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Repressionsmaßnahmen gegen Arbeiterinnen

Vier Tage lang harrten die DemonstrantInnen vor der Textilfabrik Brukman in Buenos Aires aus, um die Rückgabe der Fabrik an die Arbeiterinnen zu erwirken, nachdem diese am 18. April auf den Befehl zweier noch aus der Militärdiktatur stammender Richter von der Polizei geräumt worden war. Die Fabrik war im Dezember 2001 von den Arbeiterinnen besetzt worden, nachdem die Besitzer, die ihnen den Lohn für mehrere Monate schuldeten, nicht mehr erschienen waren. Seitdem betrieben die Arbeiterinnen die Fabrik in Eigenregie. Zum Zeitpunkt der Räumung, mittlerweile schon die dritte in anderthalb Jahren, fertigten dort 56 Arbeiterinnen Kleidung an. Einige der DemonstrantInnen quartierten sich Tag und Nacht in Zelten ein. In den Nächten wurden Kinovorführungen und Rockkonzerte veranstaltet.
Am Morgen des 21. April hatten sich Piqueteros aus dem unabhängigen und dem linken Spektrum an verschieden Orten der Stadt versammelt und waren zur Fabrik im Stadtviertel Once gezogen. Dort trafen sie auf Mitglieder von Asambleas (Volksversammlungen) und Menschenrechtsorganisationen, StudentInnen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Gemeinsam mit den Arbeiterinnen der Fabrik und den Madres de la Plaza de Mayo marschierten sie zur Brukmanfabrik. Am Nachmittag hatten sich dort dann etwa 7000 DemonstrantInnen vor den Absperrungen eingefunden. Die Arbeiterinnen von Brukman forderten den bedingungslosen Abzug der Sicherheitskräfte. Als die Arbeiterinnen mit DemonstrantInnen zu einer Kette untergehakt die Absperrung zu Fall brachten und auf die Fabrik zumarschierten, reagierte die Bundespolizei mit repressiven Maßnahmen. Sie begann, die Versammlung vor der Fabrik gewaltsam und durch den massiven Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen aufzulösen.
Die Bundespolizei, die das Gebiet um die Fabrik weiträumig abgesperrt hatte, verfolgte einen Teil der fliehenden DemonstrantInnen über einen Kilometer weit bis zur Plaza de Congreso. Einige DemonstrantInnen versuchten Barrikaden zu errichten, um den Nachkommenden die Flucht zu ermöglichen. Die Bundespolizei ließ aber nicht von ihrem Tränengaseinsatz ab. Erst gegen Abend beruhigte sich die Situation wieder auf dem Platz vor dem argentinischen Kongress. Eine Tankstelle, in die sich ein Teil der Mütter von der Plaza de Mayo geflüchtet hatte, wurde von den Beamten eingenommen, und auch die Psychologiefakultät der Universität von Buenos Aires, in der circa 150 DemonstrantInnen Zuflucht gefunden hatten, wurde von den Sicherheitskräften unter Tränengasbeschuss eingenommen.
Hebe de Bonafini, Präsidentin der Madres de la Plaza de Mayo, erklärte in einer Asamblea, die sich am Abend spontan auf der Plaza de Congreso bildete, die Einnahme der Universität erinnere an die Repressionen zu Zeiten der Militärdiktatur. Im Anschluss an die Rede Bonafinis beschloss die Versammlung zu den Kommissariaten zu ziehen, um die verhafteten DemonstrantInnen zu unterstützen.
Im Verlauf der Repressionen am Montag kam es zu über 120 Festnahmen und mindestens 30 Verletzten. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen handelte es sich um die schwerste Repression seit dem vergangen 27. April, als die Polizei bei einer Straßensperrung zwei Piqueteros regelrecht exekutierte.
Die brutale Niederschlagung der Proteste sechs Tage vor der Präsidentschaftswahl überraschte einen Großteil der DemonstrantInnen. Die Arbeiterinnen von Brukman waren durch die Selbstverwaltung der Fabrik bekannt geworden, die Fabrik selbst wurde zu einem Symbol der argentinischen Protestbewegung. Bis zuletzt hatten sich die Arbeiterinnen Vermittlungsversuchen diverser Abgeordneter widersetzt und wehrten sich gegen jegliche Bevormundung durch vertikale Organisationen, auch gegen die der traditionell linken Parteien Argentiniens, die die Fabrik in eine Kooperative umwandeln wollten. Die Arbeiterinnen forderten hingegen die Verstaatlichung der Fabrik.
Als Reaktion auf die Repression am Dienstag errichteten die Arbeiterinnen, erneut begleitet von 7000 DemonstrantInnen, ein „Zelt des Widerstandes“ zehn Meter von den Absperrungen entfernt. „Wir werden nicht mit nichts in den Händen nach Hause zurückkehren. Deswegen werden wir hier ein Camp aufschlagen, bis sie uns die Fabrik zurückgeben!“, verkündete Celia Martínez, Sprecherin der Arbeiterinnen der Brukmanfabrik.
Nach zwei Tagen wurde in der Nacht des 24. April überraschend der Absperrungszaun, der die vier Blöcke um die Fabrik herum zu einer scheinbar militärischen Zone machte, von der Polizei geräumt. Die DemonstrantInnen, sichtlich verunsichert über das Verhalten der Polizei, näherten sich langsam der Fabrik in der Hoffnung, sie auch betreten zu können. Jedoch wird der Eingang der Fabrik noch immer von einem Großaufgebot der Polizei bewacht.
Die Arbeiterinnen riefen zu einer Solidaritätsbekundung am Sonntag auf, genau zum Zeitpunkt der Schließung der Wahllokale. Damit wollen sie den Protest gegen die Zwangsräumung der Fabrik fortsetzen.

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