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Schäle meine Liebe wie eine Zwiebel

Angefangen hatte die Chicana Ana Castillo in den 70er Jahren als Protestdichterin der politisch radikalisierten Latino-Literaturszene. Da diente ihr eine Seifenkiste als Podium, von dem sie Kritik am US-amerikanischen Gesellschaftssystem ausübte, das einen Großteil der Bevölkerung zu so genannten ethnischen Minderheiten degradiert. Und von dem aus sie auch diejenigen Männer und Frauen des Chicano Movements anprangerte, die zwar Rassismus und soziale Ungleichheit bekämpften, innerhalb der Bewegung aber an der systematischen Diskriminierung von Frauen beteiligt waren. Zunehmend setzte sie sich in ihren Gedichten, seit Mitte der 80er auch in Romanen, mit Themen wie weibliche Sexualität und Geschlechterverhältnis auseinander und wurde so zu einer der führenden Chicana Autorinnen.
Doch seitdem Castillo seit knapp zehn Jahren mit einer euroamerikanischen Literaturagentin zusammen arbeitet und von einem der renommiertesten und größten Verlagshäuser der USA verlegt wird (W.W. Norton, Random House), schaut die Chicano Community zunehmend misstrauisch auf ihr literarisches Schaffen: Inwieweit bedient Castillo die Erwartungen des euroamerikanischen Publikums, um erfolgreich zu sein? Hat sich die engagierte, feministische Chicana dem Mainstream verkauft?

Against all odds

Thematisch ist Castillo sich auch mit ihrem jüngsten Roman Die Liebe der Tänzerin treu geblieben, auch wenn dies weder beim deutschen noch beim Originaltitel (Peel My Love Like an Onion, 1999) so recht vorstellbar ist. In den vorangegangenen Romanen überschnitten Castillos Protagonistinnen mit unterschiedlichem Erfolg die sowohl von außen gesetzten also auch verinnerlichten Grenzen, die sie in ihrer traditionellen Rolle als Frau festhalten wollen. So auch Carmen in Die Liebe der Tänzerin, der es gelingt, trotz der gesellschaftlichen Diskriminierung als Chicana der Unterschicht, familiären Zwängen und der machistischen Vorstellung ihrer Liebhaber ihren eigen(willig)en Weg zu gehen. Symbolisiert werden diese Schwierigkeiten durch Carmens verkrüppeltes Bein, Folge einer Kinderlähmung. Ermutigt durch eine Tanztherapeutin setzt die Chicana alles daran, um trotz ihrer Behinderung Flamencotänzerin zu werden. Mit ihrem stolzen, eigenwilligen Tanzstil überzeugt sie Augustín, den Leiter einer Flamencotruppe und fortan ihr Liebhaber, von ihrem Talent und macht sich als Carmen la Coja in der Chicagoer Szene einen Namen. Carmen richtet sich ein in der Gipsy-Welt des Flamencos und der geliehenen Liebe Augustíns. 17 Jahre lang. Bis eines Tages Manolo der Tänzer in ihr Leben tritt und sie mit ihm eine abgründige, umfassende Leidenschaft entdeckt. Doch der junge Gipsy ist auch Augustíns Patensohn und damit zur Loyalität gegenüber dem Älteren verpflichtet. Ein spannungsgeladenes Dreiecksverhältnis beginnt.
Mit vierzig blickt Carmen auf ihr Leben zurück und macht aus ihrem eigenen Leben ein Fest. Sie gebiert sich als Heldin einer postmodernen Liebesschnulze voller Leidenschaft und Selbstironie. Durch parodistische Brüche und den schneidenden Humor der Erzählerin bekommt auch das Klischeehafte und Kitschige ihrer Nabelschau eine originelle, witzige Note.

Doppeltes Spiel

Ana Castillo, die bereits in früheren Romanen mit den Genres der Massenmedien experimentiert hat (unter anderem in Das Wunderhaus der Sofi García), gelingt es, die Erwartungen an einen Unterhaltungsroman gleichzeitig zu bedienen und zu unterlaufen. Sie setzt dabei eine doppelte Strategie ein. Indem sie die Register der Massenliteratur zieht und eine sinnliche, kraftvolle Weiblichkeit verspricht, lockt sie ein breites Publikum an, das nach Leidenschaft und Unterhaltung ethnischer Couleur sucht. Sie scheint sich den Einverleibungswünschen des Mainstreams unterworfen zu haben und leicht konsumierbare Andersartigkeit zu produzieren. Doch gleichzeitig irritiert Castillo dieses Begehren, denn sie hat die exotische Frucht „Chicana/o Literatur“ mit Stacheln gespickt. Stachel, die der Leser erst dann spürt, wenn er das Fruchtfleisch bereits heruntergeschlungen hat. Ihre sardonische Kritik am Umgang mit ethnischen Minderheiten, Homosexuellen und körperlich Behinderten als auch am US-amerikanischen Gesundheits- und Sozialsystem richtet sich an eben jenes Publikum, welches Chicana/o Literatur gerne als ethnisches Produkt konsumiert, sich aber mit den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Problemen dieser Bevölkerungsgruppe nicht weiter auseinander setzen will. Castillo präsentiert eine verrückte, bunte Welt, in der alles erlaubt ist. Dabei wird durch den temperamentvollen, humoristischen Erzählstil auch die eingestreute Gesellschaftskritik verdaulich. Deshalb müssen ein Leser und seine Magenwand schon sehr sensibel sein, um Castillos Stachel nicht nur als anregendes Kitzeln wahrzunehmen. Wer eine ernste Auseinandersetzung mit den Problemen der Chicanos/as erwartet, der wird den Roman sehr schnell beiseite legen. Die Liebe der Tänzerin ist an erster Stelle karnevaleske Unterhaltung, voller Doppelbödigkeiten, Kitsch und Satire.

Ana Castillo: Die Liebe der Tänzerin. Aus dem Englischen von Ursula-Maria Mössner. Scherz Verlag, Bern/München/Wien, 2001, 221 Seiten, 19,95 Euro.

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