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Sommer in Buenos Aires

Ich gehe die Straße entlang und stöhne über die Hitze in dieser Stadt, wechsle die Seite und betrete eine Buchhandlung. Ich frage nach dem neuesten Buch über den 30. Jahrestag des Putsches, 30 ejercicios para la Memoria. Sie haben es nicht, es ist noch nicht im Handel und wird es vielleicht nie sein. Das Buch zirkuliert in einem kleinen Kreis Intellektueller, die der Regierung Kirchner nahe stehen und die – seit geraumer Zeit – darüber debattieren, ob das Buch in den freien Verkauf kommen soll oder nicht. In Buenos Aires gehen die kulturelle Praxis und die ihr zugrunde liegende Theorie oft nicht miteinander einher. Die Stadt ist eine Expertin für Theorien, wenig erfolgreich jedoch bei ihrer praktischen Umsetzung. Es fehlen nur noch wenige Wochen bis sich der Staatsstreich in Argentinien zum 30. Mal jährt und Buenos Aires macht weiter Urlaub wie jedes Jahr im Januar: Die Hitze lähmt die Stadt und das neue Jahr will nicht so recht beginnen. Nur wenig wird geplant.
Ich setze meinen Weg auf der Straße Corrientes fort und versuche mein Glück in einer anderen Buchhandlung. Der ältere Verkäufer unterbricht mich. Meine Frage nach dem neuesten Buch über die Diktatur scheint ihm zu missfallen, er weicht ihr mit einer Gegenfrage aus: „Haben Sie La Voluntad gelesen? Ein umfangreiches Werk über die Diktatur“, schlägt er mir vor. Ich rege mich innerlich auf, weil in dieser Stadt nichts vorangeht, weil es immer die gleichen Diskurse sind, die geführt werden und weil es der aktuellen Regierung Kirchner gelingt, ihren Diskurs durchzusetzen: Dass es Gute und Böse, Korrekte und Inkorrekte, NationalistInnen und HeimatverräterInnen, FreundInnen und FeindInnen gab, gibt und immer geben wird – und keine 30.000 Verschwundenen. Und so dreht sich die aktuelle Debatte nur darum, ob man für die Koalition oder gegen den herrschenden Fortschrittswahn ist.
Zu den letzten Neuigkeiten zählt, dass wir einen Verbündeten – wir denken immer noch in Kriegsbegriffen – gewonnen haben: Evo Morales in Bolivien. Außerdem haben wir uns ein bisschen mit Tabaré Vázquez und den UruguayerInnen verworfen, weil sie nicht ganz so ökologisch sein wollen, wie wir selbst vorgeben zu sein. Der bevorstehende Jahrestag des Putsches ist noch ziemlich weit weg.
Lateinamerikanische Sentimentalität erfüllt die City, die Schaufenster der Buchhandlungen beweisen es: Ein Großteil der Titel hat einen Bezug zu Lateinamerika. Wieder trotzt mir ein Buchhändler: „Das neue Buch? Nein! Wir haben noch keine Neuerscheinungen, die Verlage bringen bis März nichts Neues heraus. Ich hätte hier aber die Neuauflage eines Buch über die Großmütter der Plaza de Mayo zu einem unglaublich günstigen Preis. Eine sehr interessante Darstellung darüber, wie die Organisation entstanden ist“. Als ich insistiere und um etwas aktuelles bitte, gibt er kategorisch zurück: „Unmöglich.“
Nur wenig hört man darüber, dass die Regierung Kirchner die finanzielle Unterstützung für die Großmütter der Plaza de Mayo gekürzt hat. Die Gelder sollten dazu dienen, ein Archiv über das Leben der Verschwundenen aufzubauen. Doch der Stillstand dieses Projekts ist nichs für die Nachrichten. Stattdessen ist die neueste Nachricht in Bezug auf den 30. Jahrestag des Putsches, dass die Mütter der Plaza de Mayo beschlossen haben, keine Runden mehr auf dem Platz zu drehen – keine Widerstandsmärsche mehr, die von Hebe de Bonafini angeführt wurden. Die Mutter der Plaza de Mayo ist voller Dank für die aktuelle Regierung: „Wir fühlen uns dem Präsidenten und seiner Amtsführung eng verbunden. Wir stehen der Regierung nicht mehr feindlich gegenüber“, ruft die Frau bei der ständigen Umrundung der Pyramide auf der Plaza de Mayo aus – nach 25 Jahren.

Lähmende Hitze

Ich gehe weiter auf der Avenida 9 de Julio, lese das Kinoprogramm durch. Im Sommer laufen nur wenig neue Filme an. Iluminados por el fuego, der neueste argentinische Film, mit dem wir uns der Welt präsentieren. Ein Film eines ehemaligen Montoneros (linke peronistische Organisation, in den 1970er Jahren als Guerilla aktiv; Anm. d. Red.), der jetzt Direktor eines Fernsehsenders ist. Er erzählt die Geschichte des Falkland-Krieges aus Sicht eines „armen“ Jungen, den seine Vergangenheit nicht loslässt. Ein Heranwachsender, der ein ums andere Mal mit dem Krieg konfrontiert wird, gegen den er sich nicht wehren konnte. Der nie verstanden hat, worum es ging und warum er ein Teil davon war.
Mit Musik läuft es sich ein bisschen leichter in der sonntäglichen Hitze. „Die Befreiung unserer Heimat ist nicht allein die Aufgabe nur einer, sondern vieler Generationen, daher müssen wir an die Umverteilung zwischen den Generationen denken“, so formulierte es der ehemalige Präsident Juan Domingo Perón, ungefähr 1946, bei einer seiner vielen Reden auf der Plaza de Mayo. Der gleiche Satz taucht heute im Song einer angesagten argentinischen Rockband auf. Überhaupt ist es sehr angesagt, sich auf nationale Werte zu berufen, sich als Nationalstaat zu verstehen.
Ich versuche es mit einem anderen Zeitvertreib und bleibe an einem Zeitungskiosk stehen: Alles Nachrichten von gestern, Zeitschriften, die sich wiederholen. Themen, die die einen von den anderen abschreiben: Was bedeutet es, argentinisch zu sein? Wie kommen eigentlich die (Ex)-Piqueteros mit der Regierung zurecht? Wie sollte man der Montoneros gedenken? Die Geschichte wiederholt sich, man fühlt schlagartig wieder peronistisch in diesem Sommer.
Die Regierung der Stadt Buenos Aires ist gelähmt: Sie steckt mitten in einem politischen Prozess gegen den ehemaligen Chef Bürgermeister Aníbal Ibarra, der wegen fehlender Sicherheitskontrollen in der Diskothek República Cromagnon, wo Ende 2004 bei einem Brand hunderte Jugendlich umkamen, angeklagt wird. Das Fehlen einer Führungsperson trägt dazu bei, dass es an Projekten fehlt.
Soviel ist sicher: Am 24. März 2006 wird sich die Plaza de Mayo füllen. Wie jedes Jahr werden viele, sowohl vereinzelte als auch konzentrierte Bewegungen, zu einer riesigen Demonstration aufrufen. Der Beweggrund dafür: Die Erinnerung. Dem Schrei der 30.000 Verschwundenen – angestimmt von einer der madres – erwidert der ganze Platz mit einem „Presente!“. Die Frage ist nur: Wo? Wo finde ich das Buch, das mir hilft, 30 Übungen für die Erinnerung zu machen?

Kasten:

Die Erinnerung als Protagonistin

Eigentlich ist es so gedacht, dass die Erinnerung am kommenden 24. März die Hauptrolle spielen soll. Niemand soll darum herum kommen, den Geschehnissen von vor 30 Jahren zu gedenken. Dabei kommt es nicht darauf an, wo oder wie das geschieht, wichtig ist allein das Erinnern selbst. Das ist in den letzten Tagen und Wochen die meist gehörte Losung in Buenos Aires. Um dies zu erreichen, werden verschiedenste Veranstaltungen organisiert. Ein großer Demonstrationszug auf der Plaza de Mayo beispielsweise, zu dem unterschiedliche Bewegungen aufrufen. Angefangen bei den Müttern und Großmüttern der Plaza de Mayo, von den H.I.J.O.S. (Hijos por la Identidad y la Justicia contra el Olvido y el Silencio) über die Piqueteros bis hin zu AnhängerInnen und GegnerInnen der aktuellen Regierung sowie der Regierung selbst: Alle rufen dazu auf, dessen, was während der Diktatur passiert ist, zu gedenken. Die Demonstration beginnt am 23. März um 21 Uhr und dauert
bis zum nächsten Morgen – genau der Zeitraum, in dem die Militärs den Präsidentenplalast Casa Rosada einnahmen und mit diesem Putsch eine acht Jahre dauernde Diktatur einleiteten.
Alle die sich äußern wollen, sollen Gelegenheit dazu bekommen. Und alle BürgerInnen von Buenos Aires sollen ihre großstädtische Hektik ablegen und ein bisschen ihrer wertvollen Zeit darauf verwenden, auf die Plaza zu kommen. LiedermacherInnen treten auf, es gibt Rockkonzerte, Lesungen, Ausstellungen und Theateraufführungen. Reden werden gehalten, die einem immer wieder nahe bringen sollen, auf welche Weise Erinnerung möglich ist. Die StudentInnen der UBA (Universidad de Buenos Aires) haben Plakate zum Thema gestaltet. Auf zwei Riesenleinwänden werden bisher unveröffentliche Bilder gezeigt, welche die argentinische Geschichte von jenem 24. März 1976 bis heute dokumentiert.
Auch die Verlage sind aktiv. Einige Neuerscheinungen über den Putsch kommen auf den Büchermarkt. Nunca Más („Nie wieder“ ist die Veröffentlichung der Wahrheitskommission CONADEP, die nach dem Übergang zur Demokratie von Präsident Alfonsín eingerichtet wurde; Anm. d. Red.), die „Ikone der Erinnerung”, wurde anlässlich des Jahrestages neu aufgelegt. Das Buch berichtet detailliert von Entführungen und Folter. Die argentinische Regierung ihrerseits will auch nicht außen vor bleiben und verschenkt ein Buch an LehrerInnen, das ihnen helfen soll, das Thema der Diktatur im Unterricht zu behandeln. Ebenfalls Teil des – offiziellen – Erinnerungsdiskurses ist das Projekt „Año de repudio al golpe de 1976“ (Jahr der Ablehnung des Putsches von 1976) für das gesamte Jahr 2006. Laut der Abgeordneten Diana Conti umfasst es „verschiedene Initiativen, darunter die Prägung einer Sondermünze sowie die Ausstrahlung spezieller Sendungen zum Thema”. Von der Münze keine Spur. Nach Aussagen der VertreterInnen verschiedener Organisationen soll der 30. Jahrestag vor allem dazu dienen, an die Geschehnisse der letzten Diktatur zu erinnern. Die argentinische Gesellschaft ist heute – wie vor 30 Jahren – äußerst gespalten: Einiges hat sich nicht verändert, obwohl die Geschichte sich verändert hat.

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