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Schmuggel wird schwerer

Es war nur der Auslöser: Am 19. August verletzten mutmaßliche kolumbianische Paramilitärs im Bundesstaat Táchira, auf der venezolanischen Seite der Grenze zu Kolumbien, drei Soldaten schwer. Daraufhin ließ der venezolanische Präsident Nicolás Maduro die südlichen Grenzübergänge zwischen Venezuela und Kolumbien schließen. Seit dem 8. September ist auch der nördliche Grenzübergang dicht. Passieren dürfen nur noch Gruppen wie Schüler*innen, Studierende oder die indigenen Wayúu, die im Norden traditionell auf beiden Seiten der Grenze leben. Man wüde alle Paramilitärs verjagen, verkündete Maduro am 29. August bei einer Massendemonstration unter dem Motto „Venezuela verlangt Respekt“.
Unmittelbar nach der Grenzschließung schickte der venezolanische Präsident 3.000 Soldat*innen an die Grenzen in Táchira. Etwa 1.100 kolumbianische Staatsbürger*innen wurden deportiert, bis zu 20.000 weitere verließen Venezuela freiwillig. Der kolumbianische Präsident, Juan Manuel Santos, machte Venezuela für eine „humanitäre Krise“ an der Grenze verantwortlich. Die Probleme in Venezuela würden „in Venezuela gemacht und nicht in Kolumbien oder anderswo”. Im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation beider Länder fügte er hinzu: „Alles was wir tun können, ist das Modell Venezuelas mit dem anderer Ländern zu vergleichen, die einen dritten Weg gehen, wie Kolumbien. Die Ergebnisse sprechen für sich.“
Die venezolanische Regierung sieht den Schmuggel nach Kolumbien als wichtige Ursache für die wirtschaftlich schwierige Situation und Versorgungslage in Venezuela. Laut offiziellen Angaben werden 40 Prozent der für Venezuela vorgesehenen Lebensmittel illegal nach Kolumbien ausgeführt, wo sie für ein Vielfaches weiterverkauft werden. Auch der Benzinschmuggel floriert: Laut venezolanischer Regierung verliert das Land täglich 45.000 Barrel. Das auf mehreren parallelen Kursen basierende Wechselkurssystem, die Devisenkontrollen sowie das billige Benzin in Venezuela begünstigen kleine wie große Betrügereien. Von dem Schmuggel profitieren allerdings auch auf der venezolanischen Seite der Grenze zahlreiche Menschen. Seit dem Beginn der aktuellen Krise sind 50 Angehörige der venezolanischen Streitkräfte sowie 100 Polizist*innen entlassen und festgenommen worden, weil sie mit kolumbianischen Schmuggelbanden und Paramilitärs kooperierten.
Auf der kolumbianischen Seite macht sich die Grenzschließung im Verwaltungsbezirk Norte de Santander und der Grenzstadt Cúcuta enorm bemerkbar. Dort leben 30 Prozent der Bewohner*innen unter der Armutsgrenze, jeder Fünfte ist arbeitslos und 80 Prozent der Menschen arbeiten im informellen Sektor. In Cúcuta herrscht eine wirtschaftliche Krise, die sich mit der Ankunft der Deportierten weiter verschärft hat. Die kolumbianische Zentralregierung hat die Grenzregion seit vielen Jahren vernachlässigt und der Schmuggel linderte tatsächlich die Armut in der Stadt. Die Cucuteños sind seit der Schließung der Grenze auf Spenden angewiesen, die in anderen Großstädten Kolumbiens gesammelt werden.
Der rund 2.200 Kilometer lange Grenzstreifen war schon immer eine konfliktreiche Region, in der Guerillas, Paramilitärs, Schmuggel- und Drogenbanden aus Kolumbien nahezu frei operieren konnten. Die paramilitärischen Gruppen „Los Rastrojos” und „Urabeños“ kamen aus dem Süden des Landes und massakrierten zwischen 1999 und 2004 im Grenzgebiet ansässige Bäuerinnen und Bauern. Viele flohen nach Venezuela. So sind auf der anderen Seite des Grenzflusses ganze Gemeinden von Kolumbianer*innen entstanden, die jetzt zum Teil abgerissen wurden.
In diesem Gebiet waren auch die Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) aktiv. Während der Regierung vom Hugo Chávez konnten sich die Guerilleros vor den Luftangriffen der kolumbianischen Armee in Venezuela verstecken. Auch aus diesem Grund ist das Ansehen Venezuelas in der kolumbianischen Bevölkerung schlecht. Die harte Haltung von Präsident Santos gegenüber dem Nachbarland bringt ihm unter den Wähler*innen Sympathien. Obwohl sich Santos für eine diplomatische Lösung aussprach, vermied er es bisher, persönlich mit Präsident Nicolás Maduro zu sprechen. Auch ist es ihm bisher nicht gelungen, internationale Vermittler*innen für die Lösung der Krise zu finden. Sowohl bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) als auch der Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) scheiterte Kolumbien damit, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Nun soll möglicherweise Uruguay als Vermittler eingeschaltet werden.
Indessen trafen sich die Außenministerinnen beider Ländern in der kolumbianischen Küstenstadt Cartagena. Die Schließung der Grenze sei nicht die beste Lösung, um die Krise zu entschärfen, sagte die Außenministerin Kolumbiens, Maria Ángela Holguín. Sie behauptete, dass der Schmuggel „auch Kolumbien sch­adet“. Die v­enezolanische Außenministerin Delcy Rodriguez warf den kolumbianischen Medien hingegen eine manipulative Berichterstattung vor, insbesondere über die Deportation von Kolumbianer*innen. Venezuela sei ein Ort der Zuflucht für Millionen Kolumbianer*innen. „Wir könnten unsere Brüder nicht misshandeln”, sagte sie auf einer Pressekonferenz.
Sowohl die kolumbianischen als auch die internationalen Zeitungen berichten im Boulevardstil hauptsächlich über jene, die ohne Hab und Gut von der venezolanischen Nationalgarde „fortgejagt” worden seien. Insgesamt leben mehr als fünf Millionen Kolumbianer*innen in dem Nachbarland. Mit der Hoffnung vom Erdölboom Venezuelas zu profitieren, verließen sie Kolumbien in den 1970ern. Auch in den folgenden zwei Jahrzehnten, während des Höhepunktes des Krieges, fanden viele Menschen bessere Lebensbedingungen in Venezuela. Der frühere venezolanische Präsident Hugo Chávez legalisierte während seiner Amtszeit hunderttausende Kolumbianer*innen. Trotzdem werden die Regierung Maduro und die seines Vorgängers Chávez mit der FARC in Verbindung gebracht und so immer wieder diskreditiert. Die Berichterstattung über die Deportierten zeigt dies am deutlichsten. Über die sieben Millionen Menschen, die im Laufe des kolumbianischen bewaffneten Konflikts vertrieben worden sind, berichten die großen Zeitungen des Landes so gut wie gar nicht.
Wenngleich die Empörung über die willkürlichen Deportationen angemessen ist, instrumentalisieren die kolumbianischen Politiker*innen den Patriotismus ihrer Landsleute. Die Argumente der venezolanischen Seite für die Schließung der Grenze werden kaum behandelt. Die einseitige Berichterstattung verstärkt die ohnehin spürbare Anti-Maduro Stimmung in Kolumbien, der dort gern als irrsinnig, ordinär und ungebildet dargestellt wird.

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