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Streiter für eine andere politische Kultur

Mariátegui, der in Anlehnung an den Titel einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift “Amauta” genannt wurde, was in der In­dianersprache Quechua soviel wie “Weiser” oder “Gelehrter” bedeutet, war weder das eine noch das andere im klassischen Sinne. Die Elfenbeinturm­mentalität vieler Intellektueller war ihm verhaßt, das künstlerische und akade­mische Establishment griff er an, wo im­mer er konnte. Seine kurze Lebens­spanne (1894-1930) war auch nicht dazu angetan, aus ihm einen “Weisen” jenseits der poli­tischen Auseinandersetzungen zu machen. Bereits als Kind war er von einer schwe­ren Krankheit gezeichnet, wegen der er sich mehreren Operationen unter­ziehen mußte, die ihn nach der Amputation eines Beines an den Rollstuhl fesselte und schließlich das Leben kostete. Vielleicht hat diese Krankheit dazu bei­getragen, daß er rastlos und fieberhaft al­les Neue in sich aufsog, daß seine Schrif­ten in vielem fragmentarisch blieben und seine Aktio­nen polemisch. Nein, ein “Weiser” war er nicht, sondern vielmehr ein in den gesell­schaftlichen Kämpfen en­gagierter Intel­lektueller im besten Sinne des Wortes.
Mariátegui war Zeitzeuge der großen ökonomisch-politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen am Beginn des 20. Jahrhunderts: Die mexikanische und die russische Revolution sowie den Bruch der historischen Avantgardebewegungen (Dada, Futurismus, Surrealismus) mit der Geschichte der europäischen Kunst be­grüßte er enthusiastisch und begleitete sie kritisch. Alles Rückwärtsgewandte verab­scheute er, den pasadismo (die Vergan­genheitsliebe) der peruanischen Eliten sah er als Dekadenzerscheinung an, als Blind­heit gegenüber dem Geist einer neuen Zeit.
Diesen esprit nouveau sah er in der mo­dernen Kunst und in Sergeij Tretjakovs Ideal einer in die gesellschaftlichen Kämpfe eingreifenden Produktionskunst ebenso angedeutet, wie in der Philosophie Albert Einsteins und den politischen Theorien von Antonio Gramsci, Benedetto Croce oder George Sorel. Der Kampf für die Durchsetzung, für die Hegemonie die­ser neuen Ideen war in Mariáteguis Den­ken untrennbar mit denjenigen für die so­zialistische Revolution verbunden. Beide, kulturelle Hegemonie und Revolution, sollten aber in seinen Vorstellungen spezifisch peruanische Züge annehmen (daher der programmatische Titel einer seiner Kolumnen: Peruanisieren wir Peru). Nicht die rückwärtsgewandte Utopie der Restauration des Inkareiches Tawantin­suyo, wie sie von einigen Indigenisten vertreten wurde, war sein Ideal. Seine Utopie war eine sozialistische Gesell­schaft, die den kulturellen Dualismus von indianischer und westlich-abendländischer Welt in Peru versöhnen und in einer pe­ruanischen Nationalkultur aufheben sollte. Nation und Nationalkultur waren deshalb für Mariátegui utopische und – das muß besonders betont werden – antinationalisti­sche Begriffe.
Zwischen Indigenismo und Gramsci
Bereits mit vierzehn Jahren schreibt Ma­riátegui seine ersten Artikel für die Tages­zeitung La Prensa. Anfangs ist er haupt­sächlich von christlichem Ideengut begei­stert; daneben finden sich auch die zeitty­pischen Einflüsse von Positivismus und Dekadenz der Boheme des Fin de siècle wieder. Gleichzeitig hält er Kontakt zu den verschiedenen Gruppierungen der Indigenisten, die den Rassismus der Wei­ßen gegenüber der indianischen Bevölke­rung Perus anprangern und sich entweder für eine (allerdings paternalistisch ver­standene) Integration der Quechua und Aymara in die peruanische oder für die Wiederherstellung der inkaischen Gesell­schaft einsetzen. Später wird Mariátegui mit den Ideen seiner Jugendzeit hart ins Gericht gehen und sie als seine “Steinzeit” bezeichnen, auch wenn er sich von seinen religiösen und indigenistischen Ideen nie völlig lossagt.
Wegen seiner Kritik am Regime Augusto Leguías wird Mariátegui 1919 vor die Alternative gestellt, entweder ins Gefäng­nis zu gehen oder mit Hilfe eines Stipen­diums für einen längeren Aufenthalt in Europa außer Landes “gelobt” zu werden. Er entscheidet sich für die zweite Mög­lichkeit und verbringt fast vier Jahre in Frankreich, Italien und Deutschland. Diese Zeit markiert den entscheidenden Bruch in seinem Leben und seinen Auf­fassungen. Er trifft bedeutende Denker je­ner Zeit wie Henri Barbusse, Benedetto Croce und Antonio Gramsci, deren Ideen großen Einfluß auf ihn ausüben. Die Be­kanntschaft mit einer Reihe von avantgar­distischen Künstlern verändert radikal seine Vorstellungen von der gesell­schaftlichen Funktion der Kunst.
Nach seiner Rückkehr aus Europa arbeitet Mariátegui zuerst als Dozent in der neu­gegründeten Volksuniversität, die von Raúl Haya de la Torre, dem Begründer der APRA (Alianza Popular Revolucionaria Americana), organisiert wird. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und gründet selbst 1926 die Zeitschrift “Amauta” und 1928 “Labor”. Während “Amauta” für viele Themen und Autoren offen ist, sofern sie im weitesten Sinne so­zialistisch, avantgardistisch oder indigeni­stisch sind, widmet sich “Labor” in erster Linie den Fragen der Arbeiterbewegung.
Außer seiner publizistischen Tätigkeit en­gagiert sich Mariátegui auch weiterhin politisch. Er gründet die sozialistische Partei Perus und setzt sich in einer har­schen Polemik mit Haya de la Torre aus­einander. Während letzterer aus der APRA eine nach leninistischem Muster organisierte Kaderpartei formt und zugleich populistische Ideen vertritt, ver­wirft Mariátegui ein solches Konzept für die sozialistische Partei zugunsten einer demokratischeren, offeneren Struktur. Die revolutionäre Masse stellt für ihn nicht eine einheitliche, uniforme, sondern eine vielfältige Bewegung dar. Auch mit der Komintern, die 1929 in Buenos Aires tagt, liegt er im Streit. Innerhalb der Internationalen wird zu dieser Zeit die Ansicht vertreten, daß man den Indianern Lateinamerikas ein Recht auf nationale Selbstbestimmung zugestehen und folg­lich die Gründung indianischer Republi­ken fördern sollte. Mariátegui dagegen sieht Peru als eine im Werden begriffene Nation an, in die die Quechua und Ay­mara integriert werden sollten. Für ihn ist das sogenannte “Indioproblem” letztlich kein ethnisches, sondern ein Problem des Bodens, der Landverteilung. Diese letzte Auseinandersetzung seines Lebens hat er allerdings schon nicht mehr mit aller Kraft führen können. Was Alberto Flores Ga­lindo “die Agonie Mariáteguis” genannt hat, findet seinen Höhepunkt darin, daß er den Vorsitz der sozialistischen Partei Pe­rus kurz vor seinem Tod niederlegt. Am 30. April 1930 stirbt José Carlos Mariáte­gui, ohne daß er für die Zukunft der Partei oder für die Auseinandersetzung mit der Komintern eine klare Richtung vorge­geben hätte. Erst jetzt benennt sich die sozialistische in kommunistische Par­tei um und folgt weitgehend den Direkti­ven der Komintern.
Die peruanische Wirklichkeit interpretieren
Zu Lebzeiten Mariáteguis erscheinen le­diglich zwei seiner Essaysammlungen als Bücher: 1925 “La escena contemporánea” (Die zeitgenössische Szenerie) und 1928 “Siete ensayos de interpretación de la re­alidad peruana” (Sieben Versuche, die pe­ruanische Wirklichkeit zu verstehen). Alle übrigen werden postum aus den un­zähligen von ihm veröffentlichten Arti­keln zusammengestellt. Die beiden ge­nannten Bücher markieren allerdings be­reits die Eckpunkte bzw. Hauptthemen seiner publizistischen Arbeit. In La escena contemporánea behandelt er Themen der internationalen historischen Entwicklung: Der aufkommende Faschismus in Italien, die Krise der sozialistischen Bewegung in Westeuropa, die russische Revolution, die Rolle Asiens und damit der Peripherie in­nerhalb der revolutionären Umbrüche sowie die Stellung der Intelligenz und der Kunst zu und in diesen Ereignissen bilden die Hauptthemen des Buches.
In den “Sieben Versuchen” konzentriert er sich dagegen auf die ökonomischen und kulturellen Probleme Perus. Im ersten Es­say gibt er einen kurzen Abriß der öko­nomischen Entwicklung vom Inkareich (das er als Stadium des Urkommunismus sieht) über die feudalistische Kolonialzeit bis zu den Ansätzen einer kapitalistischen Industrialisierung am Beginn des 20. Jahr­hunderts unter Beibehaltung kolo­nialistischer Abhängigkeit. Das soge­nannte “Indioproblem” stellt sich ihm in den beiden folgenden Versuchen als Pro­blem des Bodenbesitzes und des Fortbestandes feudalistischer Strukturen sowie des gamonalismo in den Anden dar. Vor diesem Hintergrund behandelt Ma­riátegui auch die Problematik von Regio­nalismus und Zentralismus im sechsten Essay. Die Abhängigkeit des Bildungssy­stems von Europa und die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Universitätsreform sowie der Dualismus von indianischer und katholischer Religion sind die Themen des vierten und fünften Versuchs. Im letzten der “Sieben Versuche” schließlich beab­sichtigt Mariátegui, der peruanischen Lite­ratur buchstäblich den Prozeß zu machen. Er teilt die Literaturgeschichte seines Landes in eine koloniale, eine kosmopoli­tische und eine nationale Phase ein, wobei die letzte ein uneingelöstes Projekt darstellt, das wie die peruanische Nation selbst erst im Werden begriffen ist. Wie wichtig für Mariátegui kulturelle Fragen waren, zeigt sich allein schon darin, daß dieser letzte Essay ein gutes Drittel seines Buches einnimmt. Der Kampf um eine revolutionäre Erneuerung der peruani­schen Gesellschaft war in seiner Vorstel­lung immer zugleich – und nicht erst in zweiter Linie – ein Kampf um die Erneue­rung der Kultur.
Und heute?
Was bleibt, jenseits von Vereinnahmung und Vergessen? Welche Denkanstöße können uns heute die Schriften Mariáte­guis zu Politik und Kultur geben? Wieviel davon ist für uns noch von Interesse?
Wenn man Mariáteguis Essays und im be­sonderen die “Sieben Versuche, die pe­ruanische Wirklichkeit zu verstehen” liest, fällt eines sofort auf: die Aktualität einer Reihe von Themen, die er vor gut siebzig Jahren angeschnitten hat. Die Frage der Nationalkultur und eines antinationalisti­schen Verständnisses von Nationenbil­dung in Lateinamerika gehören ebenso dazu wie seine von einigen Befreiungs­theologen aufgenommenen Gedanken zur Religion als kollektivem Mythos. Seine Auseinandersetzungen mit Rassismus und Faschismus sowie mit dem Problem der Verzahnung von ethnischen und Klassen­konflikten gewinnen heute zu­nehmend an Aktualität und Brisanz. Vieles von dem, was in entwicklungstheo­retischen Model­len seit den späten sechzi­ger Jahren ausgeführt wird, hat Mariátegui zumindest angedacht. Das gilt auch für die lateinamerikanische Literatursoziologie, die seine Ideen erst Ende der siebziger Jahre aufgegriffen hat.
Vor allem aber gehört er, wenn man ihn denn überhaupt einordnen will, in eine Li­nie mit Vertretern eines unorthodoxen Marxismus wie etwa Tretjakov, Gramsci und Benjamin; eine Richtung, die sich schon zu seinen Lebzeiten nicht hat durchsetzen können – und nach seinem Tod noch viel weniger. Gerade in der ak­tuellen Krise des Marxismus und der Lin­ken überhaupt kann Mariátegui deshalb eine Funktion als Anreger zukommen. Er hat seine Schriften selbst einmal aus­drücklich als “Verteidigung des Marxis­mus” bezeichnet. Das sind sie bis heute geblieben, auch und gerade weil sie den Marxismus gegen seine eigenen Apolo­geten verteidigen. Mariátegui war, mit all seinen Widersprüchen, ein engagierter Intellektueller. Was er wollte, war nicht die Konstruktion eines großen Theoriege­bäudes, sondern ein ständiges Überdenken und Umformulieren der eigenen Vorstel­lungen. Die so oft betriebene Vereinnah­mung seiner Person und seiner Aussagen für unterschiedlichste politische Zwecke widerspricht deshalb geradezu seinem ei­genen Denken. Dagegen könnte er im be­sten Falle nicht etwa als Vorbild oder als “Amauta” in den heutigen Debatten eine Rolle spielen, sondern als Anreger im Streit um eine andere politische Kultur.

Auf Deutsch liegen vor:
Sieben Versuche, die peruanische Wirklich­keit zu verstehen. Berlin: Argument, 1986.
Revolution und peruanische Wirklichkeit. Ausgewählte politische Schriften. (Herausgegeben von Eleonore von Oert­zen). Frankfurt/Main: ISP`Verlag, 1986.

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