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Paramilitärs nehmen Feministinnen ins Visier

Zwei maskierte bewaffnete Männer drangen in die Wohnung von Yolanda Becerra in Barrancabermeja ein. Sie misshandelten die wehrlose Frau, drückten ihr die Waffe so fest in die Stirn, dass sich noch geraume Zeit später der Abdruck der Mündung abzeichnete. Und das, obwohl beim Eingang des Wohnblocks ein Wachtposten stationiert ist. Sie drohten Becerra: „Wenn du nicht binnen 48 Stunden von hier verschwindest, wird es dir und deiner Familie schlecht ergehen!“ Das war im November letzten Jahres. Vorfälle dieser Art sind jedoch keine Seltenheit in Kolumbien.
„Yolanda dachte, das wäre ihre letzte Stunde gewesen“, erzählt Jackeline Rojas. Die beiden Männer hätten die Frau ohne weiteres töten können, doch sie haben es nicht getan, sie hätten „nur“ sie und ihre Familie bedroht. Das komme daher, dass die politischen Kosten für die Täter im Fall einer Ermordung doch zu hoch seien. Auch in die Wohnung von Jackeline Rojas ist in den frühen Morgenstunden jenes Sonntags ein Kommando der Paramilitärs eingedrungen, nachdem sie ein Schutzgitter im Gang und die Wohnungstür mit Spezialschloss aufgebrochen hatten. Sie beschränkten sich allerdings darauf, das Schloss mit einem Kleber unbrauchbar zu machen, so dass Jackeline und ihre Familie die Wohnung nicht verlassen konnten. Eine Drohung mit klarer Aussage: Wir können euch jederzeit an jedem Ort erwischen, selbst in euren mit Wachpersonal und Spezialschlössern gesicherten Wohnungen.

Drei Mitarbeiterinnen wurden in den letzten Jahren von den Paramilitärs ermordet …

Beide Frauen gehören dem Führungsgremium der Organización Femenina Popular (OFP) an, eine der größten und auch international bekannten Frauenorganisationen Kolumbiens. Drei Mitarbeiterinnen der Organisation wurden in den letzten Jahren von den Paramilitärs ermordet, über 140 wurden angegriffen, bedroht oder entführt. Die OFP wurde 1972 gegründet und war Teil der Sozialpastorale der Diözese Barrancabermeja. Ihr Ziel war es, die Frauen in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und familiäre Gewalt zu organisieren. 1988 löste sie sich von der Diözese und wurde eine eigenständige Organisation, doch erst Mitte der 1990er Jahre wurde sie auch über die Grenzen von Barrancabermeja hinaus aktiv. Zur Zeit hat die OFP rund 3.000 aktive Mitglieder (siehe Kasten).
Barrancabermeja hat etwa 350.000 Einwohner-Innen und liegt am Mittellauf des Río Magdalena, dem größten Fluss Kolumbiens, und ist seit Jahrzehnten das Zentrum der Erdölindustrie des Landes. Seit ihrer Gründung gilt Barrancabermeja als Brennpunkt der sozialen Konflikte des Landes, die Gewerkschaftsbewegung Kolumbiens ist hier traditionell sehr stark. Bis Ende der 1990er Jahre stand die Stadt noch unter der Kontrolle der Guerilla-Organisationen Bewaffnete Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) und Nationales Befreiungsheer (ELN). 1998 dann erkämpften die Paramilitärs mit tatkräftiger Unterstützung von Polizei und Militär die Vorherrschaft in der Region. Seither ist die Stadt ein Modellfall dafür, wie Kolumbien aussehen könnte, wenn alles nach dem Willen der Paramilitärs und des Präsidenten Uribe ginge.
Offiziell gibt es die Paramilitärs nicht mehr. Die erste Amtsperiode von Álvaro Uribe Vélez, seit August 2002 autoritär herrschender Präsident des Landes, war geprägt vom so genannten Demobilisierungsprozess der Paramilitärs, der Mitte 2006 abgeschlossen wurde. Über 30.000 angebliche Paras, wie sie in Kurzform in Kolumbien genannt werden, erklärten ihre Abkehr vom illegalen bewaffneten Kampf. Seither kommen immer mehr Details von der engen Zusammenarbeit der Paramilitärs mit Polizei und Militär und mit PolitikerInnen aus dem Umfeld des Staatspräsidenten an die Öffentlichkeit. Über ein Dutzend Abgeordnete sitzen deshalb bereits in U-Haft, gegen noch einmal so viele und gegen einige andere PolitikerInnen, auch engste Vertraute Uribes, laufen Voruntersuchungen.

„Der einfache Para kann auch der Sohn meiner Nachbarin sein, den sie für ihre kriegerischen Ziele eingefangen haben.“

Doch im Magdalena Medio selbst ist von der Demobilisierung der Paramilitärs nichts zu spüren. Für die Menschen hat sich hier nichts geändert. Die Paramilitärs sind weiterhin präsent, geändert haben sich nur die Namen der Einheiten. Jackeline Rojas berichtet über den Demobilisierungsprozess: „Die Paras zahlten jungen Männern und Frauen über eine Million Peso (circa 330 Euro) für drei Monate, damit sie sich in ihre Gruppen einschreiben ließen. Dann nahmen sie an der Demobilisierung teil, damit die Chefs sagen konnten, so und so viele von uns haben abgerüstet. Das war eine einzige Farce! Nachdem sie dann demobilisiert waren, erhielten sie oft Wohnungen oder Stipendien und sonstige Starthilfen.“
Seit einem Jahr berichten die paramilitärischen Führer vor einem Sondergerichtshof über ihre Verbrechen, um im Rahmen des Gesetzes Nr. 975 „Für Gerechtigkeit und Frieden“ eine wesentliche Strafreduktion und andere Vergünstigungen zu erhalten. Zuerst kamen die Aussagen schleppend und bruchstückhaft, doch gewannen sie mit der Zeit eine unerwartete Eigendynamik. Immer mehr Gräueltaten kommen ans Licht der Öffentlichkeit. Iván Laverde Zapata alias „Der Leguan“, einer der Vertrauten vom Paramilitär-Führer Mancuso, berichtete von etwa 2.000 Morden, die seine Leute von 2000 bis 2004 im Norden Kolumbiens begingen. Éver Veloza García alias „HH“ und seine Para-Truppe, der Bloque Bananero, ermordeten allein in den Jahren 1995 und 1996 in der Bananen-Region Urabá über 1.200 Personen: Bauern und Bäuerinnen, GewerkschafterInnen, AktivistInnen sozialer Bewegungen.
Das Gebiet am mittleren Magdalena mit der Hauptstadt Barrancabermeja war Mitte der 1980er-Jahre das erste große Versuchslaboratorium, in dem der Paramilitarismus großräumig mit militärischen Aktionen die Guerilla sowie oppositionelle soziale und politische Organisationen bekämpfte – in Zusammenarbeit mit der Armee sowie Großgrundbesitzern und der Drogenmafia. Seit damals fielen diesem „Kampf“, der besser als Vernichtungsfeldzug definiert werden kann, an die 15.000 Menschen zum Opfer. Iván Cepeda vom Movimiento de Víctimas de Crímenes del Estado (Movice; siehe auch Interview in dieser Ausgabe) schätzt, dass in 4.000 Gräbern die sterblichen Überreste von 10.000 Ermordeten liegen.
Yolanda Becerra ist seit knapp 20 Jahren Direktorin der OFP und war als eine der „Tausend Frauen für den Friedensnobelpreis 2005“ nominiert. Für Becerra ist es klar, weshalb die OFP zum Ziel der Paramilitärs wurde: „In unserer Arbeit und unserer Einstellung sind wir eine Bürgerbewegung von Frauen der Basis, die für eine Veränderung der Strukturen dieser Gesellschaft eintreten. Es ist klar, dass das ohne soziale Mobilisierung der Gesellschaft nicht möglich ist.“ Diese Überzeugung und der Versuch, solche Veränderungen umzusetzen, sind in Kolumbien lebensgefährlich.
Die Aktivistinnen der OFP leben und arbeiten seit Jahren in einem Klima der ständigen Bedrohung und der Angst. Jackeline Rojas hat das ganze Ausmaß der in der Region herrschenden Gewalt persönlich erlebt. Vor zehn Jahren ist ihr Vater von der FARC-Guerilla ermordet worden, da er von seinem Arbeitgeber, der damals noch staatlichen Erdölgesellschaft Ecopetrol verpflichtet wurde, als Chauffeur für das Militär zu arbeiten. Eine Leiharbeit mit tödlichen Folgen. Ihr Bruder wurde vor wenigen Jahren von den Paramilitärs umgebracht, weil er in der Gewerkschaft aktiv war. Und auf ihren Mann, ebenfalls Gewerkschafter, wurde ein Attentat verübt.
„Es ist sicher nicht leicht, mit dieser ständigen Angst umzugehen“, sagt Yolanda Becerra und lächelt, „aber wir suchen und finden immer irgendwelche Ventile. Wir sprechen viel miteinander über die Angst, um sie zu entmystifizieren. Es gibt aber dennoch Momente, in denen du glaubst, nicht weiter machen zu können.“ Yolanda Becerra hat beschlossen, trotz der Drohungen in Barrancabermeja zu bleiben und ihre Arbeit fortzusetzen. Obwohl die Stadt auch weiterhin von den Paramilitärs kontrolliert wird.
Bei den Kommunalwahlen letzten Herbst haben zwar linke oder unabhängige Parteien die Bürgermeisterämter der drei größten Städte Bogotá, Cali und Medellín gewonnen, doch in den ländlichen Regionen, vor allem im Norden des Landes, ist der Einfluss der Paramilitärs immer noch sehr stark.
Für Jackeline Rojas ist klar, dass die Struktur des Paramilitarismus – nach deren „Demobilisierung“ haben sich zahlreiche neue paramilitärische Gruppen gegründet – auf ein politisches Ziel hin ausgerichtet ist, nämlich mit allem aufzuräumen, was in Opposition zum Staat steht. „Dazu gehören auch wir. Doch da entsteht für uns ein Widerspruch. Wir wollen nämlich nicht nur unser eigenes Leben retten, sondern auch das der Paramilitärs. Denn der einfache Para, der Kämpfer an der Basis, kann auch der Sohn meiner Nachbarin sein oder ein Spielgefährte aus meiner Kindheit, den sie für ihre kriegerischen Ziele eingefangen haben.“

„Es ist nicht leicht, mit dieser ständigen Angst umzugehen, aber wir suchen und finden immer irgendwelche Ventile.“

Das Rekrutieren des Para-Nachwuchses verläuft im allgemeinen auf zwei Ebenen. Eine ist die ökonomische. Es gibt nur wenige Arbeitsplätze in der Region; die Jugendlichen haben keine Verdienstmöglichkeiten. So nehmen sie das Angebot von umgerechnet 200 Euro monatlich an und reihen sich in die Einheiten der Paramilitärs ein. Die andere Ebene resultiert aus einem politischen Druck, der bis in die Vergangenheit reicht, als die Guerilla in der Region stark präsent war: Oft kommen Mitglieder der Paramilitärs zu den Familien und sagen: „Wir wissen, dass jemand in eurer Familie bei der Guerilla war oder immer noch ist. Nun müsst ihr für uns kämpfen.“ Und so schließt sich ein Bruder oder der Neffe den Paras an, um die Familie vor Repressalien zu schützen.
Nach der Zuspitzung der Angriffe und Bedrohungen ist die OFP nun damit beschäftigt, neue Methoden und Strategien zu entwerfen, um das Leben der Aktivistinnen und den Fortgang der Arbeit zu sichern. Einen wichtigen Stellenwert nimmt dabei die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen im Inland und die Unterstützung aus dem Ausland ein. Deshalb hat die OFP eine internationale Kampagne gestartet mit dem Ziel, weltweit „eine Million Freundinnen und Freunde“ zu gewinnen. „Stell dir vor, wie sie erschrecken werden, wenn es plötzlich statt 3.500 Frauen und Männer eine Million mehr sind, die uns unterstützen!“, lacht Jackeline. Sie ist überzeugt, dass Yolanda bei dem Überfall Anfang November nicht ermordet wurde, da dies der kolumbianischen Regierung international großen Schaden zugefügt hätte. Die Frauen der OFP haben inzwischen auch schon in anderen Städten des Landes Zweigstellen gegründet. Sie sind fest entschlossen, weiterzumachen.

Kasten
Organización Femenina Popular
Die rund 3.000 Mitglieder der Organización Femenina Popular (OFP) betreuen in ganz Kolumbien circa 173.000 Menschen. Sechzig Prozent davon sind direkt Betroffene des nun seit sechzig Jahren andauernden Bürgerkriegs, darunter viele Vertriebene, durch bewaffnete Gruppen bedrohte Personen, Angehörige von ermordeten AktivistInnen sowie Opfer familiärer Gewalt. Der Hauptsitz und die meisten Anlaufstellen der OFP befinden sich in Barrancabermeja, doch inzwischen verfügt die Organisation landesweit über verschiedene Netze aus Frauenhäusern, Gesundheits- und Verpflegungsstationen sowie Rechtsberatungsstellen und ein Informationszentrum.
Die Arbeit der OFP umfasst zudem ein breites soziales, politisches und wirtschaftliches Spektrum. Die Mitglieder engagieren sich in Ausbildungsprogrammen und Kooperativen;- gewerkschaftlicher Arbeit, Beratungsleistungen und Informationsveranstaltungen vor Ort;- Gesundheitsförderung durch Workshops; kulturelle Aktivitäten auch für Kinder und Jugendliche; Förderung von lokalen Entwicklungsprojekten; Menschenrechtsarbeit wie beispielsweise die Unterstützung für vertriebene Familien und Rechtshilfe für Opfer von Menschenrechtsverletzungen sowie Kampagnen gegen Gewalt und Krieg. Diese Arbeit und ihre systemkritische Haltung bringen die OFP seit Jahren in Konflikt mit der rechtsautoritären Regierung des Präsidenten Álvaro Uribe Vélez. Laut einem Bericht der US-Sektion von amnesty international kursiert in Barrancabermeja seit 2005 eine Todesliste der Paramilitärs. Auf der Liste stehen Namen von MenschenrechtsaktivistInnen, GewerkschafterInnen und JournalistInnen sowie Menschen und Organisationen, die die Paras ablehnen, darunter auch die OFP. Die kolumbianische Regierung verspricht seit Jahren, gegen die Paramilitärs vorzugehen. Doch die Attacken, Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen die OFP halten an.
Weitere Infos: www.ofp.org.co, zur Unterstützung der internationalen Kampagne siehe www.frauensolidaritaet.orgm

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