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“Operación Causa Justa” und die Menschenrechte

Bis heute ist die Zahl der Opfer nicht bekannt

“Ich will nicht mehr hinuntersteigen ins Grab, ich kann die vielen Toten nicht mehr sehen! Ich weiß, daß ich das nicht mehr aushalte!” Elira de Del Rio weint und kann sich kaum beruhigen. Mehrfach ist sie bereits in das Massengrab von Jardín de Paz, ursprünglich einem kleinen Privatfriedhof in der Nähe der Haupt­stadt, hinuntergestiegen, in der Hoffnung die Leiche ihres am 20.Dezember getöteten Mannes zu finden. Auf einer Namensliste von Invasionsopfern, zusammengestellt vom “Komitee der Familienangehörigen von Opfern des 20.Dezember” (AFC-20), hatte Elira de Del Rio den Namen ihres Mannes gefun­den und war nach Jardín de Paz gekommen, um ihn zu identifizieren. Aber es handelte sich um einen Irrtum. Und so wurden die großen Plastiksäcke mit den Leichen einer nach dem anderen geöffnet, damit sie und die zahlreichen Angehö­rigen ihre Toten identifizieren könnten. Aber viele Leichen sind nicht mehr iden­tifizierbar. Durch den Einsatz von Bomben und Flammenwerfern sind sie völlig entstellt. Hinzu kommt der Zustand der Verwesung, der bei den eilig von den US-Truppen in Massengräbern verscharrten Leichen schon fortgeschritten ist. Der bestialische Verwesungsgestank tut ein übriges, um die Identifizierung der Leichen für die Familienangehörigen zur Tortur werden zu lassen. Aber viele von ihnen werden weiter geduldig an den Gräbern Schlange stehen müssen in Ungewißheit, ob eines Tages wirklich ihre Angehörigen gefunden werden.
In der detailierten Registrierung der AFC-20 sind inzwischen über 600 Namen von identifizierten Toten zusammengetragen worden, aber es ist bekannt, daß Unzählige fehlen, nämlich die, die nicht identifiziert werden konnten, deren Lei­chen ins Meer geworfen wurden, die bei der Bombardierung der Einrichtung der “Verteidigungskräfte” völlig verbrannt sind und schließlich die, die von ihren Familienangehörigen heimlich im eigenen Garten beerdigt worden sind, aus Angst vor Repressalien. Dazu kommt eine bisher unbekannte Zahl von Vermiß­ten. VertreterInnen der Menschenrechtsorganisationen gehen von Zahlen zwi­schen 2000 und 4000 Toten aus.

“Die Toten werden das Land zurückerobern!”

Früher war Isabel Corro in den Reihen der Cruzada Civilista zu finden, die den Protest gegen das Noriega-Regime auf die Straße brachte. Heute ist sie die Präsi­dentin der “Vereinigung der Familienangehörigen der bei der Invasion am 20.Dezember 1989 gefallenen Militärs und Zivilisten”.
“Die in den Menschenrechtsorganisationen, bei CONADEHUPA und COPODE­HUPA arbeiten, sind Frauen”, sagt sie. “Die Mehrheit derer, die wir im Kampf für die Menschenrechte in der AFC-20 organisiert sind, sind Frauen, und auch in der Führung der Organisation sind wir drei Frauen neben einem Mann. Die Frau beschäftigt sich mit den Toten und die Toten werden dieses Land führen und die Toten werden die Zukunft dieses Landes bestimmen und die Toten werden die­ses Land zurückerobern. Die Toten werden das Bewußtsein des Landes entwik-keln”, so die engagierte Menschenrechtsvertreterin. “Die Regierung hat verges­sen, daß sie über die Leichen unserer Gefallenen zur Präsidentschaft gekommen ist, daß es ein verdammt hoher Preis war, den das Land bezahlen mußte, damit sie dahin gekommen sind, wo sie sich jetzt befinden.” Und sie fügt hinzu, daß weder die katholische Kirche noch die zivilen Clubs in dieser Angelegenheit etwas unternommen hätten. Ihre Organisation überlegt, eine umfassende Forde­rung an die Regierung der USA zu stellen, nämlich alle Schäden, die durch die Invasion entstanden sind, zu begleichen. Die Menschenrechtsbewegung insge­samt fordert zunächst eine internationale Untersuchung der Folgen der Invasion.

Verlust der Heimat: El Chorillo

Die Angriffe der US-Streitkräfte während der Invasion richteten sich insbeson­dere auf die armen Stadtviertel, insbesondere auf El Chorillo. Noriega und seine Truppe habe sich hier verschanzt, lautete die Legitimation für die Zerstörung eines ganzen Stadtteiles.
El Chorillo war für die Arbeiter am Kanal zu Beginn des Jahrhunderts errichtet worden. Hier lebten fast 30 000 Menschen überwiegend in einfachen Holz- und Wellblechhütten. Aber sie hatten in El Chorillo mehr als ein einfaches Dach über dem Kopf. Ihre Kinder waren hier großgeworden, ihre eigene, soziale Lebenswelt und Kultur waren hier über Jahrzehnte gewachsen. Doch mit der Entscheidung der US-Regierung zur Invasion sollte dieses Viertel mit seinen Menschen, Gebäuden und sozialen Traditionen von der Landkarte ausradiert werden. Es wurde zum Testgebiet für neueste Laserkanonen und Kampfhubschrauber, für Panzer und Bomben.
Allein in El Chorillo sind mehrere tausend Familien obdachlos geworden. Nach Angaben des “Komitees für Kriegsflüchtlinge” gibt es in Panama acht Flücht­lingszentren, die zur Zeit fast 3500 Familien beherbergen. Dazu kommen knapp 14 000 Menschen, die lediglich vorübergehend bei Verwandten unterkommen konnten, dort jedoch aufgrund der räumlichen Enge und schlechten Versor­gungslage nicht langfristig bleiben können. Aber auch in den Flüchtlingszentren herrscht große Enge. Es gibt zu wenig sanitäre Anlagen, die Zahl von Erkran­kungen wächst, die sozialen Konflikte häufen sich.
“Wir sind nicht Produkte eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe, sondern eines Krieges. Deswegen sind wir Kriegsflüchtlinge!”, insistiert Rafael Olivardía, einer der Sprecher des “Comité de Refugiados de Guerra”, das die Interessen der in Flüchtlingscamps lebenden Panamaer vertritt. Ihre Organisation kritisiert ins­besondere die Informationspolitik der “Stiftung für die Geschädigten des Stadt­viertels El Chorillo”. Bereits im Juni hatte es die ersten Proteste von Chorilleros gegeben. Lediglich 700 Balboas (Der Balboa ist die panamaische Bezeichnung für den Dollar) sollten sie als Schadensausgleich von der Stiftung erhalten. Informa­tionen über die Aufteilung des Stiftungsfonds wurden nicht gegeben. In den Stiftungsgremien sind die Betroffenen selbst über­haupt nicht vertreten. Dement­sprechend lauten die unmittelbaren Forderungen der Betroffenen des Stadtvier­tels El Chorillo auf: die gerechte Entschädigung für die erlittenen Verluste, den raschen Bau von Wohnungen im alten Viertel und die Gründung einer Kommis­sion zur Beseitigung der Wohnungsnot.

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