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Paul Schäfer gefasst

Paul Schäfer, der „Führer“ der einst als „Mustergut“ gerühmten, dann nur noch berüchtigten, Siedlung Colonia Dignidad, verhaftet! Die Nachricht hat zu Recht Aufsehen erregt, sowohl in Deutschland als auch, mehr noch, in Chile. Es ist in der Tat erstaunlich, dass es acht Jahre nach seinem Untertauchen 1997 gelungen ist, Schäfer aufzuspüren.
Aber mindestens so erstaunlich ist es, dass sich Schäfer erst 1997, also im achten Jahr nach dem Ende der Pinochet-Diktatur, nicht mehr sicher vor juristischer Verfolgung fühlte. Um ein möglicherweise langwieriges Auslieferungsverfahren zu vermeiden, entschied sich die argentinische Regierung für eine schnelle Abschiebung Schäfers nach Chile: Denn, natürlich, lebte er in der Nähe von Buenos Aires unter falschem Namen.

Prozess in Chile

In Chile erwarten ihn mit Sicherheit mindestens zwei Verfahren: ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in 26 Fällen und darüber hinaus seine vermutete Beteiligung an Folter und Ermordung politischer GegnerInnen der Pinochet-Diktatur.
Die Untersuchungen wegen sexuellen Missbrauchs begannen im Jahre 1998. Über sechs Jahre danach, im November 2004, verurteilte der Richter González in erster Instanz 20 Mitglieder der Führungsriege Schäfers wegen Begünstigung und Komplizenschaft in diesen Fällen zu Strafen zwischen anderthalb und fünf Jahren Gefängnis; das Verfahren gegen Schäfer selbst wurde wegen seiner Flucht ausgesetzt. Für den internationalen Haftbefehl, der als Grundlage seiner Festnahme in Argentinien diente, hatte dagegen Richter Billard gesorgt – er ermittelt im Fall des Chilenen Álvaro Vallejos, der nach Aussagen ehemaliger Geheimdienstagenten im Jahre 1974 von der DINA in die Colonia Dignidad gebracht und dort an Schäfer übergeben wurde. Seitdem ist Vallejos „verschwunden“.
Die Vorwürfe, in der Colonia Dignidad seien ab 1974 RegimegegnerInnen gefoltert worden, erhielten in Chile offiziellen Charakter durch den „Rettig-Bericht“, der 1991 veröffentlicht wurde. Er fasste zusammen, was die von Präsident Aylwin eingesetzte Kommission „Wahrheit und Versöhnung“ über das Schicksal der unter der Diktatur Ermordeten bzw. „Verschwundenen“ ermittelt hatte. Juristische Folgen hatte dieser Bericht zunächst nicht, denn noch galt uneingeschränkt das von Pinochet erlassene Amnestie-Gesetz, das nach der damaligen Interpretation durch den Obersten Gerichthof nicht nur die strafrechtliche Verfolgung, sondern auch die Aufklärung schwerster Menschenrechtsverletzungen ausschloss.
Die Colonia Dignidad verlor, unabhängig vom „Rettig-Bericht“ , im selben Jahr 1991 ihren Status als wohltätige Organisation. Sie hatte entgegen den Statuten gewinnorientiert gearbeitet und die Gewinne auch nicht versteuert. Darüber hinaus, so schien es, hatte der Chef des „Musterguts“ nichts zu fürchten. Seit seiner Übersiedlung mit einigen hundert AnhängerInnen nach Chile im Jahre 1961 (aufgrund eines drohenden Verfahrens wegen Päderastie in der Bundesrepublik), war es Schäfer gelungen, das Bild einer hart arbeitenden Gemeinschaft zu vermitteln, die aber auch selbstlos für arme ChilenInnen – etwa im eigenen Krankenhaus – sorgte: Die Colonia Dignidad genoss Respekt. Erste Berichte – schon Ende der sechziger Jahre – über Misshandlungen erregten zwar kurz Aufsehen, führten aber zu keinerlei Konsequenzen.
In der Zeit der Militärdiktatur kam zum Respekt der regionalen Autoritäten vor der angeblichen Wohltätigkeit der ideologische Kitt: Kampf gegen den Kommunismus. Anders gesagt: Die Affinität zwischen den totalitären Strukturen innerhalb der Siedlung und dem Pinochet-Regime. Die geografische Lage der ausgedehnten Siedlung (die Angaben schwanken zwischen 14.000 und 17.000 Hektar) am Rande der Kordillere an der Grenze zu Argentinien war möglicherweise ein weiteres Plus für den Geheimdienst DINA. Da kein Siedler das Gelände ohne Erlaubnis der Führung verlassen konnte, war keine Entdeckung zu fürchten.
Das Image der hart arbeitenden und gleichzeitig wohltätigen Muster-Deutschen strahlte bis in die damalige Bundesrepublik, wo auch das Pinochet-Regime damals renommierte BewundererInnen hatte, etwa den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Als die deutsche Sektion von Amnesty International im Jahre 1977 eine Broschüre veröffentlichte, in der sie Foltervorwürfe gegen die Colonia Dignidad erhob, erwirkte ein Verein von Colonia-SympathisantInnen in Siegburg (wo Schäfer bis zu seiner Flucht gearbeitet hatte) eine einstweilige Verfügung gegen Amnesty wegen Verleumdung. Auch die Illustrierte Stern, die sich der Aufklärungskampagne von Amnesty anschloss, wurde verklagt. Es bildete sich ein bundesdeutscher Freundeskreis für die Colonia Dignidad mit solider Verankerung in Bayern. Auch der deutsche Botschafter in Santiago de Chile Strätling wurde nach seiner Rückkehr zum Freundeskreis gezählt.
All das war 1980 nachzulesen in einer Sonderausgabe der Lateinamerika Nachrichten. Der Prozess gegen amnesty übrigens wurde erst 1997, also nach zwanzig Jahren, eingestellt. Der Siegburger Verein hatte sich stillschweigend aufgelöst, auch die Colonia existierte nicht mehr als juristisches Subjekt – es gab keinen Kläger mehr. Und irgendwann in den neunziger Jahren verzichtete das Mustergut auf den Namen „Dignidad“ (Würde). Es firmiert jetzt einfach als Villa Baviera – bayrisches Dorf.

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