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Tanzendes Kuba!

Wie „Quien Diablos es Juliette“ hat sich auch „Si me comprendieras“ die Aufgabe gestellt, das Leben kubanischer Mädchen und Frauen zu dokumentieren. Kokett und originell will dieser Film daherkommen – schade nur, daß ihm dies nicht gelingt und stattdessen ein leichtes Filmchen aus ihm wurde. Innerhalb der circa 75 Minuten werden acht Frauen im besonderen, andere im allgemeinen porträtiert, doch das gerät leider zu einer baren Aneinanderreihung. Es gibt rollende Hüften und viel Busen von mindestens 20 Frauen zu sehen, so daß man sich am Ende fragt, ob der Regisseur Rolando Diaz vielleicht auf Brautsuche war.
Gut, der Film hat seine lichten Momente, das kann man ihm nicht absprechen. Es ist schön, wie er mit der Charakterisierung der habaneros, der Einwohner Havannas, beginnt. Diaz zeigt uns ihre Eigenart, sich mit großen Gesten auf der Straße zu unterhalten, und legt ihnen seine Interpretationen in den Mund. Das ist wirklich komisch, denn er tut dies mit Sympathie für sein eigenes Volk und dem nötigen Schuß Selbstironie, und es stimmt ja auch wirklich, was er über die Kubaner sagt: „¡Qué exagerados somos!“ – „Wie übertrieben wir sind!“ Zum Glück verspricht er uns auch gleich, daß er in dem ganzen Film nicht zu sehen sein, sondern immer hinter der Kamera bleiben wird.
Aber hören werden wir ihn im folgenden oft. Eigentlich wollte Rolando Diaz einen Musikfilm im Havanna des Jahres 2000 drehen – ungefähr jedenfalls, wir befinden uns ja im Jahr 1999. Doch sein Problem war, daß er weder ein Thema (vielleicht liegt hier der Hund des Films begraben!) noch eine Hauptdarstellerin hatte. Diese sollte eine hübsche kubanische Frau sein, die singen und tanzen kann. Also engagierte er einen Musiker und einen Tanzlehrer, die beide jeweils das musikalische und tänzerische Talent der Aspirantinnen testen sollten.
Und los geht’s! Auf die Straßen Havannas, auf der Suche nach einer Mulattin, oder Schwarzen, denn diese sind für Diaz die Synthese aller kubanischen Übertreibung. Sechs Monate im Jahr sind sie Engel, sechs Monate Teufel, wie das Sprichwort sagt. Und zack!, landen wir in einer Großaufnahme von Alinas Hintern und gehen ihm hinterher. Alina ist die rumbera, Joanni ist das Model, Flor ist die Schauspielerin und Dramaturgin, Anais die Arbeitslose, Alicia die Tänzerin und so weiter und so fort.

Die Qual der Wahl

Rolando Diaz stellt im folgenden alles mögliche mit den Frauen an: Er schleppt sie in einen Raum mit kirchenähnlichen Fenstern, in dem sie mit ihren Lehrern singen, tanzen und außerdem noch irgendwelche persönlichen Statements abgeben müssen. Natürlich mit dem Zweck herauszufinden, ob er eventuell die geeignete Hauptdarstellerin für sein Musikvideo vor sich hat. Dann fährt er zu ihnen nach Hause, zu ihrem Arbeitsplatz oder sonstwohin, und zwischendurch gibt es immer wieder irgendwelche Kommentare von Kubanern, die er auf der Straße trifft. In den Häusern seiner potentiellen Schauspielerinnen trifft er auf so manches Familienmitglied, das eine unendliche Geschichte zu erzählen hat, er trifft auf Spuren von Tragödien, auf Komisches, Liebe und Tod, vergangenes Leben, vergangene Träume und Zukunftsträume.
Aber warum entschied sich Rolando Diaz, kaum daß er die Oberfläche einer Persönlichkeit und ihrer Hintergrundgeschichte angekratzt hat, gleich zur nächsten Frau zu gehen? Hätte er sich innerhalb der kurzen Zeit seines Films die Zeit gelassen, nur zwei oder drei Frauen zu porträtieren, und das richtig, so hätte er vielleicht wirklich eine interessante Geschichte zu erzählen gehabt. Aber leider entschied er sich für acht Frauen und noch einige andere, die am Rande erscheinen, so daß das Ganze zu einer Frauenschau gerät, die unweigerlich an der Oberfläche bleiben muß.
Zum Schluß gibt es ein grosses Show-Down: Die Frauen zeigen auf der Straße die erlernte Schrittkombination und tanzen, was das Zeug hält. Das tanzende Kuba, ja das zeigt uns dieser Film.

Si me comprendieras, Kuba 1999, ca. 75 Minuten, Regie: Rolando Diaz
Dieser Film ist im Forum auf der Berlinale zu sehen.

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