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„Wir wollen keinen staatlichen Zivildienst”

Red Juvenil de Medellín
Das Red Juvenil de Medellín ist ein Netzwerk basisorientierter Jugendgruppen. In den Neunziger Jahren gegründet, beschäftigte es sich zunächst allgemein mit menschenrechtsbezogenen Themen. In den letzten Jahren konzentriert sich die Arbeit aber speziell auf die Bereiche Gewaltfreiheit und Kriegsdienstverweigerung. Das Red macht Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsarbeit mit Jugendlichen, bietet Beratung und Rechtsbeistand für Kriegsdienstverweigerer an und führt Protestaktionen durch.

In Kolumbien herrscht seit über 40 Jahren Krieg. Wie sehen da die Chancen zur Kriegsdienstverweigerung aus?

Adriana: In Kolumbien gilt Wehrpflicht. Jeder junge Mann muss einen Militärausweis haben, der bescheinigt, dass er seinen Wehrdienst geleistet hat oder davon rechtmäßig befreit wurde. Wenn du diesen Ausweis nicht hast, können sie dich jederzeit einziehen. Du bekommst keinen Job, keine Ausbildung, keinen Studienplatz. Früher konnte man ohne Militärausweis nicht mal das Land verlassen. Die Schulen sind verpflichtet, die Unterlagen der männlichen Schulabgänger direkt ans Militär zu schicken. Allerdings gibt es einige junge Männer, die einfach nicht zur Musterung gehen.

Und was passiert dann?

Raúl: Sie versuchen irgendwie selbstständig zu arbeiten, weil sie ja ohne Militärausweis nirgendwo eingestellt werden. Wenn sie 28 sind, können sie amnestiert werden. Das heißt, um ihren militärischen Status zu legalisieren, müssen sie sich den Ausweis kaufen, und zwar für eine Menge Geld. Das Militär macht damit ein gutes Geschäft. Viele kratzen ihr letztes Geld zusammen. Da sieht man, wie militarisiert diese Gesellschaft ist, dass du außer deinem normalen Ausweis auch noch einen Militärausweis haben musst!
Dass der Staat einen dazu zwingt, zu den Waffen zu greifen, ist eine Form, den Krieg zu verlängern. Die Regierung redet von Frieden und verpflichtet gleichzeitig die Jugendlichen dazu, gegen ihren Willen einen Waffendienst zu leisten und dabei möglicherweise zu sterben.

Das Red Juvenil ist eine der wenigen Organisationen in Kolumbien, die zum Thema Kriegsdienstverweigerung arbeiten.

Adriana: Ja, wir kämpfen dafür, dass die Jugendlichen selbst wählen können, ob sie Wehrdienst leisten oder nicht. Sie sollten lernen, dass es auch noch andere Wege gibt, sich für sein Land einzusetzen, als zur Waffe zu greifen und das Töten von Menschen zu üben. Wir verstehen uns als Verweigerer aus Gewissensgründen und versuchen, jungen Leuten zu helfen, dies ebenfalls zu tun. Wir rufen also zum zivilen Ungehorsam auf.

Funktioniert das?

Adriana: Mehr oder weniger. In einigen Fällen haben wir geschafft, dass junge Männer sich öffentlich als Kriegsdienstverweigerer bekannt haben. Aber uns geht es vor allem auch darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass es Alternativen zum Kriegsdienst gibt. Für viele Jugendliche ist das Militär der sicherste Arbeitsplatz, den sie bekommen können. Das macht unsere Arbeit natürlich nicht gerade leichter. Deshalb ist es so wichtig, das gesellschaftliche Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Beteiligung an bewaffneten Gruppen immer ein Weg der Gewalt ist. Ein Weg, der in Kolumbien leider sehr verbreitet ist.

Gibt es in Kolumbien eine Alternative zum Militärdienst, so etwas wie einen Zivildienst?

Raúl: Nein. Aber wir wollen auch keinen staatlichen Zivildienst. Wir sind grundsätzlich dagegen, dass ein Jugendlicher verpflichtet wird, für einen Staat Dienst zu leisten, der nicht mal seine Grundrechte respektiert.
Adriana: Außerdem leisten viele Jugendliche ja bereits so etwas wie einen sozialen Dienst, indem sie sich in basisorientierten Jugendgruppen organisieren. Nur sind die eben meistens nicht staatlich. Aber das ist genauso ein Dienst für das Land. Es geht also nicht darum, einen staatlichen Zivildienst einzuführen, sondern das anzuerkennen, was die Jugendlichen bereits freiwillig tun.

Gibt es rechtliche Möglichkeiten, den Militärdienst zu verweigern?

Raúl: Nein, das steht noch ganz am Anfang. Wir versuchen zu erreichen, dass die Kriegsdienstverweigerer auch juristisch als solche anerkannt werden. Auf nationaler Ebene ist das sehr schwierig, deshalb beziehen wir uns auf internationale Statute und versuchen internationalen Druck herzustellen. Gleichzeitig bemühen wir uns innerhalb Kolumbiens die staatlichen Menschenrechtsbehörden für das Thema zu gewinnen und Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen zu erhalten.

Wie sieht Eure Arbeit konkret aus?

Adriana: Zum einen machen wir Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, in speziellen Kursen für Jugendliche, im Internet oder mit öffentlichen Veranstaltungen wie mit unseren Konzerten. Wir nennen das antimilitarismo sonoro (klingender Antimilitarismus). Dazu laden wir Bands ein, die sich mit ihrer Musik und ihren Texten für den Antimilitarismus einsetzen. In Medellín sind wir dafür inzwischen schon bekannt, auch, weil wir bei unseren Konzerten auf öffentlichen Plätzen nicht zulassen, dass die Polizei anwesend ist. Wir bestehen darauf, unsere Sicherheit selbst zu organisieren und es funktioniert. Die Polizei versucht trotzdem sich einzumischen, aber bisher haben wir es geschafft, sie fernzuhalten.

Ihr organisiert auch Protestaktionen?

Adriana: Ja, das ist der andere Teil unserer Arbeit. Früher fanden diese Protestaktionen vor allem im öffentlichen Raum statt, auf zentralen Plätzen, dort wo viele Leute vorbeikommen. Inzwischen gehen wir auch dort hin, wo das Militär stationiert ist. Die letzten Aktionen waren deshalb gefährlicher. Wenn wir uns mit Plakaten vor eine Kaserne stellen und demonstrieren, bedeutet das für uns natürlich ein höheres Sicherheitsrisiko.

Wie reagieren die Sicherheitskräfte?

Adriana: Mit Beschimpfungen und Einschüchterungsversuchen, häufig auch mit Gewalt. Bei unserer Aktion am 20. Juli (Kolumbianischer Nationalfeiertag, Anm. d. Red.) hätte die Polizei einen von uns fast zu Tode geprügelt. Sie hatten ihn schon in ihrem Wagen. Einige Frauen haben sich davor gestellt und ihnen den Weg versperrt, bis sie ihn freigelassen haben. Drei Personen sind trotzdem festgenommen worden. Die Sicherheitskräfte versuchen, uns zu kriminalisieren, indem sie behaupten, wir wären von der Guerilla infiltriert. Die übliche Strategie gegen sozialen Widerstand.
Raúl: Früher hat uns die Polizei nicht so ernst genommen. Sie haben uns eher wie eine Gruppe Verrückter behandelt, die herumspringt und irgendwelche Aktionen macht. Aber je mehr politisches Gewicht wir gewinnen und je grösser das öffentliche Bewusstsein für unsere Themen wird, desto mehr betrachten sie uns als eine latente Bedrohung. Vor allem nach den letzten Aktionen, die wir organisiert haben, ist sehr viel Spannung zu spüren. Wir müssen nun abwarten, was passiert und dementsprechend unsere Strategien überdenken.

Arbeitet ihr nur in Medellín?

Adriana: Nein, wir arbeiten auch auf dem Land, mit Bauernorganisationen und mit Friedensgemeinden wie in San José Apartado (siehe LN 387). Teilweise machen diese Organisationen dasselbe wie wir. Sie sind Kriegsdienstverweigerer, sie haben sich nur bisher nicht so bezeichnet. Wir versuchen ihnen eine Plattform zu bieten, um mit anderen Gruppen zusammenzuarbeiten, mehr politisches Gewicht zu erlangen und sich zu koordinieren. Zum Beispiel haben wir gemeinsam ein Handbuch zur Kriegsdienstverweigerung entwickelt.
Bezieht Ihr Euch mit Kriegsdienstverweigerung nur auf den Eintritt ins Militär oder auch auf andere bewaffnete Gruppen wie Guerilla und Paramilitärs?
Adriana: Am Anfang haben wir uns nur auf das Militär konzentriert. Aber wir haben schnell gemerkt, dass das zu einseitig ist und in diesem Land nicht funktioniert. Jetzt beziehen wir uns in unserer Arbeit auf die Teilnahme an allen bewaffneten Gruppen, also auch Guerilla und Paramilitärs.

Die Paramilitärs sind in Medellín sehr stark. Wie wirkt sich das auf Eure Arbeit aus?

Adriana: Sie versuchen, uns zu vereinnahmen. Im letzten Wahlkampf vor vier Jahren, haben sie selbst Jugendgruppen gegründet, die versuchten, in das Red einzutreten. Für uns hieß das, dass wir unser eigenes Profil ändern mussten. Wir haben uns noch stärker als zuvor auf Themen wie Gewaltfreiheit und Kriegsdienstverweigerung konzentriert und dabei auch klarer politisch Position bezogen. Da sie bei diesen Themen inhaltlich nicht mit uns übereinstimmen konnten, haben wir es geschafft, die Gruppen der Paras aus unserem Netzwerk heraus zu halten. Aber mit dieser Politisierung ist die Arbeit für uns auch gefährlicher geworden. In vielen Vierteln kontrollieren die Paras den öffentlichen Raum und bedrohen alle, die sich nicht ihren Regeln fügen.

Hat sich durch die Entwaffnungsprogramme daran etwas geändert?

Adriana: Offiziell hat es zwar eine Demobilisierung der paramilitärischen Gruppen gegeben, aber sie sind in Medellín nach wie vor sehr präsent und üben teilweise eine sehr direkte Bedrohung aus. Sie tragen ihre Waffen nicht mehr so offen. Aber das brauchen sie auch gar nicht. Sie sind in den Vierteln sehr wohl bekannt. Ich bearbeite zurzeit den Fall von zwei jungen Frauen, die vergewaltigt worden sind. Als wir Anzeige erstatten wollten, baten mich die Familien der beiden, nichts zu unternehmen. Sie wussten dass der Schwager von einem der Vergewaltiger bei den Paras ist.
Raúl: Die Paras sind Täter und Polizei zugleich, sie bestrafen die Leute nach ihren eigenen Regeln. Es gab den Fall eines Jungen, der in der Schule einem anderen einen Bleistift geklaut hat. Der Lehrer hat ihn beim lokalen Chef der Paramilitärs angezeigt. Daraufhin wurde der Junge einen Tag lang in die Kanalisation eingesperrt. Dann wieder organisieren die Paras in den Stadtvierteln Feste für Kinder, sie gehen von Haus zu Haus und laden alle ein. Wer sagt da schon nein. Die Leute haben oft keine große Wahl.

Gibt es auch Mitglieder des Netzwerks, die sich den Jugendorganisationen der Paramilitärs angeschlossen haben?

Raúl: Es gibt drei Personen, die vorher beim Red sehr engagiert waren und inzwischen eng mit den Jugendgruppen der Paramilitärs zusammenarbeiten. Wir haben versucht, mit ihnen inhaltlich darüber zu diskutieren. Zwei von ihnen haben sich trotzdem aus dem Red zurückgezogen. Die Paramilitärs haben ihnen nicht zuletzt bessere finanzielle Möglichkeiten geboten, als wir das können. Der dritte ist noch unentschieden. Er sagt immer zu uns: „Warum seid ihr so abweisend zu denen, das sind doch Jungs von hier, die sind in Ordnung!“ Aber er kommt weiter zu unseren Treffen und arbeitet bei uns mit. Wir halten ihn so beschäftigt, der hat gar keine Zeit mehr bei den anderen Gruppen mitzumachen!

Vier weitere Jahre Präsident Uribe – welche Perspektive seht ihr für eure Arbeit?

Adriana: Die Macht des Militärs wird immer unkontrollierter. Das Militär hatte in Kolumbien schon immer viel Einfluss. Aber seine Stellung wird mit Uribes Politik so herausragend, dass es sich erst recht in einer besonderen Machtposition fühlt. Militär und Polizei üben großen Druck auf die sozialen Organisationen aus. Viele von uns sind mit Namen und Foto registriert und werden überwacht.
Die staatlichen Kontrollinstanzen gegenüber dem Militär sind sehr schwach. Zum Beispiel hat das Militär in Medellín auf offener Straße Jugendliche zwangsrekrutiert. Sie wurden direkt in die Kaserne abtransportiert. Wir haben bei der Menschenrechtsbehörde der Stadtregierung Druck gemacht, damit sie jemanden zu der zuständigen Brigade schicken. Am Ende wurden die zwei Anwälte, die von der Stadtregierung kamen, selbst vom Militär festgenommen!
Raúl: Im Wahlkampf vor vier Jahren hat Uribe noch versprochen, die Wehrpflicht abzuschaffen. Ich glaube, er hat damit viele Stimmen von jungen Wählern gewonnen. Statt sein Versprechen zu erfüllen, hat er aber lediglich die Rekrutierung verändert. Mit seinem Programm der Demokratischen Sicherheit bindet er viel mehr Leute an das Militär als nur die regulären Soldaten, zum Beispiel die „Bauernsoldaten“ oder das „Netz der Informanten“. Uribe behauptet, sie seien Zivilpersonen, die einen Dienst für den Staat verrichten. Aber sie werden direkt in den Krieg verwickelt, weil sie militärische Aufgaben übernehmen. Das alles verschärft die Militarisierung und bezieht mehr Zivilpersonen in den Krieg ein.

Bei allen Schwierigkeiten – was betrachtet ihr als Erfolge Eurer Arbeit?

Adriana: Wir haben erreicht, dass Kriegsdienstverweigerung in den Medien ein wichtiges Thema geworden ist. Und in letzter Zeit gibt es zunehmend Kritik an Zwangsrekrutierungen, die vor allem in den ländlichen Gegenden vorkommen. Außerdem gibt es jetzt eine landesweite Vereinigung der Kriegsdienstverweigerer, die im September ein erstes nationales Treffen hatte. Das ist auf jeden Fall ein Erfolg.

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