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Nur die Regierung bewegt sich nicht

El Salvador schien langsam zur Ruhe zu kommen, das letzte etwas stärkere Nachbeben lag bereits einige Tage zurück. Am 13. Februar sollte der Toten des verheerenden Erdbebens vor genau einem Monat gedacht werden. Doch die Rückkehr zur Normalität fiel aus, ein zweites Erdbeben richtete in La Paz, San Vicente und Cuzcatlán, drei Provinzen im Zentrum des Landes, schwere Schäden an. 300 Menschen starben, zehntausende Häuser fielen in sich zusammen oder wurden so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. San Miguel Tepezontes, San Pedro Nonualco und Santa María Ostuma sind einige der Orte, die fast völlig zerstört sind, der Wiederaufbau wird Jahre dauern.
Beim ersten Beben wurden die anderen Landesteile nur wenig betroffen. Spätestens nach dem zweiten Beben ergriff eine allgemeine Panik die Menschen, die noch durch das dritte Beben vier Tage danach verstärkt wurde. Diesmal lag das Epizentrum im Süden der Hauptstadt San Salvador, die Schäden waren gering. War’s das, oder folgt der große Knall erst noch? Manche selbst ernannte Experten geben sogar Tag und Stärke des nächsten Erdbebens an. Auch wenn einige dieser Termine bereits ohne größere Katastrophen verstrichen sind, die regelmäßigen leichteren und mittelschweren Nachbeben sorgen für neue Gerüchte. Normalerweise vernünftige Menschen glauben nun sogar zu wissen, dass der Untergang Zentralamerikas nur mehr eine Frage der Zeit sei.
Fakt ist, dass einige seismologische Gräben aktiviert wurden und damit die reale Gefahr weiterer, auch schwerer Beben besteht. Klar ist aber auch: Nix genaues weiß man nicht, die Erdbebenforschung ist noch nicht in der Lage, exakte Vorhersagen über zukünftige Beben zu treffen. Die salud mental, das psychische Gleichgewicht, ist nach bald 4.000 Beben seit dem 13. Januar auch bei jenen Menschen angegriffen, deren Haus noch unbeschädigt ist und die nicht zu den direkten Erdbebenopfern zählen.
Bei nur rund 6 Millionen EinwohnerInnen sind dies rund 1,3 Millionen Menschen in El Salvador, also mehr als jedeR fünfte BewohnerIn des Landes. Sie haben ihre Häuser verloren oder wohnen in Gegenden, die stark von Erdrutschen bedroht sind. Schon jetzt gehen täglich neue Erd- und Gerölllawinen von den durch die Beben aufgebrochenen Hängen ab. Offizielle Stellen kündigen bereits an, dass einige Dörfer in der Regenzeit, die im Mai beginnt, wohl auch längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten sein werden.

El Salvador im Notstand

El Salvador befindet sich im Notstand, doch die Regierung lehnt es ab, sich mit anderen Kräften zu koordinieren. Das Nationale Wiederaufbaukomitee (CONASOL) ist ausschließlich mit ARENA-Anhängern oder -funktionären besetzt, Präsident Flores verweigert jegliche Absprache mit der Opposition. Aber nicht nur die Ex-Guerillabewegung FMLN, heute immerhin die stärkste Kraft im Parlament, wird links liegen gelassen. Auch die Kirchen, Nichtregierungsorganisationen sowie nationale und internationale Hilfswerke klagen über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Regierung, die keinerlei Interesse zeigt, die nächsten Schritte Richtung Wiederaufbau zu diskutieren.
Bis zur Regenzeit müssen hunderttausende Menschen, die bis heute unter Plastikplanen oder in Notünterkünften hausen, ein fes-tes Dach über den Kopf bekommen. Der Sozialfonds für Lokale Entwicklung (FISDL), ein vor allem von der Interamerikanischen Entwicklungsbank finanzierter Investitionstopf der Regierung, verteilt nun im ganzen Land Wellblech und Holzpfosten für den Bau provisorischer Hütten. Doch die Materialien für diese techos provisionales sind viel zu knapp bemessen. Mit Dach und Wänden aus Wellblech sind diese gerademal etwas mehr als 12 Quadratmeter großen Hütten in den heißen Gegenden des Landes eher als Backöfen zu gebrauchen, denn als Unterkunft für eine mehrköpfige Familie inklusive Hausrat.
Die meisten Hilfsorganisationen haben sich für andere Modelle entschieden. Doch die Kritik prallt an der Regierung ab, das Land wird mit den Blechschachteln überzogen. Auf Kritik reagiert die Regierung ohnehin äußerst gereizt. Nach dem Erdbeben vom 13. Februar beschuldigte Präsident Flores den privaten Fernsehsender Canal 12, das Land seit dem ersten Beben in Misskredit gebracht und damit eine größere internationale Hilfe verhindert zu haben. Flores´ Kritik zielt direkt auf Mauricio Funes, den bekanntesten Journalisten des Landes, der in seinen täglichen Fernsehsendungen zahlreiche Mängel bei der Versorgung der Erdbebenopfer seitens der Regierung und die Bevorzugung von ARENA-Bürgermeistern mit Hilfslieferungen anprangerte.
Völlig zu Recht wird die Regierung und das Nationale Nothilfekomitee (COEN) für das Chaos bei der Hilfeverteilung verantwortlich gemacht. Verantwortung ist aber genau das, was die Regierung am liebsten gar nicht übernehmen würde. So zum Beispiel Erziehungsministerin de Lovo. Nachdem am 13. Februar zahlreiche Kinder starben, die beim Einsturz mehrerer beschädigter Schulen verschüttet wurden, setzte sie für zunächst eine Woche den Schulunterricht aus. Nun soll in Elternversammlungen in allen Schulen das Landes entschieden werden, ob der Unterricht wieder aufgenommen wird. Wenn die nächste Schule einstürzt, ist die Ministerin fein raus, die Verantwortung tragen ja nun die Eltern.

Wenn Sie spenden möchten, dann bitte bei:
Infostelle El Salvador, Stichwort: Erdbeben, Kt.Nr. 33 22 76 – 507, BLZ 370 100 50, Postbank Köln.

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