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“O amor natural“: Gedichte, Sex und alte Leute

Räkeln sich zwei matronenhafte Senhoras am Strand von Rio in ihren Liegestühlen. Liest die eine der anderen ein Gedicht vor, das eine Filmemacherin ihr soeben in die Hand gedrückt hat:

Der Fußboden ist ein Bett für die eilige Liebe,
Liebe, die nicht warten kann, ins Bett zu gehen.
Auf dem Teppich oder dem harten Boden
winden Körper und Körper den feuchten Knoten.
Und um von der Liebe auszuruhen, gehen wir ins Bett.

Was folgt? Kurzes Schweigen. Dann ein Redeschwall: Es gebe ja außer dem Bett sooo viele Orte, wo man es machen könne, meint die eine. Sie denkt spontan an Küchentische, die andere an Sand oder Felsen – die eine Senhora hatte da so ein Erlebnis, aber das ist lange her – was ihre Freundin natürlich erst recht neugierig macht – und das Filmpublikum auch.

“goldener Penis” für’s Ego

Sie schwärmen und sie schwelgen, sie plaudern und phantasieren – und mancher alte Hahn plustert sich vor laufender Kamera noch einmal richtig auf. „Wenn ich erzähle, was ich erlebt habe, werden Ihnen die Ohren wehtun“, warnt ein betagter brasilianischer Frauenheld die europäische Filmemacherin. Gerade hat seine Tochter dem 85 ½ jährigen das Gedicht „Was im Bett vorgeht“ von Carlos Drummond de Andrade vorgelesen. „Ein schönes Gedicht, nicht wahr, Papa?“ meint sie, ihm aufmunternd den Kopf tätschelnd. „Erzähl’ uns doch mal von deinen Geliebten.“ Da läßt Papa sich nicht zweimal bitten.
Reduziert man Heddy Honigmanns Film auf seine formale Essenz, besteht „O amor natural“, weitgehend darin, daß alte Leute vor der Kamera Gedichte vorlesen und diese kommentieren. Ein Dokument ohne inszenatorische Kunstgriffe oder illustratorischen Schnickschnack. Der Film zeichnet eins zu eins auf, wie ein Gedicht aufgenommen wird: Durch das Lesen. Was bei anderen zum Sedativum für die Mitternachtsschiene der dritten Programme oder Ladenhüter für Landesbildstellen geraten wäre, verwandelt Heddy Honigmann in ein aufregendes Experiment. Die Methode ist frappierend einfach und direkt. Die Holländerin, die in Peru aufgewachsen ist, streifte mit einer Ausgabe von „O amor natural“ durch die Straßen von Rio de Janeiro und sprach alte Frauen und Männer auf Carlos Drummond de Andrade und seine Gedichte an. Ob Marktverkäufer, Sambalehrer oder gutbetuchte Senhora: Fast alle kennen sie den Namen Carlos Drummond de Andrade. Obwohl schon zu Lebzeiten (1902-1987) einer der berühmtesten brasilianischen Dichter, wagte de Andrade nicht, seine erotischen Gedichte aus den siebziger und achtziger Jahren zu veröffentlichen. Er hatte Angst, sie könnten als Pornographie zensiert werden. So konnte der Gedichtband „O amor natural“ („Die natürliche Liebe“) erst nach seinem Tod erscheinen.
„Fabelhaft. Dieser Mann zieht eine Frau mit der größten Leichtigkeit der Phantasie aus – was wir hier täglich tun“, schwärmt ein 82jähriger Kaffeehausgast. Dagegen halten die beiden alten Damen in der Straßenbahn die Gedichtpassage, wo von einem „goldenen Penis“ die Rede ist, für nicht so beeindruckend. „Das ist sehr machohaft. Damit wollte er wohl sein Ego stärken.“ Ein anderes Gedicht von Andrade gefällt ihnen dagegen sehr – wegen der „Variationsbreite“ und den „anderen Praktiken“, von denen da die Rede ist.

“Alt aber nicht tot”

Wir wissen nicht, wieviele Körbe sich die Regisseurin bei den Dreharbeiten geholt hat. Die InterviewpartnerInnen, die sich auf die indiskrete Situation einlassen, tun dies auf jeden Fall mit atemberaubender Selbstverständlichkeit. Die Kunstwelt der Poesie spiegelt sich lebhaft in den Augen der Lesenden. Aus Körper- und Gedächtnisfalten drängen Erinnerungen ans Tageslicht. Die sind keineswegs nur stimulierend oder positiv. So erzählt eine Frau von dem Ballast an puritanischer Erziehung und freudlosem Eheleben, den sie mühevoll abschütteln mußte.
„Wir sind alt, aber nicht tot“, meint eine alte Dame und blinzelt zärtlich zu ihrem Mann hinüber. Eine liebevolle Geste – und gleichzeitig eine klare Botschaft an die Zuschauer. Denn mindestens ebenso wichtig wie der Genuß, noch einmal in erotische Erinnerungen einzutauchen, ist die Demonstration nach außen, das lustvolle Zertrümmern des Klischees vom alten Menschen als innerlich vertrocknetem, asexuellen Wesen. Eine Mutter von 18 Kindern schwärmt über de Andrade und seine Gedichte: „Er hat uns von dem Alptraum erlöst und uns geholfen, zu sagen, was wir sagen wollen. Diese Worte sollte man genießen, wie man alles im Leben genießt.“ Zu voller Form auflaufend, appelliert die Senhora mit funkelndem Blick in die Kamera: „Ich habe alles ausgekostet, Leute. Macht es ebenso.“

“O amor natural“, Niederlande, 1996; Regie: Heddy Honigmann; Farbe, 79 Minuten.

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