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Mord im Sertão

Am Abend des 4. Februar 2009 fand ein Fischer aus Casa Nova den 56jährigen José Campos Braga, Vater von zehn Kindern, in der Nähe der Plane, unter der er zuletzt den Fazendeiros getrotzt hatte. „Er war eine Symbolfigur im Kampf der Bauern um ihr Land“, sagt Marina da Rocha Braga, Koordinatorin der Landpastorale von Bahia und eine Verwandte des Toten. Sie und die BewohnerInnen gehen davon aus, dass der Mord aus der Unzufriedenheit der Fazendeiros mit der aktuellen Situation geschah. Denn erst im Dezember vergangenen Jahres hatte der örtliche Richter das Enteignungsersuchen der Großbauern suspendiert, und das Nutzungsrecht der BewohnerInnen an dem Land bestätigt. Weihnachten hatten die BewohnerInnen von Casa Nova ihren Etappensieg mit einem großen Fest gefeiert.
Von der Landstraße aus führt eine Erdstraße in das mehr als 20.000 ha große Gebiet von Areia Grande im Munizip von Casa Nova – direkt auf den Wachtposten zu, den die Fazendeiros hier vor einem knappen Jahr errichten ließen, um das Gebiet zu kontrollieren. Am 6. März 2008 hatten sie das Gebiet brutal räumen lassen. „Den Wachtposten haben sich die BewohnerInnen hier in Casa Nova zurück erobert, als sie im April letzten Jahres wieder auf ihr Land zurückgekehrt sind“, so Cícero dos Santos von der Landpastorale in Juazeiro. „Jetzt halten sie von hier aus die Wache. Der Posten liegt ein wenig erhöht, daher kann man schon von weitem sehen, wenn jemand die einzige Einfahrtsstraße hier hereinfährt“. Die 336 Familien, die hier leben, sind zum Teil schon seit mehr als hundert Jahren ansässig, ein anderer Teil wurde Ende der 1970er Jahre während des Baus des Sobradinho-Staudamms hier angesiedelt, weil ihr ursprüngliches Land in den Fluten des Stausees versank.
Mit Schaf- und Ziegenzucht betreiben die Familien aus den vier Gemeinden traditionell an das semi-aride Klima der Region angepasste Nutzungsformen – mehr als 13.000 Tiere leben auf den kollektiven Weideflächen. Das gemeinsame Wirtschaften ermöglicht es, den hier nur selten und ungleichmäßig fallenden Regen besser auszunutzen. So ziehen die Tiere auf dem Land an die Stellen, an denen es geregnet hat. Das Vieh dient den Bauern und Bäuerinnen zum Erwerb wie auch zur eigenen Ernährung. Zusätzlich zu den Gemeinschaftsflächen hat jeder der verstreut liegenden Höfe ein eigenes kleines Feld, auf dem die Einwohner trockenresistente Pflanzen für den Eigenbedarf anbauen. Die BäuerInnen leben darüber hinaus von der Imkerei, und sie haben sich die Seitenarme des Sobradinho-Stausees zu Nutze gemacht. Hier bauen sie in Schwemmlandwirtschaft Maniok und weitere Feldfrüchte an, die in der trockenen Caatinga nicht gedeihen. Es ist ein Leben in Einklang mit dem semi-ariden Klima des kargen brasilianischen Sertão. Und die Bauern und Bäuerinnen von Casa Nova leben auf diese Weise nicht schlecht.
Heute haben die BewohnerInnen eine Gedenkmesse für den Toten, José Campos Braga, organisiert. Sie findet an dem Wachtposten statt, der für die Menschen aus den vier Gemeinden ein symbolträchtiger Ort ihres Widerstandes geworden ist. Aus dem ganzen Munizip strömen sie zusammen, kommen auf Lastwagen und in Jeeps angefahren. Mindestens 200 Personen sind zur Messe gekommen. Gestern hätte José beerdigt werden sollen, doch die Polizei wollte den Körper noch nicht freigeben. So muss die Messe ohne den Körper des Toten auskommen. Trauer ist in den Gesichtern zu sehen, und Kampfeswille.
„Wir nehmen an, dass er von genau den Schurken niedergestreckt wurde, die sich in den letzten Wochen hier in der Gegend herumtrieben, um den Kleinbauern Angst zu machen und sie zum Verlassen des Gebietes zu bewegen“, sagt Marina da Rocha Braga. Vor zwei Wochen waren in Areia Grande Männer aufgetaucht, die niemandem bekannt waren. Besorgt meldeten die Einwohner von Casa Nova dies der Polizei, doch nichts geschah. Die Anzeigen wurden nicht einmal zu Protokoll genommen. Am 4. Februar dann wurde José Campos Braga tot aufgefunden. Schüsse mit einem Schrotgewehr in Hinterkopf und Nacken hatten ihn getötet, um seinen Körper verstreut lagen die Patronenhülsen. „José war einer derjenigen, die am stärksten Widerstand geleistet haben“, bestätigt Valério Rocha, Vertreter des Vereins, den die Dorfbewohner gegründet haben, „als einziger wohnte er die ganze Zeit genau an der Stelle, die die Fazendeiros am meisten interessiert: am Flussufer“. Dort hatte bis vor einem Jahr das Haus von José Campos Braga gestanden.
Der Ursprung des Landkonflikts liegt bereits 30 Jahre zurück. Im Zuge des Pro-Alcóol-Programms der 1970er Jahre wurde das Land für den Anbau von Energiepflanzen interessant, deren Verarbeitung zu Treibstoff die brasilianische Militärregierung förderte. Zu dieser Zeit ließen lokale Politiker das Land kurzerhand als ihren Besitz in das von ihnen selbst geführte Grundbuch eintragen. 1982 verkauften sie es an die Camaragibe S.A. Das Unternehmen wollte in Casa Nova Maniok zur Destillation von Alkohol-Treibstoff anbauen. Die Kleinbauern wehrten sich erbittert: „Damals legten sich die Frauen auf die Erdstraße und blockierten sie mit ihren Körpern“, erzählt uns eine deutsche Nonne, die seit fast vierzig Jahren in der Gegend wohnt. Doch die Camaragibe drängte die Bauern und Bäuerinnen immer weiter von ihrem Land zurück.
Drei Jahre später machte die Firma pleite und die gefälschten Eigentumstitel gingen in die Konkursmasse ein, die dem Banco do Brasil zufiel. Niemand interessierte sich mehr für das Land. Nach und nach kehrten die BäuerInnen zurück. Sie blieben unbehelligt, bis das Gebiet Anfang letzten Jahres wieder „verkauft“ wurde – diesmal im Zuge des weltweiten Agrotreibstoffbooms. Mit Hilfe bewaffneter Sicherheitsleute und in Begleitung von Polizisten ließen die vermeintlichen neuen EigentümerInnen das Land brutal räumen – ohne dass ein Räumungsbefehl bestand oder die Frage des Landbesitzes tatsächlich geklärt gewesen wäre. Die AngreiferInnen zerstörten Häuser, Stallungen, Zäune und Felder der Kleinbauern. Als die Bauern einige Wochen darauf versuchten, auf ihr Land zurückzukehren, wurden sie erneut von maskierten und bewaffneten Männern vertrieben. Polizeiliche Hilfe blieb aus. Denn eben jene Polizisten, die die Bauern und Bäuerinnen zu Hilfe zu rufen suchten, waren bereits vor Ort: Sie verdienten sich bei den „Käufern“ des Gebietes ein Zubrot.
Erst in Folge massiven Drucks der lokalen sozialen Bewegungen konnten die Familien nach einem richterlichen Entscheid Anfang April 2008 in ihr Dorf zurückkehren. Im Dezember vergangenen Jahres wurden den Bäuerinnen die Nutzungsrechte an dem Land nochmals bestätigt. Über einen Besitztitel aber verfügen sie bislang nicht. Seit der Entscheidung Ende 2008 ging der Prozess nicht mehr voran.
Für die Bauern und Bäuerinnen ist alles anders, seit im letzten Jahr die Bulldozer in Casa Nova angerückt sind. „Früher war es hier ruhig, wir haben ohne jede Angst von dem Land gelebt“, berichtet eine Bäuerin, „heute trauen wir uns nicht mehr allein aufs Feld, und wenn wir abends nach hause kommen, schließen wir die Türen ab“. Ihr Mann ist zur Feldarbeit gegangen. „Ich mache mir Sorgen. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht allein dort hinausgehen, wer weiß, was noch alles geschehen kann“. Auf der Messe ergreift Valério Rocha das Wort: „Wir alle müssen aufpassen, damit nicht noch jemand sterben muss. Wenn ihr irgendwo hingeht, tut dies mindestens zu zweit. Wenn euch etwas ungewöhnliches auffällt, sagt allen Bescheid.“
Die BewohnerInnen von Casa Nova wollen um ihr Land kämpfen, wollen unabhängig auf ihrem Land leben, und nicht zu Erntearbeitern auf den Zuckerrohrfeldern werden. Sie fordern die Ausstellung eines Landtitels über die Gemeinschaftsweiden. „Solch eine Entscheidung wäre nicht nur für die Bauern und Bäuerinnen von Casa Nova von Belang“, erklärt Cícero dos Santos. „Sie hat Signalwirkung auch für andere Gemeinschaftsweiden. Jeder Hektar, der anerkannt in der Hand der Kleinbauern ist, ist ein verlorener Hektar für das Agrobusiness. Insofern hätte eine Anerkennung des Landbesitzes eine Wirkung weit über Casa Nova hinaus.“ Die endlosen Weiten der Zuckerrohrfelder, die wir am Rande der Landstraße gesehen haben und auf denen Treibstoff für Autos produziert wird, könnten sich dann nicht weiter in das Land fressen, und seinen Einwohnern die Lebensgrundlage entziehen.
„Ein Freund ist gestorben, aber er wird wieder auferstehen“, singen die BesucherInnen der Messe – und ihren Gesichtern ist anzusehen, dass sie damit meinen, dass José in ihrem Kampf weiterleben wird. „das Volk wird es nicht vergessen“, fahren sie in ihrem Gesang fort. Sie wollen sich nicht einschüchtern lassen. Sie fordern ihren Schutz, eine genaue Aufklärung des Mordes und die Bestrafung der Verantwortlichen.
// Kirsten Bredenbeck

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