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Zwischen Marginalisierung und Ernährungssouveränität

Zwischen den Gleisen der U-Bahn, dem schlammigen Wasser des Río Medellín und einer viel befahrenen Autobahnstrecke erstreckt sich das Stadtviertel La Paralela. Aus der Vogelperspektive erscheint es im Norden der Millionenstadt Medellín wie ein Band aus orangefarbenen Ziegeln, braunen Holzbrettern und betongrauen Mauern. Doch in dem typischen Mosaik einer urbanen peripheren Siedlung schimmert ein kleiner grüner Streifen. An diesem Ort wachsen inmitten der Metropole auf drei Hektar Salatköpfe, Tomaten, Maniok, Mais und Heilkräuter.
Angesichts von Arbeitslosigkeit und Hunger hatte in La Paralela eine Gruppe von 30 Familien die Initiative zum Gärtnern ergriffen. Ihr Ziel war es, ihre Fähigkeiten und das vorhandene Wissen von Land und Landbau zum Einsatz zu bringen. Sie begannen eine ehemalige Müllhalde am Ufer des Rio Medellín aufzuräumen und bepflanzbar zu machen. Nun wird das Gelände gemeinschaftlich bewirtschaftet, die Ernte und Überschüsse werden geteilt oder in einem selbst betriebenen Laden in dem Viertel verkauft. Um ihren Anbau zu verbessern, setzte sich die Gruppe aus La Paralela mit der Nichtregierungsorganisation Yanapaqui in Kontakt, die das Projekt der urbanen Landwirtschaft begleitete und mit Weiterbildungen im Bereich der ökologischen Produktion und solidarischen Ökonomie unterstützte. Dabei förderten sie gemeinsam das traditionelle Wissen aus den Herkunftsorten der Bewohner_innen wieder zu Tage und verbanden es mit technischem Know-how, wie etwa zur effizienten Nutzung und Wiederverwertung von lokal zugänglichen Ressourcen.
La Paralela ist kein Einzelfall. Initiativen der urbanen Landwirtschaft sprießen in den Städten Kolumbiens in den letzten Jahren in immer größerer Zahl aus den Böden von Hinterhöfen und Brachflächen. Bislang sind in neun Großstädten Erfahrungen mit urbaner Landwirtschaft bekannt. Die Initiativen sind allerdings noch kaum medial präsent oder vernetzt. Im Zusammenhang mit den Diskussionen über Vertreibung und Landflucht und den Freihandelsvertrag zwischen Kolumbien und der Europäischen Union gewinnen sie aber zunehmend an Relevanz.
Der Freihandelsvertrag trat zum 1. August 2013 in Kraft. Es ist zu erwarten, dass er die Auswirkungen eines 2011 mit den USA abgeschlossenen Freihandelsabkommens noch verstärken wird. Diese sind bereits jetzt spürbar, wie Camilo Martinez Cuchimaque, Mitarbeiter von NGO Yanapaqui, betont. Das an natürlichen Ressourcen reiche Land Kolumbien konnte die Binnennachfrage nach Grundnahrungsmitteln über lange Zeit aus der nationalen Produktion decken. Heute ist der Anteil an importierten Hülsenfrüchten wie Bohnen auf 44 Prozent angestiegen, 55 Prozent des Getreidekonsums stammt aus Importen. Selbst Kartoffeln, die in Kolumbien als zentrale Kulturpflanze gelten, führt der Andenstaat aus den USA ein. Durch die Handelsliberalisierungen sehen viele Kleinbäuerinnen und -bauern auf dem Land ihr Überleben gefährdet, was sich seit Mai diesen Jahres in heftigen Protesten äußert (siehe LN 471/472). Als letzter Ausweg bleibt den Landarbeiter_innen oft nur die Migration in die urbanen Peripherien.
Dort treffen sie häufig auf andere Menschen, die gegen ihren Willen ihr Land verlassen mussten. Kolumbien gehört, unter anderem wegen des fast 50 Jahre dauernden Bürgerkrieges, zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an intern vertriebenen Personen weltweit. Nach einem aktuellen Bericht der von der Regierung eingesetzten Historischen Kommission waren davon bisher 5,7 Millionen Menschen betroffen. Unter den Vertriebenen sind indigene und afrokolumbianische Gruppen überproportional vertreten. Die Mehrzahl der Vertriebenen kommt mittellos in den Städten an und ist dort oftmals erneuten Diskriminierungen und Bedrohungen ausgesetzt. Ihre Reintegration stellt eine große Herausforderung dar. Stadtgarteninitiativen können hierfür ein Ansatzpunkt sein, weil sie für Migrant_innen einen Ort des Ankommens darstellen. Gerade für die Vertriebenen, die von ihrem Land regelrecht „entwurzelt“ wurden, eröffnet das Gärtnern einen Weg zum (Wieder-)Aufbau territorialer Identität.
In La Paralela sind Menschen wie Julia Quevedo Ruiz Beispiele dafür. Sie kam vor neun Jahren aus einer ländlichen Region im Süden nach Medellín und hat nun wieder mit dem landwirtschaftlichen Anbau angefangen. „Für mich bedeutet die Arbeit mit der Erde, sich wieder mit dem Land – der tierra – zu verbinden, von wo ich hergekommen bin“, erklärt sie. Ausgehend von der nachbarschaftlichen Initiative setzten sich in der Siedlung in Medellín Prozesse in Bewegung, in denen die Bewohner_innen lernten, sich selbst zu organisieren, um an ihrer Situation etwas zu verbessern. Die gemeinsame Arbeit in den kollektiv bewirtschafteten Stadtgärten beförderte darüber hinaus Prozesse, in denen die Menschen begannen, mit einer kritischeren Perspektive auf ihre eigene Realität zu blicken. „Indem sie die Erde bearbeiten und sie als ihr Eigentum empfinden, identifizieren sie sich mit dem Ort, an dem sie leben und beginnen, sich für ihr Territorium einzusetzen“, erläutert Camilo Martinez Cuchimaque von Yanapaqui. Dieser Aufbau territorialer Identität zog auch eine Politisierung nach sich. Die Bewohner_innen begannen, die Potenziale und Problemlagen ihres Viertels zu identifizieren und zu hinterfragen, wie zum Beispiel den fehlenden Zugang zu öffentlichen Gütern. In La Paralela engagieren sie sich seither in der Mesa Interbarrial de Desconectados, einem stadtteilübergreifenden Netzwerk, das den Zugang zu öffentlicher Infrastruktur einfordert. Das Viertel, das sich zum Großteil aus zugewanderten Menschen vom Land und Binnenflüchtlingen des internen Konflikts zusammensetzt, wurde seit seiner Gründung vor 50 Jahren von den städtischen Autoritäten nie offiziell anerkannt. Auch deshalb hat die Stadtverwaltung kaum in die Infrastruktur investiert, ein Großteil der Bewohner_innen hat keinen Zugang zur Trinkwasserversorgung und ist nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.
Besonders bemerkenswert an den Prozessen der Selbstorganisation rund um die Gärten ist der hohe Anteil an Frauen, die im Projekt der Paralela aktiv geworden sind. Das Kernteam der Organisation besteht aus 15 Frauen und fünf Männern. Für die Frauen bietet die urbane Landwirtschaft eine Möglichkeit, Arbeit und Familie zu verbinden: Die Kinder können mit zu den Beeten genommen werden, gleichzeitig lassen sich aus den Ernteprodukten die Versorgung der Familie und ein kleines Einkommen erzielen. Laut Camilo Martinez Cuchimaque engagieren sich die Frauen zunächst aufgrund ihrer Rolle als Versorgerinnen der Familie in den Gärten. Im Laufe der Zeit übernehmen manche jedoch zunehmend mehr Verantwortlichkeiten im Organisierungsprozess und nehmen neue Rollen an: Einige vertreten die Forderungen ihrer Wohngemeinde vor kommunalpolitischen Gremien. Andere engagieren sich in der Umweltbildung mit Jugendlichen. So können die Stadtgartenprojekte durch das Überschreiten von traditionellen Rollenverständnissen für sie auch eine Form von Empowerment sein.
Trotz des Aufblühens von Stadtgärten in kolumbianischen Großstädten steht die Bewegung dort noch relativ am Anfang. Die Initiativen stoßen an eine Vielzahl von Barrieren. Insbesondere die Landfrage ist in Großstädten aufgrund der hohen Bodenwertrate und Immobilienspekulationen besonders delikat. So kam es auch in La Paralela zu Schwierigkeiten, da nach der Wiederherstellung das Territorium für den U-Bahn-Konzern neue Attraktivität gewann und das Unternehmen deswegen Ansprüche auf das zuvor ungenutzte Gebiet äußerte. Einige der Aktivist_innen sind aufgrund der Gartenaktivitäten auf dem Territorium bis heute Verfolgungen ausgesetzt. Camilo Martinez Cuchimaque kritisiert in diesem Zusammenhang, dass es bislang in Kolumbien noch keinerlei politische Ansätze zur Förderung von städtischen Gemeinschaftsgärten gibt. Die Stadtgärtner_innen von La Paralela haben sich unterdessen selbst geholfen: Sie versuchten, auf die Problematik und ihre Arbeit in den Stadtgärten in den Medien aufmerksam zu machen. Durch die gestiegene Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ließen die Verfolgungen etwas nach. Zudem gelang es den Bewohner_innen der Paralela, durch Kooperationen mit öffentlichen Institutionen wie Schulen und Krankenhäusern, neues Terrain zum Gärtnern zu gewinnen. Dadurch ergaben sich viele positive Effekte: So konnten zum Beispiel in der Arbeit mit Schulklassen Workshops zur Umweltbildung integriert werden. In einer Kooperation mit der Technischen Universität in Medellín arbeiteten Studierende mit den Stadtgärtner_innen von La Paralela Hand in Hand und tauschten gegenseitig ihr Wissen aus. Die Zusammenarbeit bescherte dem Gartenprojekt zusätzlichen Rückhalt.
Das Potenzial von Stadtgärten in der Integrationsarbeit ist auch in deutschen Stadtgärten erkannt worden. Camilo Martinez Cuchimaque war im Juni und Juli 2013 auf einer Vortragsrundreise quer durch Deutschland unterwegs und hatte dabei die Gelegenheit, sich ein Bild von dem hiesigen Stadtgartenpanorama zu machen. Für ihn war es interessant festzustellen, dass trotz einer Vielzahl an Unterschieden zwischen Stadtgärten in Kolumbien und Deutschland auch viele gemeinsame Visionen bestehen. In beiden Kontexten geht es um die Frage nach dem Recht auf Stadt und der Nutzung des öffentlichen Raums. In Deutschland bildeten die Göttinger Internationalen Gärten vor knapp 20 Jahren den Stein des Anstoßes für die urbane Gartenbewegung. Auch hier fanden sich Menschen aus Äthiopien, Irak, Bangladesch und weiteren Ländern zusammen, die sich einen privaten Hausgarten nicht leisten konnten. Gerade für Frauen mit Migrationshintergrund, die oftmals relativ isoliert leben, eröffnete es eine Gelegenheit, sich außerhalb der Haushaltssphäre zu treffen und auszutauschen. So wurden in den Göttinger Gärten eigene Projekte zu Gesundheit und Ernährung initiiert, in denen zehn Frauen aus acht Ländern traditionelles Wissen aus ihren Heimatorten zum Einsatz bringen konnten. Die Gärten als Orte der Begegnung und Integration sprießen seither in der deutschen Großstadtlandschaft. In Berlin sind bei einer Kartierung auf Initiative des Allmende Kontors insgesamt 99 städtische Gemeinschaftsgärten erfasst worden.
Sowohl in Deutschland als auch in Kolumbien bilden die Stadtgärten nach Ansicht von Martinez Cuchimaque einen „Raum des Austauschs und der Bildung“ – einen Ort, in dem Menschen Lösungsvorschläge für geteilte Problemlagen gemeinsam entwickeln können. In Zeiten einer hoch industrialisierten Landwirtschaft und von Lebensmittelskandalen besteht auf beiden Seiten das Bestreben nach einer umweltverträglichen Nahrungsmittelversorgung der kurzen Wege. Statt abgepacktem Supermarktgemüse wünschen sich viele Menschen, die Herkunft der Lebensmittel wieder nachvollziehen zu können. Solidarökonomische Organisationsformen bieten dabei eine Möglichkeit, frisches Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau auch Menschen aus niedrigen Einkommensschichten zugänglich zu machen. Beispiele hierfür bieten hierzulande Projekte der Solidarischen Landwirtschaft, wie die Gartenkooperative GartenCoop in Freiburg, die ebenfalls im Zuge der Rundreise besucht wurde. Die Gartenkooperative versorgt ihre 290 Mitglieder wöchentlich mit ökologischen und regionalen Gartenerzeugnissen. Indem die Mitglieder bei der Verteilung der Ernte tatkräftig mit anpacken und den Gemüseanbau solidarisch finanzieren, sind sie Teil des Gartenbetriebs und werden somit zu „Prosument_innen“ – also gleichermaßen zu Konsument_innene und Produzent_innen. Das Terrain der GartenCoop bildet eine biologische Oase von acht Hektar zwischen hochindustrialisiertem Maisanbau für Biogasanlagen im Oberrheingraben, einem der fruchtbarsten Gebiete Süddeutschlands. Dies verdeutlicht, dass sich die Frage der Ernährungssouveränität nicht nur in den sogenannten „Entwicklungsländern“, sondern auch in Deutschland direkt vor der Haustür stellt.
Für die Nachhaltigkeit der Initiativen der Städtischen Landwirtschaft ist es jedoch hier wie da langfristig wichtig, die Initiativen unter sich besser zu vernetzen und geeignete Formen der politischen Förderung zu finden. Nach Ansicht von Camilo Martinez Cuchimaque sollte die urbane Landwirtschaft in die offizielle Stadtplanung, wie etwa in Flächennutzungspläne, integriert werden. Auch das Thema Ernährung und Nahrungsmittelversorgung sollte darin berücksichtigt werden. Denn, so seine Forderung: „Die Menschen sollen das Recht und die Freiheit haben, in der Stadt anbauen und sich selbst versorgen zu dürfen.“

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