. „Ich wünschte, es würde etwas passieren. Irgendwas Melodramatisches, wie eine Liebschaft oder so“, wobei sie erwartungsvoll Leonardo anschaut. Der bemerkt den einladenden Blick aber gar nicht. Denn er ist blind.
Leonardo und Giovana sind ein eingespieltes Team. Seit früher Kindheit sind sie beste Freunde. Giovana holt Leonardo von der Schule ab und bringt ihn nach Hause. Sie beschützt ihn, so gut es eben geht, gegen das Mobbing des Klassenarschlochs Fabio. Offenbar würde Giovana gerne aus der Kinderfreundschaft mehr machen, doch sie traut sich nicht, das zu sagen. Leonardo dagegen scheint völlig desinteressiert an Liebesgeschichten zu sein. Und so zieht das Leben der beiden weiter umeinander herum, ohne dass sie sich zu nahe kommen, wie ein Planet und sein Mond.
Diese kleine Welt gerät aber aus ihren eingefahrenen Bahnen, als ein neuer Schüler die Klasse betritt: Daniel. Dieser sucht in der Klasse Anschluss und findet ihn bei den Außenseitern Giovana und Leonardo. Da sie einen gemeinsamen Schulweg haben, freunden sie sich an. Schon bald merkt Giovana, dass sie für Daniel mehr Gefühle entwickelt. Bei einem gemeinsamen Schulprojekt kommen sich aber Daniel und Leonardo näher. Leonardo führt Daniel in die klassische Musik ein, dieser zeigt jenem dafür die Popmusik von „Belle and Sebastian“ und bewegt den blinden Jungen dazu zu tanzen. Giovana fühlt sich ausgeschlossen. Sie wird von Daniel überschattet, wie der Erdsatellit bei einer Mondfinsternis. Schnell hat Giovana mehr Melodramatik in ihrem Leben als ihr lieb ist, denn nach einiger Zeit wird klar, dass Leonardo und Daniel mehr als nur Freunde sind. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, mit peinlichen Momenten, Missverständnissen, intimen Gesprächen auf Partys und Schulausflügen, schnellen Küssen, und was sonst noch zu einem echten Teenager-Drama gehört.
Es macht wirklich Spaß, den Teenager-Verwirrungen in Daniel Ribeiros erstem Spielfilm zu folgen. Neben den Liebesgeschichten zwischen den drei Protagonist_innen geht es auch darum, wie sich Leonardo von seiner überfürsorglichen Mutter emanzipiert. Wegen seiner Blindheit ist sie nicht bereit von ihm abzulassen und ihn eigene Erfahrungen machen zu lassen. Dieser coming of age-Geschichte ist dann nebenbei und völlig unaufgeregt eine coming out-Geschichte angeschlossen.
Die Geschichte und die Protagonisten für Hoje eu quero voltar sozinho („Heute möchte ich alleine nach Hause gehen“) hatte der Regisseur und Drehbuchautor Daniel Ribeiro bereits in seinem Kurzfilm Hoje eu não quero voltar sozinho („Heute möchte ich nicht alleine nach Hause gehen“) von 2010 entwickelt. Der 17-minütige Film erregte Aufsehen auf einigen Festivals. Doch im Internet hatte er seine größten Momente: Viel mehr Menschen als erwartet sahen sich den Kurzfilm an, und so fand Daniel Ribeiro schnell genug Geldgeber_innen, um die Geschichte um den blinden Leonardo zu einem 90-minütigen Spielfilm auszubauen. Dies ist auf ganzer Linie gelungen, die Geschichte trägt über die gesamte Dauer, die Nebenhandlungen wirken nicht aufgesetzt, sondern fügen sich gut in den Film ein.
Getragen wird Hoje eu quero voltar sozinho vor allem von den hervorragenden Darsteller_innen. Guilherme Lobo (Leonardo) will man gar nicht glauben, dass er doch nicht blind ist, so gut spielt er seinen Charakter. Fabio Audi (Daniel) und Tessa Amorim (Giovana) komplementieren diese große schauspielerische Leistung, gekonnt spielen sie das komplizierte Seelenleben der adoleszenten Protagonist_innen. In Interviews bekundeten sie, dass der Regisseur ihnen viele Freiräume gegeben habe, um ihre eigene Interpretation der Charaktere zu entwickeln. Daniel Ribeiro hat einen reifen Erstlingsfilm präsentiert. Er ist professionell gemacht, nie kommen Längen oder Redundanzen auf. Immer lassen sich die Handlungen der Protagonist_innen nachvollziehen.
Vor allem zeigt der Film auch einmal eine positive Sicht der brasilianischen Mittelklasse, ohne dass Probleme wie Mobbing an Schulen oder Homophobie ausgelassen werden. Aber sie stehen nicht im Vordergrund und werden nicht als unüberwindlich gezeigt. In erster Linie ist Hoje eu quero voltar sozinho eine niedliche Liebesgeschichte. In Hoje eu quero voltar sozinho bekommt man mal nicht den Eindruck, die brasilianische Mittelschicht bestünde ausschließlich aus gekränkten Narzisst_innen, die sich alle gegenseitig hassen. Trotz aller Probleme gibt es eben auch gegenseitige Wertschätzung und ganz normale Teenager-Dramen in brasilianischen Großstädten. Dass Danilo Ribeiro diese Realität zeigt, verstärkt nur die Glaubwürdigkeit seines Films.

Hoje eu quero voltar sozinho // Daniel Ribeiro (Drehbuch und Regie) // Brasilien 2014 // 95 min // Berlinale Panorama

Hoje eu não quero voltar sozinho // Daniel Ribeiro (Drehbuch und Regie) // Brasilien 2010 // 17 min // Im Internet zu sehen auf: www.youtube.com

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