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RECHERCHEN AUF HEISSEM PFLASTER

Foto: Andreas Boueke

Foto: Andreas Boueke

„Jeden Tag verschwinden Kinder, jeden Tag werden Frauen ermordet“, klagt die mexikanische Reporterin Yohali Reséndiz. Sie ist wütend. „Bei meinen Recherchen treffe ich immer wieder auf unsensible, brutale Männer. In diesem Land ist es noch immer alltäglich, dass Frauen erniedrigt und entwürdigt werden.“

Trotz Morddrohungen, trotz frauenfeindlicher Strukturen in den Medien, trotz ständiger Anfeindungen durch mächtige Gegner*innen aus Politik, Wirtschaft und verschiedenen Kreisen der Gesellschaft bezieht die 38-.jährige Journalistin eindeutig Stellung für die Opfer. Jahrelang hat sie zur besten Sendezeit im Fernsehen mit engagierter Berichterstattung für Aufmerksamkeit gesorgt. „In unserem Land leiden viele Menschen unter Korruption und Gewalt. Ich habe gelernt, dass der Journalismus ein Schlüssel sein kann, der Türen öffnet, um Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Aber er ist auch ein Schlüssel, der mir viele Probleme gemacht hat.“

Frauen haben einen schweren Stand in Mexikos Medienwelt. Yohali Reséndiz hat sich durchgesetzt mit Geschichten über alltägliche Gewalt. Ihr hartnäckiges Engagement wird auch von männlichen Kollegen anerkannt. „Sie ist eine Kriegerin“, meint der Kameramann Miguel Angel Andrade. „Es gibt viele Reporter, aber keiner ist wie sie. Sie wühlt sich hinein in die Nachricht. Sie verbindet die journalistische Arbeit mit der Unterstützung der Opfer. Für sie geht die Recherche so lange weiter, bis eine Lösung gefunden ist.“

Der Weg in eine erfolgreiche Journalismus-Karriere führt in Mexiko häufig über gute Beziehungen zu den mächtigen Entscheidungsträger*innen der Medienwelt. Für Yohali war das ein sehr langer Weg. Sie ist in einem ärmlichen Viertel im Süden von Mexiko-Stadt aufgewachsen, gleich neben dem Markt Benito Júarez. „Als meine Familie in diese Siedlung zog, wusste ich sofort, dass ich nicht mein Leben lang hier bleiben würde. Ich will die Siedlung nicht schlecht reden oder die Leute, die hier leben, aber schon als Kind wollte ich andere Orte kennen lernen.“

Wenn Yohali heute über den Markt Benito Júarez geht, trifft sie noch immer viele Freund*innen. Eine Marktfrau ist ihr dankbar, dass sie im Fernsehen über die Probleme der kleinen Leute berichtet. „Hier in der Siedlung haben wir oft kein Wasser. Die Politiker versprechen immer, sie würden uns mit Trinkwasser versorgen, aber dann passiert nichts. Es ist gut, dass Yohali unsere Verbündete ist. Ich weiß, dass sie unser Problem nicht lösen kann, aber sie kann dafür sorgen, dass darüber gesprochen wird.“

Als Kind war Yohali selbst Opfer von Gewalt und Armut. Auch deshalb kann sie heute nicht wegschauen, wenn Frauen oder Kinder misshandelt werden. „Als ich dreizehn Jahre alt war, beschloss meine Mutter, mit uns in die USA zu gehen. Wir hatten keine Dokumente und sind illegal eingereist. Es ist uns schlecht ergangen. Wir mussten in einer Art Rohr schlafen, außerhalb von Los Angeles. Das Ding war so kurz, dass ich mich nicht mal richtig ausstrecken konnte. Anfangs haben wir für einen chinesischen Textilfabrikanten gearbeitet, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich. Die Mittelamerikaner, die dort angestellt waren, haben uns gedemütigt. Sie sagten immer, dass sie auf ihrem Weg in die USA von Mexikanern geschlagen und bestohlen worden sind. Dafür mussten wir die Rechnung zahlen.“

Nach neun Monaten in den USA gingen Yohali, ihre Schwester und ihre Mutter zurück nach Mexiko, ohne einen einzigen gesparten Dollar. „Ich nahm mir vor, etwas aus meinem Leben zu machen. Nie wieder wollte ich eine solche Situation erleben. Niemand sollte mich je wieder verachten oder misshandeln.“ Fortan konzentrierte sich Yohali auf ihre Schulbildung: „Ich wusste, dass ich ohne Bildung ein Niemand bleiben würde. Deshalb habe ich mich an den Unterricht geklammert. Gerne wäre ich auf eine Privatschule gegangen, doch das Geld reichte nur für eine öffentliche Schule. Abends habe ich auf der Straße Käse verkauft und auf dem Markt Unterwäsche. So lernte ich das Leben der Leute kennen, die Ungerechtigkeiten, die sie ertragen müssen, weil sie kein Geld haben, keine Kontakte und keinen Anwalt.“

Heute berichtet Yohali von Opfern, deren Not hinter den Verbrechensstatistiken verborgen bleibt. Einer ihrer Fernsehbeiträge handelt von einem dreizehnjährigen Mädchen, das von einem Kongressabgeordneten misshandelt wurde. „Der Politiker hat sie vergewaltigt. Aufgrund meines Berichts verlor er sein Amt. Jetzt hat er keine politische Zukunft mehr.“ Yohali weiß, dass solche Fälle gefährlich werden können. „Er wird den Namen Yohali Reséndiz nicht vergessen. Wahrscheinlich denkt er: ‚Wegen dieser Reporterin habe ich meine Arbeit verloren. Wegen ihr bin ich kein Abgeordneter mehr, kein Ratspräsident‘.“

Ein paar hundert Meter von dem Markt Benito Júarez entfernt steht Yohalis Elternhaus. Dort leben heute zwei ihrer Schwestern und eine Nichte. „Meine Tante ist eine mutige Frau“, sagt das siebzehnjährige Mädchen. „Trotz der Situation im Land geht sie viele Risiken ein. In Mexiko gibt es keine wirkliche Meinungsfreiheit. Manchmal habe ich große Angst. Dann sage ich ihr: ‚Du musst auch an uns denken.‘ Aber sie möchte den Menschen helfen. Sie hat ein großes Herz.“

Seit dem Jahr 2000 wurden in Mexiko 89 Reporter*innen, Fotograf*innen und Korrespondent*innen ermordet, viele erschossen, andere erwürgt, gefoltert, zerstückelt und in Müllbeuteln weggeworfen. Angst liegt in der Luft. Journalist*innen wissen nicht, ob sie durch die Veröffentlichung ihrer Artikel in Gefahr geraten könnten. Früher galten die Drogenkartelle als die größte Gefahr für die Pressefreiheit in Mexiko. Heute ist bekannt, dass über die Hälfte der Angriffe auf Journalist*innen oder Presseeinrichtungen von Polizei und Militär durchgeführt werden. Der Jurist Victor Ruiz vom mexikanischen Journalist*innenverband meint: „Jedes dieser Verbrechen ist ein Angriff auf die Presse- und Redefreiheit. Die Journalisten sollen eingeschüchtert werden, damit sie nicht weiter über Themen schreiben, die einigen einflussreichen Leuten Probleme bereiten. Jeder Übergriff verstärkt die Atmosphäre der Angst. So erreichen die Aggressoren ihr Ziel, die Stimme der Journalisten zum Schweigen zu bringen. Die Presse wird stumm geschaltet.“

Diesem Druck will sich Yohali Reséndiz nicht unterwerfen. „Ich versuche, meine Geschichten so zu erzählen, wie sie passiert sind. Doch während der Redaktionssitzung sagt plötzlich jemand von der Geschäftsführung: ‚Dieser Abschnitt muss raus.‘ Wenn der Artikel durch die Kürzung an Wert verlieren würde, antworte ich: ‚Unter diesen Umständen bekommst Du meine Geschichte nicht.‘ Dann kommt wieder die alte Leier, ich würde mich nicht unterordnen und keine Regeln einhalten. In diesem Geschäft musst du dich Tag für Tag gegen mächtige Männer durchsetzen.“

Yohali fühlt sich allein gelassen. „Wenn du bedroht wirst, interessiert sich dein Sender nicht dafür. Ich bekomme Videos von Vergewaltigungen zugeschickt, grässliches, sexistisches Zeug. Da werden Frauen gefoltert und getötet. Und dann schreiben sie: ‚Dasselbe wird mit dir geschehen, du Hurentochter.‘“

Von ihren Redaktionen bekommen bedrohte Reporter*innen meist nur wenig Unterstützung. Die Medienunternehmen sind von Werbeeinnahmen abhängig und einen großen Teil der Werbung zahlt der Staat. „Einmal habe ich über ein Regierungsmitglied berichtet und über einen Gouverneur“, erzählt Yohali. „Die beiden hatten einen Kindermörder beschützt. Nachdem mein Bericht ausgestrahlt worden war, rief der Gouverneur den Sender an und beschwerte sich über meine Arbeit. Daraufhin wurde mir der Sendeplatz weggenommen, obwohl ich die Wahrheit gesagt hatte. Es ging um das Schicksal eines Kindes, das von seinem Stiefvater ermordet worden war. Der zuständige Richter hatte zu Presseleuten gesagt, er würde den Täter laufen lassen, obwohl der das zweijährige Kind an den Füßen gegriffen und zweimal auf den Boden geschlagen hatte. Der kleine Schädel war zerborsten. Niemand hörte auf die Mutter. Der Richter schützte den Täter, weil seine Anwälte Freunde des Gouverneurs waren.“

Yohali verlor den Kampf. „Sie haben mir meine Nachrichtensendung weggenommen. Es gab Tage, an denen ich nicht aus dem Bett kam, weil ich dachte: ‚Was soll ich machen? Ich habe ja keine Kamera mehr. Wie soll ich jetzt meine Geschichten erzählen?‘ Aber dann habe ich mich mit den sozialen Netzwerken beschäftigt, Twitter und Facebook. Ich habe meinen eigenen Blog eröffnet. Er heißt periodismo a toda prueba‘“ Das bedeutet in etwa Journalismus ohne Bremse.

Die wachsende Unzufriedenheit mit den traditionellen Medien und die Verbreitung der Zugangsmöglichkeiten ins Internet haben in Mexiko dazu geführt, dass immer mehr alternative Informationskanäle entstehen. Wer solche Plattformen bedient, muss nicht nur lernen, mit Drohungen umzugehen, sondern läuft auch Gefahr, von den Behörden kriminalisiert zu werden. Yohali Reséndiz erwartet keine Hilfe vom Staat. „Vor drei Monaten haben die Drohungen gegen meine Familie begonnen, kurz nachdem ich über einen kleinen Jungen geschrieben hatte, der misshandelt worden war. Meine Recherchen haben zu der Verhaftung von vier Scheißkerlen geführt. Daraufhin haben sie persönliche Daten wie meine Kreditkartennummer und meine Adresse veröffentlicht und mir Fotos von meiner Wohnung geschickt. Sie wissen genau, wo ich wohne. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Bande von Päderasten.“

Eine der Organisationen, die sich darum bemühen, den Journalist*innen ein wenig Sicherheit zu bieten, ist der mexikanische Ableger von Artikel Neunzehn. Der Name bezieht sich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, deren neunzehnter Artikel die Meinungsfreiheit garantiert. Francisco Sandoval, Journalist und Mitarbeiter von Artikel Neunzehn, dokumentiert Drohungen gegen seine Kollegen und Kolleginnen. „Ich habe Yohali im vergangenen Jahr kennengelernt, nachdem ich schon länger ihren Blog in den sozialen Netzwerken verfolgt hatte. Zuerst erfuhr ich von den Problemen in ihrem Fernsehsender. Später begannen die systematischen Drohungen mit Fotografien und Videos von zerstückelten Frauenkörpern. Man wollte sie einschüchtern.“

Seit Yohali sich auf Themen wie Kinderpornografie und Misshandlungen von Minderjährigen eingelassen hat, konfrontiert sie manchmal sogar die Täter mit ihren Opfern. Francisco Sandoval hält das für sehr mutig, aber auch für ein bisschen verrückt: „Mexiko ist ein Land, in dem mehr als achtzig Journalisten ermordet wurden, ohne dass es einen Krieg gegeben hätte. Das ist eine alarmierende Situation, auch weil die Fälle nicht untersucht werden. Die Straflosigkeit liegt bei neunzig Prozent. Ein Beispiel ist der Fall des Mädchens von Laredo, einer Journalistin, die in den sozialen Netzwerken unter dem Namen ‚la nena de Laredo‘ berichtet hat. Sie wurde ermordet und gevierteilt. Ihr Kopf wurde abgetrennt. Neben den Leichenteilen lag ein Zettel mit den Worten: ‚Das ist dir passiert, weil du über Gewalt berichtet hast.‘ Diese Botschaft ist an alle Journalistinnen gerichtet, die so arbeiten wie ‚la nena de Laredo‘ oder Yohali Reséndiz.“

Mit ihrem alten, angerosteten Auto verbringt Yohali jeden Tag mehrere Stunden in dem Verkehrschaos der Straßen von Mexiko-Stadt. „Heute fahre ich in die Siedlung Santa Maria la Rivera, um eine Frau zu treffen, die es gewagt hat, den Vater ihres Sohnes anzuzeigen, weil er sich sexuell an dem Kleinen vergangen hat. Sie heißt Ester und wird seit drei Jahren von den zuständigen Behörden ignoriert. Deshalb hat sie mich angerufen. Wir werden uns in einem Therapiezentrum treffen, in dem sie und ihr Sohn Alejandro psychologische Unterstützung bekommen.“

Ester ist eine zurückhaltende Frau, schlank, geradezu zierlich. Aber ihr Charakter ist zäh und hartnäckig. Sie versucht alles, was in ihrer Macht steht, um ihren Sohn vor den Übergriffen des Vaters zu beschützen. „Ich war sehr besorgt über das sonderbare Verhalten meines damals vierjährigen Sohns. Zuerst ist mir aufgefallen, wie er sich immer wieder heftig die Genitalien rieb. Mein Instinkt als Mutter sagte mir, dass da was nicht stimmt. Aber ich wusste nicht, wie ich ihm helfen könnte.“

Auf der Suche nach einer Erklärung für das Verhalten ihres Sohns fand Ester Unterstützung in dem gemeinnützigen Therapiezentrum für Missbrauchsopfer ADIVAC. „Die Psychologen haben mir bestätigt, dass mein Sohn sexuell missbraucht wird. Sie rieten mir, meinen Mann nicht zu provozieren. Man weiß nie, wie diese Männer reagieren, wenn sie entdeckt werden. Ich sollte so tun, als sei nichts passiert. Das war ein Martyrium für mich. Ich hatte immer Angst, bis ich es endlich schaffte, zu Hause auszuziehen. Ich konnte doch nicht zulassen, dass dieser Mann meinen Sohn weiter misshandelt.“

Ester ging zur Staatsanwaltschaft, aber da drehte sich alles ums Geld. Weil sie nicht bezahlen konnte, wurde der Fall auf Eis gelegt. „Der Psychologe hat meinen Sohn nur einmal kurz angeschaut und dann geschrieben, er sei gesund, intelligent und unverletzt.“

Die wenigsten Beamt*innen in Mexikos Behörden machen für Frauen wie Ester einen Finger krumm. Deshalb mischt sich Yohali ein. „Du musst dem richtigen Beamten Geld geben, sonst interessiert sich niemand für dein Leid.“

Auf dem Weg zur nächsten U-Bahn-Station sitzen Ester und Alejandro auf der Rückbank von Yohalis Auto. Während eines Staus greift die Reporterin ihr Mobiltelefon und wählt die Nummer des DIF, der staatlichen Familienfürsorge. Sie erreicht einen Mitarbeiter der Chefetage. „Wenn es mir gelingt, mit dem Chef persönlich zu sprechen, bekomme ich sofort eine Antwort“, erklärt Yohali. „Was Ester drei Jahre lang vergeblich versucht hat, kann ich als Journalistin innerhalb von zehn Minuten erreichen.“ Und wirklich: Yohali bekommt einen Termin mit dem Chef. Sie ist zuversichtlich: „Vielleicht wird er sagen: ‚Rede mal mit dem zuständigen Beamten da drüben. Der soll das machen.‘ Und schon gibt es eine Lösung.“

Yohali Reséndiz hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Protagonist*innen ihrer Geschichten in ihrem Kampf um Gerechtigkeit zu unterstützen. Sie ist sich bewusst, wie gefährlich das ist. „Wenn ich sterben muss“, sagt sie „dann weiß ich zumindest, dass ich im Leben auf der richtigen Seite gestanden habe.“

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