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„Natürlich sind wir müde, aber wir müssen weitermachen”

Die Widerstandsgurppe Brigada Médica de la Resistencia kümmert sich seit Juli um Mitglieder der Widerstandsbewegung, die Opfer von Polizei- und Militärgewalt geworden sind. Wieso gehen die verletzten Personen nicht einfach ins Krankenhaus?
Zu Anfang gab es viele Fälle, in denen Verletzte in den öffentlichen Krankenhäusern nicht behandelt wurden, aus dem einzigen Grund, weil sie der Widerstandsbewegung angehören. Selbst einem Arzt, der von der Polizei stark verletzt wurde, verweigerten seine eigenen Kollegen im öffentlichen Krankenhaus die Behandlung. Ein anderer Punkt ist, dass seit dem Putsch in den öffentlichen Krankenhäusern ständig PolizistInnen anwesend sind. Wenn sie Personen der Widerstandsbewegung erkennen, nehmen sie die gleich mit. Aus diesen Gründen behandeln wir die Leute, bringen sie in Arztpraxen oder rufen befreundete ÄrztInnen an. Wir haben häufig festgestellt, dass verletzte Menschen einfach nach Hause gehen und sich nicht behandeln lassen, aus Angst vor Repressionen. Auch Menschen, die psychologische Hilfe brauchen wissen oft nicht, wohin sie gehen sollen. Sie haben Angst, dass ihre Informationen weitergegeben werden.

Dokumentieren Sie Ihre Arbeit, um mit den Informationen später zur Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen beizutragen?
Es gibt eine Sektion für Menschenrechte. Auch wenn wir nur informell existieren, sind wir sehr formell. Die ÄrztInnen führen eine Statistik für die medizinischen Fälle. Ich führe die Statistik der psychologischen Fälle. Wir halten alle Fälle schriftlich fest, mit Vorname, Nachname und dem Vorfall. Dann zeigen wir Menschenrechtsverletzungen an. Auch die AnwältInnen halten alles schriftlich fest. Wir wissen, wie wichtig das ist. Und wir ermutigen jede Person, ihren Fall zu melden, wenn die Verletzung zum Beispiel durch illegales Tränengas verursacht wurde. Deswegen haben wir unsere eigenen AnwältInnen, die dann all diese Fälle vor die Menschenrechtskommissionen tragen. Die Menschen brauchen Vertrauenspersonen, denn sie wissen zurzeit nicht, an wen sie sich wenden können, wem sie vertrauen können. Die MitarbeiterInnen der Brigade schaffen dieses Vertrauen.

Sie sehen sich als Teil der Widerstandsbewegung. Welche Hauptziele verfolgt die Bewegung derzeit?
Wir wollen die Verfassunggebende Versammlung. Viele glauben, dass nach der Wiedereinsetzung von Zelaya alles erreicht ist. Sie denken, dass nach den Wahlen alles vorüber ist. Nein! In den letzten Monaten wurden Allianzen geschlossen, es wurde ein Bewusstsein geweckt, das wir jetzt nutzen werden um weiterzumachen. Unser erstes Ziel ist immer noch die Wiedereinsetzung von Manuel Zelaya. Der zweite Schritt ist die Verfassunggebende Versammlung. Ein weiteres Ziel ist die Abschaffung der Berufsarmee. Wir brauchen keine Armee, nur eine Polizei. Dies sind sehr klare Ziele und natürlich brauchen wir dafür grundlegende, alternative Reformen.

Welche Aktionen hat die Bewegung für die kommenden Tage und Wochen geplant
In diesem Moment warten wir einfach nur ab und beobachten, ob die getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden. Es wird angenommen, dass wir sehr bald eine Antwort bekommen und die Wiedereinsetzung von Zelaya stattfindet. Wir marschieren zurzeit nicht, da die De-facto-Regierung uns ein Gesetz auferlegt hat, das uns verpflichtet die Demonstrationen 24 Stunden vorher bei der Polizei anzumelden. Aber Vorsicht! Dieses Gesetz gilt nur für den Widerstand. Am 29. Oktober haben wir mit Erlaubnis demonstriert, wurden aber dennoch stark unterdrückt. Es gab 32 Verletzte, drei davon von der Brigade, die mit Vergiftungserscheinungen durch das Tränengas und aufgrund von Schlagverletzungen durch die Polizei in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Das heißt, selbst mit einer Demonstrationsgenehmigung durch die Polizei werden wir unterdrückt. Sie hat überhaupt keinen Respekt gegenüber den Menschen, die sich für ihre Rechte stark machen. Deswegen wollen wir Provokationen vermeiden. Wir wollen nicht, dass die De-facto-Regierung uns nachsagt, wir würden uns nicht ans Gesetz halten. Daher machen wir kulturelle Veranstaltungen, sind vorsichtig und warten zunächst einmal ab.

Welche Methoden der Einschüchterung und Repression werden von Militär und Polizei gegen die Bevölkerung eingesetzt?
Da ist natürlich der Einsatz von Tränengas. Darüber hinaus wird Pfeffergas benutzt, was verboten ist. Außerdem wurde der Holzknüppel, den die Sicherheitsbeamten benutzen, durch einen Metallknüppel ersetzt, was schon zu vielen Knochenbrüchen geführt hat. Die Militärs verfolgen und töten. Es gibt bisher offiziell 27 Menschen, die durch die Sicherheitskräfte ermordet wurden. Sie sperren uns ohne jedes Motiv in die Gefängnisse.
Ich erinnere daran, dass wir uns immer noch unter einem Dekret befinden, durch das die Polizei und die Armee die gesamte Macht besitzen. Die Repressionen sind psychischer und physischer Art. Die Polizei geht mit Knüppeln auf die Menschen los, ohne zu unterscheiden, ob es sich dabei um Frauen, Männer, Alte oder Kinder handelt. Alle, die gegen die De-facto-Regierung sind, sind Feinde. Alle, ohne Ausnahme. Es gab sogar Fälle, in denen die Protestmärsche schon vorbei und die Menschen auf dem Weg nach Hause waren; die Polizei hat sie verfolgt und angefangen auf sie einzuschlagen. Dies sind anhaltende Provokationen, die in ganz Honduras stattfinden. Ich habe Morddrohungen erhalten, weil ich in der Menschenrechtsabteilung der Widerstandsbewegung arbeite. Diese Drohungen kommen meistens schriftlich. Auf der Straße erkennt mich die Polizei und macht mir Handzeichen, dass sie mich umbringen wollen.

Mittlerweile sind über vier Monate seit dem Putsch vergangen. Werden die Honduranerinnen und Honduraner nicht langsam müde zu demonstrieren und protestieren?
Der anhaltende Protest ist ein Phänomen, das es so in Honduras noch nicht gegeben hat. Noch nie gab es in diesem Land einen Widerstand gegen Diktatoren und Putschisten wie es dieses Mal der Fall ist. Niemand hatte damit gerechnet, schon gar nicht die Putschisten. Aber selbst wir von der Bewegung sind überrascht. Wir haben es geschafft, bis zu einer halben Million Menschen in den Märschen zu mobilisieren und die Menschen lehnen sich weiterhin gegen die Putschregierung auf. Dabei sind nicht nur die Menschen auf den Märschen zu zählen, sondern auch alle, die zum Beispiel Gelder spenden oder medizinische Hilfe leisten. Viele der ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen gehen nicht auf die Märsche wegen der vielen Arbeit, die sie haben. Aber sie unterstützen die Sache. Die Widerstandsbewegung geht weit über das hinaus, was man auf den Straßen sieht. Wir sind ein großes Netzwerk und die Putschisten hätten nie mit einer solchen Form der Antwort auf ihre Machenschaften gerechnet. Natürlich sind wir müde, aber wir müssen weitermachen. Denn wenn wir jetzt aufgeben, werden wir eine Menge an Rechten verlieren, die über die Jahrzehnte hinweg erkämpft wurden.

Alfonso Lacayo
ist 47 Jahre alt und arbeitet als Psychologe in einer Privatklinik in Tegucigalpa. Er ist Mitglied der Medizinischen Brigade der Widerstandsbewegung und verbringt seit dem Putsch einen Großteil seiner Zeit damit, Menschen aus der Widerstandsbewegung zu helfen, die Opfer von Polizei- und Militärgewalt wurden. Er fungiert dabei als Koordinator und Vertrauensperson, außerdem ist er freiwilliger Helfer des Zentrums für Prävention, Behandlung und Rehabilitation für Folteropfer (CPTRT).
Die Brigada Médica de la Resistencia ist ein Netzwerk aus ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen, KrankenpflegerInnen und sonstigen im Gesundheitsbereich tätigen Personen und wurde im Juli dieses Jahres von PsychologiestudentInnen ins Leben gerufen. Dabei laufen die Mitglieder der Brigade auf den Protestmärschen mit und dienen als Anlaufstelle für medizinische Hilfe sowie Fragen bezüglich Menschenrechtsverletzungen. Zusammen mit AnwältInnen der Widerstandsbewegung wird unter anderem versucht, zu Gefangenen vorgelassen zu werden, die während der Proteste festgenommen wurden.

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