«

»

Artikel drucken

Respekt statt Mitleid!

Wie ist die Situation der AfrouruguayerInnen heute und wie war sie in der Vergangenheit?

Wir glauben, dass zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit keine klare Trennlinie gezogen werden kann. Der Anspruch Uruguays, eine egalitäre Gesellschaft zu sein, wird von uns in Frage gestellt. Heute ist durch unsere Arbeit allgemein bekannt, dass es in Uruguay Rassismus gibt. Dies äußert sich vor allem in der mangelnden Beteiligung der schwarzen Gemeinde an politischen Entscheidungsprozessen. Es gibt jedoch gegenwärtig politische Strömungen, die die afrouruguayische Gemeinde unterstützen und im sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich andere Impulse setzen. Das ist ein Ergebnis unserer Anstrengungen für eine neue Wahrnehmung in der uruguayischen Gesellschaft.
Mundo Afro hat inzwischen zahlreiche Anzeigen eingereicht, in denen rassistische Vorfälle denunziert wurden. Ausgehend von diesen Anzeigen werden Studien, Forschungen und Berichte für internationale Organisationen erarbeitet. Das Internationale Komitee der UNO gegen Diskriminierung, das im August 1999 unseren Bericht erhielt, bestätigte kurz darauf, dass in Uruguay eine eindeutige Situation des Rassismus und der Diskriminierung im Hinblick auf die afrikanischen und indigenen Gemeinden herrscht. Dabei wurde dem uruguayischen Staat empfohlen, geeignete Mittel für die Beseitigung dieses Zustandes in Angriff zu nehmen. In dem Bericht werden besonders Verbesserungen im Bildungsbereich und bezüglich der doppelten Diskriminierung der Frauen angemahnt

Wie entstand die Organisation Mundo Afro?

1988 gründeten wir eine Zeitschrift mit dem Namen Mundo Afro. Bald darauf entstand eine Nichtregierungsorganisation mit dem selben Namen. Mundo Afro ist die erste Organisation von AfroamerikanerInnen in Uruguay. Wir wollten nicht das Mitleid, sondern den Respekt der uruguayischen Gesellschaft. Wir haben ein Entwicklungsprogramm entworfen, dessen verschiedene Bereiche bis heute miteinander verknüpft werden. Vor allem beschäftigen wir uns mit den Themen Gender, Jugendliche, Ausbildung und Forschung, erarbeiten Publikationen und Berichte, und nehmen an nationalen, regionalen und internationalen Konferenzen und Aktionen teil. Durch diese Aktivitäten möchten wir die Gemeinde von Menschen afrikanischer Herkunft in der Gesellschaft sichtbar machen. Außerdem findet ein Austausch mit den verschiedenen schwarzen Organisationen Lateinamerikas und der Karibik statt.

Worin besteht die Arbeit der Organisation ?

Eigentlich wird in verschiedenen Bereichen gearbeitet, die sich gegenseitig stützen. Das dringendste Problem ist natürlich der Rassismus, der in Uruguay genauso wie in anderen sogenannten „multirassischen Gesellschaften“ existiert. Rassistische Diskriminierung findet unter anderem im öffentlichen Raum und am Arbeitsplatz statt. Der brutalste Rassismus besteht aber unserer Ansicht nach darin, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, die immer so tat, als wären wir alle gleich und als gäbe es keine Unterschiede zwischen den Ethnien. Die schwierigste Aufgabe war, das Gegenteil zu beweisen und ein Problembewusstsein zu schaffen.
Momentan ist das Projekt SOS RACISMO für uns von großer Bedeutung. Diese Arbeit hat zum Ziel, antidiskriminatorische und antirassistische Gesetze zu erarbeiten, um sie in die Gesetzgebung einzubringen oder im Fall, dass sie schon existieren, auf ihre richtige Anwendung zu prüfen. Wir koordinieren uns auch mit den verschiedenen Gruppen von SOS RACISMO der Region (Brasilien, Paraguay, Argentinien). Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Annahme von Anzeigen wegen rassistischer und diskriminierender Handlungen. Heute trauen sich viel mehr Menschen Anzeige zu erstatten, da sie wissen, dass es einen Ort gibt, wo sie beraten werden und von dem aus rechtliche Schritte eingeleitet werden. Es gab Anzeigen wegen rassistischer Erfahrungen in öffentlichen Transportmitteln, auf öffentlichen Plätzen, am Arbeitsplatz und anderswo. Dieser Dienst wurde auch damit beauftragt, AfrikanerInnen, die in letzter Zeit verstärkt nach Uruguay kommen, Schutz und Unterstützung zu bieten, da diese unter schlimmen Bedingungen leiden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Arbeit ist der Dialog mit staatlichen Institutionen, wie zum Beispiel mit dem Nationalen Institut für Statistik. Mit großem Aufwand haben wir erreicht, dass die Kategorie ‘Ethnie’ in die regelmäßig stattfindenden Haushaltsbefragungen mit einbezogen wurde, was sehr aufschlussreiche Zahlen für die Erarbeitung unserer Forderungen im Bereich Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit ergab. In all diesen Bereichen ist klar eine Benachteiligung unserer Gemeinde gegenüber der weißen Bevölkerung zu konstatieren. Die Zahlen bestätigten unsere Untersuchungen, nach denen die AfrouruguayerInnen knapp sechs Prozent (184.000 Personen) der Gesamtbevölkerung ausmachen. 50 Prozent der schwarzen Frauen arbeiten in häuslichen Diensten. 1977 wurde auf Initiative der Grupo de Apoyo a la Mujer Afro – eine Gruppe, die inzwischen Teil von Mundo Afro ist – eine Untersuchung der sozioökonomischen Situation der Frauen gemacht. Die Veröffentlichung der Ergebnisse stellte einen weitereren Durchbruch für einen Dialog mit den staatlichen Behörden dar. Darüber hinaus gehört das Thema Ausbildung zu einem wichtigen Bestandteil der Organisation in der afrouruguayischen Gemeinde. Seit März 2000 arbeitet in diesem Sinne das Instituto Superior de Formación Afro und bringt einmal im Jahr mehr als 60 schwarze Jugendliche aus ganz Lateinamerika zusammen, um neue Führungskräfte zu formen und Beiträge für die lateinamerikanischen und karibischen Organisationen zu leisten.

Worin besteht die Arbeit des Projektes UFAMA AL SUR?

Neben unserem Abkommen mit der Stadtverwaltung von Montevideo, durch das wir aktiv die Kulturpolitik mitgestalten können, ist das Projekt UFAMA AL SUR einer unser großen Erfolge. Die Organisation Grupo de Apoyo a la Mujer Afro kritisierte öffentlich die prekäre Wohnsituation vieler schwarzer UruguayerInnen, um ein entsprechendes Programm zur Verbesserung der Lage in Gang zu bringen. So begannen 1997 die Verhandlungen mit dem Ministerium für Wohnungsbau, Infrastruktur und Umwelt. Nach der Zusage des Ministeriums für eine Unterstützung des Projektes, begannen die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung von Montevideo. Es ging darum, ein Grundstück im Barrio Sur zu finden, dem Viertel der Hauptstadt, in dem ein Großteil der AfrouruguayerInnen lebt. Nach vielen Verhandlungen kam mit der Unterstützung des Ministers für Wohnungsbau ein Programm zustande, welches die Sanierung und Finanzierung von 36 Wohnungen für weibliche Familienoberhäupter vorsieht. Die Stadtverwaltung übergab das vorgesehene Grundstück zu einem symbolischen Kaufpreis.
Abgesehen vom sozialen Wohnungsbau hat das Projekt die Förderung der sozialen Entwicklung im Barrio Sur zum Ziel. Dabei geht es auch darum, einen Raum zurück zu erobern, in dem traditionell viele AfrouruguayerInnen lebten und aus dem während der Militärdiktatur ein bedeutender Teil von uns vertrieben wurde.

Wie war die Situation der AfrouruguayerInnen unter der Militärdiktatur ?

Die ohnehin prekäre Situation der AfrouruguayerInnen verschlimmerte sich während der Diktatur. Viele Mitglieder der schwarzen Gemeinde emigrierten nach Argentinien, wo sie ähnlich schwierige Umstände vorfanden. Die bereits erwähnte massive Vertreibung aus dem Ansina-Viertel war einer der schwersten Schläge gegen die afrouruguayische Kultur und das kommunale Leben, denn damit begann die Umsiedlung der BewohnerInnen in sehr unwirtliche Orte, in denen unmenschliche Bedingungen herrschten. Der Widerstand gegen die Vertreibung in Ansina, der zwei Tage anhielt und an dem sich das ganze Viertel beteiligte, war ein wichtiger Wegweiser für den Kampf der AfrouruguayerInnen. Leider wurden die Ereignisse in Ansina vom Rest der Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen. Mundo Afro engagiert sich übrigens auch in den Initiativen zur Aufarbeitung der Militärdiktatur.

Besteht eine besondere Nähe zur linken Partei Frente Amplio?

Es gibt im Zusammenhang mit der Unterbreitung unserer Vorschläge einen Dialog mit der Frente Amplio, der aber auch mit den anderen Parteien existiert. So hat sich in der Vorphase zu der internationalen Konferenz gegen Rassismus in Durban eine ad hoc-Kommission gebildet, in der Parlamentsabgeordnete und Repräsentanten von Mundo Afro vertreten waren. Dort brachten wir Vorschläge ein, durch die der Versuch unternommen wurde, alle vier Parteien zum Handeln zu verpflichten. Mundo Afro als Organisation greift zwar generell nicht aktiv in den Parteienwettstreit ein, aber die meisten unserer Mitglieder sind aktive Unterstützer des Frente Amplio.

Was kannst du mir zum Netzwerk der afroamerikanischen Organisationen und zum Austausch mit den anderen lateinamerikanischen Ländern im allgemeinen sagen?

Das Organisationsnetzwerk ist Ergebnis des ersten Treffens zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung – ein Entwicklungsprogramm für Menschen afrikanischer Herkunft. Zu diesem Treffen kamen im Dezember 1994 mehr als 80 Delegierte Lateinamerikas und der Karibik in Uruguay zusammen. Der Aufbau des Netzwerkes bedeutete einen großen Fortschritt für den Informationsaustausch der verschiedenen Organisationen. Der Aufbau des Instituto Superior de Formación Afro war eine der Errungenschaften dieses Treffens.
Seit Oktober 2000 wurde als Teil des Netzwerkes die so genannte Alianza Estratégica de las Organizaciones Afrodescendientes de las Américas y el Caribe gegründet, die die Arbeit vor und nach der Konferenz von Durban koordinieren sollte. Die Allianz konnte sich auf der amerikanischen Vorkonferenz zu Durban in Chile im Jahr 2000 artikulieren. Dort brachte sie Anträge ein, die im Aktionsplan enthalten sind und in die abschließende Deklaration aufgenommen wurden. Außerdem fand eine Koordination mit den verschiedenen Organisationen der Zivilgesellschaft in den einzelnen Ländern statt. Nun geht es darum, für die Umsetzung einer Politik zu kämpfen, die die afroamerikanische Gemeinschaft fördert.

Bestehen Kontakte nach Afrika ?

Mit dem Programm SUR-SUR sollte der Austausch von Informationen, Erfahrungen und im kulturellen Bereich verbessert werden. Auf Grund mangelnder Mittel konnte das aber leider nicht intensiviert werden. In der Vorkonferenz zu Durban, die im Mai 2001 in Genf stattfand und in Durban selbst konnten jedoch neue Kontakte geknüpft werden.

Interview: Matti Steinitz
Übersetzung: Tanja Rother

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/respekt-statt-mitleid/