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Neue Ermittlungen im Fall Schäfer

Immer wieder glaubten die GegnerInnen der ehemaligen Colonia Dignidad, die pseudo-religiöse Gruppe um den mittlerweile 84-jährigen Paul Schäfer besiegt zu haben. Dem war aber nicht so. Die Enklave im Süden Chiles wurde 1961 von Schäfer gegründet, der dort eine von nationalsozialistischen Gedanken und Sekteneinflüssen geprägte Zwangswelt aufbaute. Zwar wurde sie formal 1991 vom chilenischen Staat aufgelöst, der rechtliche Träger des Guts existierte faktisch jedoch weiter; das Vermögen wurde auf sieben neu gegründete Gesellschaften übertragen und die Kolonie in Villa Baviera umgenannt. Nachdem mehrere chilenische Eltern Schäfer im Juni 1996 wegen Kindesmissbrauch verklagten, nahmen sich die chilenischen Behörden des Problems Colonia Dignidad endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit an. Im August 1996 wurde ein Haftbefehl gegen Paul Schäfer ausgestellt. Doch Schäfer tauchte unter. Auf einer von seinen engsten Vertrauten angemieteten Farm im Großraum Buenos Aires fand der durch ein chilenisches Gericht im November 2004 in Abwesenheit verurteilte Schäfer Unterschlupf. Chilenische ReporterInnen stießen im Januar 2004 in Argentinien auf seine Spur, was dazu führte, dass Schäfer zusammen mit fünf seiner BegleiterInnen am 10. März 2005 verhaftet wurde. Nach einer schnellen Abschiebung nach Chile befindet sich Schäfer, der nach einer Bypass-Operation mittlerweile im Rollstuhl sitzt, seit dem 13. März 2005 im Hochsicherheitstrakt des Gefängniskrankenhauses in Santiago.
Ebenfalls in Santiago in Haft sind fünf der führenden Mitglieder der ehemaligen Colonia Dignidad: Hartmut Hopp, damals Arzt der Sekte, Gerhard Mücke und Karl van den Berg, die für den so genannten „Sicherheitsdienst“ zuständig waren. Außerdem Kurt Schnellenkam. Die fünf in Argentinien verhafteten Begleitpersonen von Schäfer befinden sich dort inzwischen nicht mehr im Gefängnis, stehen aber unter polizeilicher Aufsicht. Sie wehren sich mit juristischen Mitteln gegen ihre Auslieferung nach Chile.

Waffenfund in der Colonia

Im Juni 2005 wurden bei Durchsuchungen der Colonia Dignidad von der chilenischen Polizei weitere Beweise für die Zusammenarbeit der Sekte mit der Pinochet-Diktatur und der ehemaligen Geheimpolizei DINA entdeckt. Neben einem größeren Waffenarsenal mit Handfeuerwaffen, Minen, Granaten sowie Raketenwerfern wurden vergrabene Autos gefunden, die verschwundenen politischen Gefangenen gehört hatten. Der Tipp für die Grabungsstelle kam von Efraim Fedder, der im Dezember 2002 die Kolonie verließ und in seinem Buch „Weg vom Leben“ über das interne Terrorregime der Sekte und auch vom Verschwindenlassen politischer Gefangener in der Colonia in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst berichtete. Auch andere Angehörige der Sekte haben mittlerweile dem zuständigen Untersuchungsrichter bereitwillig Auskunft erteilt. Anfang Oktober 2005 sind daraufhin die einsitzenden Führungspersonen der Colonia Dignidad zusätzlich wegen illegalen Waffenhandels angeklagt worden.
Darüber hinaus wurde in einem Versteck auf dem Gelände der heutigen Villa Baviera ein Archiv der DINA mit mehr als 40.000 Karteikarten gefunden. Die meisten sind vom Operationskommando Süd und der regionalen Brigade der DINA erstellt worden. Die Materialien dokumentieren laut der chilenischen Zeitung La Tercera den Aufenthalt von verschwundenen Gefangenen auf dem Gut sowie die Namen der Beteiligten an Entführung und Folter. Gerhard Mücke hat inzwischen ausgesagt, dass sich Sektenangehörige auch an Erschießungen von politischen Gefangenen beteiligt haben. Auf den Karteikarten finden sich Abschriften der durch Folter erzwungenen Aussagen sowie Geheimdienstanalysen und Richtlinien der DINA für die Suche nach weiteren politischen GegnerInnen. Unter den Karteikarten befinden sich auch solche, die zwischen 1967 und 1970 von der damaligen Politischen Polizei angefertigt wurden und die GegnerInnen der Sekte betreffen. La Tercera äußerte den Verdacht, dass dieses Material der Sekte Ende 1974 von der DINA zur Verfügung gestellt wurde, als die Zusammenarbeit vereinbart wurde. Das Archiv diente der Colonia Dignidad, sich ein Unterstützungsnetz aus chilenischen PolitikerInnen aufzubauen beziehungsweise Material zu deren Erpressung zur Verfügung zu haben.

Steuerhinterziehung und Zwangsarbeit

Am 26. August 2005 kam die Polizei mit Panzerwagen, Wasserwerfer und Hubschrauber in die Colonia Dignidad. Die Richterin Ximena Pérez aus der Provinzhauptstadt Parral übertrug dem Konkursverwalter Herman Chadwick die Regie über die sieben Firmen, die nach der formalen Auflösung der Sektengesellschaft im Jahr 1991 die Geschäfte der Gruppe betrieb. Die Unternehmen dienen der Vermarktung von Lebensmitteln, Getreide oder Holz und dem Betrieb eines Restaurants in Bulnes. Seit 1991 verschwanden Millionenbeträge. Pérez ermittelt wegen Bildung einer illegalen Vereinigung, Steuerhinterziehung und Zwangsarbeit.
Diese Bemühungen erlitten Mitte September jedoch einen Rückschlag. Der vom Obersten Gerichtshof neu ernannte Untersuchungsrichter Jorge Zepeda, dem sämtliche Ermittlungen gegen die Sekte übertragen wurden, hob die Zwangsverwaltung wieder auf. Seine Ermittlungen will er auf sechs Mitglieder beschränken. Aufgehoben hatte er bereits die richterliche Anordnung, gegen die Führung der Colonia Dignidad ein Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung einzuleiten. Seine Entscheidung begründete er damit, dass den Opfern durch die juristischen Maßnahmen nicht geholfen sei. Während die Führungsclique der Colonia Dignidad die Rücknahme der Zwangsverwaltung bejubelte, ist die Generation der etwa 40-jährigen Kolonie-BewohnerInnen enttäuscht, da sie sich erhofft hatten, durch die Bemühungen des Zwangsverwalters Licht in das Dunkel der finanziellen Transaktionen zu bringen und allen ArbeiterInnen reguläre Löhne zu zahlen. Das Innenministerium hat vor dem Obersten Gerichtshof die Aufhebung der Zwangsverwaltung angefochten. Eine Entscheidung ist noch nicht bekannt.
Die Verhaftung eines Großteils der Führungsgruppe hat die im Gut Verbliebenen, etwa 180 deutsche StaatsbürgerInnen, zwar weitgehend führungslos gemacht, andererseits aber eine gewisse Öffnung der Gruppe bewirkt. Das Gut kann nun ohne Kontrollen betreten werden und Presse wird nicht mehr abgewiesen. Auflösungserscheinungen sind unverkennbar: Die früher strikte Trennung nach Geschlecht und Alter wurde aufgehoben und der Kontakt zu Verwandten in Deutschland wieder aufgenommen. Einige Personen verließen sogar das Gut und versuchen in Chile oder auch in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Eine Gruppe der BewohnerInnen distanzierte sich inzwischen von ihrer bisherigen Führung und ihrer Vergangenheit. In einem Interview mit der chilenischen Zeitung La Nación vom 5. Juni 2005 äußerte Michael Müller, damals provisorischer Sprecher der Colonia Dignidad, dass schwere Anschuldigungen geäußert worden seien und jeder seinen Teil der Verantwortung übernehmen müsse. Angehörige dieser Gruppe arbeiten mit den chilenischen Behörden zusammen und erteilen Auskunft über das Leben in der Colonia Dignidad und deren Zusammenarbeit mit der Pinochet-Diktatur. Mit einem in Deutsch und Spanisch verbreiteten Memorandum vom Oktober 2005 wurde außerdem öffentlich um Vergebung gebeten.

Deutsche Beteiligung

Seit Ende des letzten Jahres muss sich Paul Schäfer, zusammen mit zwei Mitgliedern der DINA, wegen der Beteiligung am Verschwindenlassen des politischen Gefangenen Alvaro Vallejo verantworten. Auch in weiteren Verfahren, zum Beispiel wegen der Entführung des Mitglieds der bewaffneten Widerstandsgruppe MAPU Juan Maino Canales, wird er von verschiedenen RichterInnen verhört. Außerdem ist er der Bildung einer illegalen Vereinigung und des Waffenhandels angeklagt. Ihm wird in absehbarer Zeit der Prozess gemacht werden. 20 weitere Führungsmitglieder, die bereits vor einem Jahr wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch und Kindesentführung verurteilt worden sind, stehen kurz vor einer weiteren Verurteilung. Dabei wird viel davon abhängen, inwieweit es gelingt, die ökonomische Existenz der Enklave nach Verurteilung der Führungsclique zu sichern. Eine bedeutende Rolle spielt hier der chilenische Staat, der gegen die Colonia Dignidad Steuernachzahlungen in Millionenhöhe geltend macht und deshalb eine Beschlagnahme der Güter bewirkt hatte.
Eine Lösung muss auch für die chilenischen Opfer der Colonia Dignidad gefunden werden. Ehemalige politische Gefangene haben zivilrechtliche Ansprüche gegen die deutschen Helfer der Folterer gestellt. Die Lösung für diese Probleme wäre die Gründung einer Art Stiftung aus Teilen des Vermögens der Sekte. Aus diesem Grundstock könnte den Opfern der Diktatur zum Beispiel eine kleine Rente gezahlt werden. Im März 1976 veröffentlichte die deutsche Sektion von Amnesty International ihre Broschüre „Colonia Dignidad – Ein Folterlager der DINA“. Es bleibt zu hoffen, dass nun nach mehr als 30 Jahren endlich der wesentliche Teil der Verbrechen aufgeklärt wird, der in der Colonia Dignidad vom chilenischen Geheimdienst mit Hilfe der Deutschen begangen wurde. Hilfreich dazu könnte sein, dass endlich auch die Bundesregierung ihre Kenntnisse, einschließlich derer der deutschen Geheimdienste, veröffentlicht.

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