«

»

Artikel drucken

Nürnberg in Lateinamerika

Nicaragua war aus der Mode.
Während in den 80er Jahren jeder Besucher aus der Partnerstadt San Carlos einen Saal füllte, blieben zehn Jahre später die Reihen oftmals leer. Selbst Ernesto Cardenal las einmal – nachdem 1985 Tausende zur ersten Lesung gekommen waren – vor wenigen, dürftig besetzten Stuhlreihen aus seiner Biographie. Doch hat man es in Nürnberg geschafft, nach der anfänglich großen, politisch bedingten Euphorie in den 80er Jahren und einigen Umorientierungs – und Lehrjahren in den 90ern nun eine weiterhin auf Solidarität beruhende, beide Seiten bereichernde Partnerschaft zwischen den Menschen fortzuführen und auszubauen. Dabei war entscheidend, die alten Freunde nicht aus vermeintlich politischen Gründen fallen zu lassen, nachdem 1990 die revolutionäre Regierung der FSLN abgewählt wurde.
Die Zusammenarbeit mit den Partnern in San Carlos brachte immer wieder neue Herausforderungen mit sich. Während der vierjährigen Amtszeit des Bürgermeisters Silvio Pilarte von der Liberalen Partei bis 2000 stellte man sich in Nürnberg schließlich die Frage, mit welchen Partnern man überhaupt zusammenarbeiten könne. Das bereits unter seiner Vorgängerin, der sandinistischen Bürgermeisterin Gloria Guevara Silva, angeschlagene Vertrauen konnte Pilarte nicht zurückgewinnen. So suchte die Stadt Nürnberg andere Partner, um sicher zu stellen, dass die vorgesehenen Mittel zur Projektförderung, Steuermittel der Nürnberger Bürger, korrekt verwendet würden. Gefunden wurden u.a. die kleine Volksuniversität UPONIC, die Clínica San Lucas, aber auch ein irischer Padre, Cornelio Doogan, der sich in den ländlichen Gemeinden von San Carlos für Infrastruktur- und Bildungsmaßnahmen engagiert. Der Aufbau dieser neuen Kontakte war oft langwierig und mühsam. Immer ist auch das Anliegen der Stadt Nürnberg zu berücksichtigen, nicht nur vor Ort sinnvolle Projekte zu unterstützen, sondern diese auch für Kontakte und Beziehungen zwischen den Bürgern beider Städte zu nutzen und in die Öffentlichkeitsarbeit einzubringen.
Auch in finanzieller Hinsicht hat die Städtepartnerschaft Höhen und Tiefen durchgemacht. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre, als die Städtepartnerschaft mit San Carlos boomte und ständig Reisegruppen in beide Richtungen unterwegs waren, standen dem heutigen Amt für Internationale Beziehungen – der damaligen Abteilung für Städtepartnerschaften im Bürgermeisteramt – bis zu 130.000 DM pro Jahr allein für diese Partnerschaft zur Verfügung. Große Projekte, wie Trinkwasserversorgung, Regenentwässerung, der Bau eines Hospitals und vieles mehr wurden unterstützt.

Nicaragua ist Out, Antalya und Nizza sind In
Heute steht nur noch knapp die Hälfte dessen zur Verfügung. Die Gründe sind jedoch nur teilweise in der Finanzmisere der Kommunen zu suchen. ln den 90er Jahren, als nach 50-jähriger SPD-Regierung diese eine Wahlperiode lang von einer CSU-Mehrheit abgelöst wurde, hat sich die Zahl der Städtepartnerschaften Nürnbergs fast verdoppelt, entsprechende Mittel wurden von den alten Partnerschaften abgezogen. Aber auch der Zeitgeist ist heute ein anderer: Nicaragua ist unmodern geworden, wird nicht mehr wie in den 80er Jahren täglich, sondern allenfalls noch halbjährlich in der Nürnberger Presse erwähnt. Für 2003 wurden erneut die Mittel für San Carlos, wie auch die anderer Partnerstädte, gekürzt. Erhöht wurden hingegen die verfügbaren Gelder für Antalya an der türkischen und Nizza an der französischen Riviera. Da hilft es auch nichts, wenn der jetzige Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in jungen Jahren eifrig Nicaraguakaffee getrunken hatte.
In den letzten Jahren hat das Interesse an San Carlos wieder sprunghaft zugenommen; es gibt wieder volle Säle bei Dia-Shows von Rückkehrern, die von ihren Erfahrungen berichten, und viele Menschen, die den Kontakt zu San Carlos suchen.

Begegnungsarbeit und Projektunterstützung
Das erstarkte Interesse ist u.a. der Tatsache zuzuschreiben, dass sich seit dem Amtsantritt des derzeitigen, sehr engagierten Bürgermeisters Luis Coronel Cuadra von der FSLN 2001 die Beziehungen auf offizieller Ebene sehr gefestigt haben. Dies trotz der oft enormen technischen Schwierigkeiten. Nur sehr selten ist San Carlos per Fax und erst seit August 2003 manchmal per e-mail zu erreichen. Begegnungen haben mit dem ehemaligen OB Scholz (CSU) und dem derzeitigen OB Maly (SPD) stattgefunden. Zwischen den beiden Stadtverwaltungen findet ein kontinuierlicher und fruchtbarer Austausch statt. 2002 wurde vom Ältestenrat eine Summe von US$ 18.070 für den Bau einer wichtigen Straße bewilligt, 2003 wurde die Neugestaltung des Platzes am Fluss- und Seeufer, dem malecón, bezuschusst.
Auf europäischer Ebene versucht man, die Arbeiten zu bündeln und an einem Strang zu ziehen. So wird dieses Projekt auch von anderen europäischen Partnerstädten von San Carlos unterstützt.
Die Projektförderung ist für San Carlos wichtig, aber nicht die wesentliche Säule für die Städtepartnerschaft. Auch im Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg sieht man Begegnungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit in Nürnberg als mindestens gleichwertig an. Vor der letzten Sparrunde dazu befragt, wo man sparen sollte, meinte der Vize-Bürgermeister Mauricio Martinez aus San Carlos im Oktober 2002: „Auf keinen Fall bei den Begegnungen und Besuchen. Die Freundschaften zwischen den Menschen sind uns am wichtigsten, auf die möchten wir auf keinen Fall verzichten.“
2003 besuchten wieder 14 Jugendliche aus Nürnberg die kleine Stadt am Río San Juan. 2004 erwartet man – sofern sich nicht die Sparzwänge durchsetzen – eine Jugendgruppe aus San Carlos in Nürnberg. Der Jugendaustausch gilt als das wichtigste Element der Städtepartnerschaft. 18 Jahre in Folge wird er durchgeführt, im jährlichen Wechsel fahren Nürnberger nach San Carlos oder empfangen von dort Besuch. Jedes Jahr helfen meist junge Menschen aus Deutschland in Einrichtungen oder Projekten in San Carlos mit. So arbeiten Ende 2003 eine Kinderärztin und ein OP-Pfleger in der Clínica San Lucas, eine Studentin in der Kinderbibliothek und ein Student als Sporttrainer. Gäste aus San Carlos halten sich leider viel weniger als früher in Nürnberg auf; die hohen Flugkosten und den Betreuungsaufwand kann Nürnberg nicht mehr in dem Maße wie früher aufbringen.

Einmaliger Lernprozess
In den 80er Jahren hatte die Städtepartnerschaft noch einen sehr politischen Charakter. Auf Grund der Euphorie anlässlich der sandinistischen Revolution war durch das Engagement der Grünen die offizielle Partnerschaft zu Stande gekommen. Erst in den letzten Jahren erkannte die CSU ihre Bedeutung. Heute ist die Parteipolitik kein Thema mehr. San Carlos gilt jetzt ein wenig als der Ort, durch den man den Nord-Süd-Konflikt konkret begreifen und mehr über den lateinamerikanischen Kontinent mit seinem kulturellen Reichtum lernen kann. San Carlos fungiert sozusagen als Tor zu Lateinamerika, als erster Anknüpfungspunkt vor allem für Kinder und Jugendliche.
Diese sind ein wichtiges Zielpublikum für das Amt für Internationale Beziehungen. Gäste aus San Carlos besuchen immer auch Schulen, die Lehrer werden gezielt bei aktuellen Veranstaltungen wie Dia- und Filmabenden angesprochen. Eine Broschüre mit 130 Texten von Schülerinnen aus San Carlos zum Thema „Die Straße, in der ich wohne“ soll hiesigen jungen Menschen den nicaraguanischen Alltag näher bringen. Bei Jugendlichen hat ein wesentlicher Wandel stattgefunden. Früher reisten sie wegen der Revolution und ihren Nachwirkungen nach San Carlos. Die derzeitige junge Generation hat genauso Schwung und Begeisterungsfähigkeit, rutscht jedoch weniger in die Rolle des Sympathisanten oder die des Wohltäters. In San Carlos hat man öfter Probleme mit den cheles, wie die weißen Europäer dort genannt werden. Sie kommen, um ihnen zu helfen, indem sie ihnen zeigen, alles „besser“ zu machen. Im Programm der Städtepartnerschaft geht es um was anderes: es geht um gemeinsames Arbeiten und Leben, um Austausch und meist auch um Lernbereitschaft. Das wunderbar treffende, doch kaum übersetzbare Wort der Sancarleños dafür lautet: „Compartir“ – etwa: Erfahrungen gemeinsam machen, Freud und Leid teilen. Ein Begriff, den man auf der Straße in San Carlos lernt.

Aufwind für den Städtepartnerschaftsverein
Der Städtepartnerschaftsverein Nürnberg – San Carlos, mit dem das städtische Amt punktuell intensiv zusammenarbeitet, freut sich in letzter Zeit über deutlichen Aufschwung. Bei den monatlichen Sitzungen geht es wegen der vielen Teilnehmer und Besucher wieder sehr eng zu; man profitiert regelmäßig von den frischen Erfahrungen aus San Carlos. Viele neue Ideen sind im Entstehen; das 20-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft im November 2005 soll gemeinsam mit dem Amt für Internationale Beziehungen groß gefeiert werden.

Infragestellung der eurozentristischen Sichtweise
San Carlos ist für Nürnberg wichtig. Um Fragen zu stellen, auf die oft keine schnelle Antwort gegeben werden kann, um den uns innewohnenden Paternalismus zu debattieren, auch um uns von unserer oft selbstgefälligen eurozentristischen Sichtweise zu lösen. Dies ist ein Prozess, der oft nicht bewusst, sondern in ständiger Kleinarbeit durchlaufen wird.
Somit ist San Carlos den NürnbergerInnen ein ungemein wichtiger Freund und Partner. Und wer sich auf nähere Bekanntschaft mit der Stadt einlässt, kann sich dem zwar nicht schönen, aber spannenden Ort in den Feuchttropen, vor allem aber der Faszination der menschlichen Beziehungen zu San Carlos kaum entziehen.
Es bleibt zu hoffen, dass 18 Jahre wertvoller Aufbauarbeit auch vor den Sparkommissaren Anerkennung finden, so dass dieser einzigartige Lernprozess mit seinen nachhaltigen Erfahrungen für beide Seiten noch lange fortgesetzt werden kann.

Weitere Informationen:
Karin Gleixner
Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg, Weinmarkt 4, 90317 Nürnberg
Tel.:0911-231 5043
karin.gleixner@bga.stadt.nuernberg.de
www.partnerstaedte.nuernberg.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/nuernberg-in-lateinamerika/