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Theater als emotionaler Türöffner

Es ist Montag Morgen, 30. Juli, Beginn des Sommerschlussverkaufs. Um Punkt 9 Uhr öffnen sich die Pforten des Konsumtempels, die Menschen stürmen in Richtung Grabbeltisch. Der Kampf um das Schnäppchen beginnt. Eine ältere Dame verteidigt ihre Eroberung – eine blassrote Rüschenbluse für 19,99 – durch resoluten Einsatz ihrer Handtasche. Der Wühltisch bricht zusammen; die Jagd geht weiter. Im Hintergrund läuft Walzermusik.
Ein beliebige Szene, die sich an diesem Montag Morgen so oder ähnlich in vielen Kaufhäusern der Republik abspielt? Nicht ganz: Es ist der Beginn einer Performance der Straßentheatergruppe piquete über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie. Aufführungsort ist der Platz vor dem KaDeWe, dem Warenhaus-Flaggschiff der KarstadtQuelle AG. Der Konzern wird von der Kampagne für „Saubere“ Kleidung wegen zahlreicher Arbeitsrechtsverletzungen in asiatischen Zulieferbetrieben kritisiert.
Szenenwechsel: Maquila-Arbeiterinnen nähen im Akkord rote Blusen, angetrieben von einer menschlichen Uhr, kontrolliert vom Aufseher, immer schneller, bis zum Umfallen. Wer nicht mehr kann, fliegt raus, wird ausgetauscht. Die freundliche Stimme der Moderatorin führt das Publikum durch eine imaginäre Modenschau: „Die Farbe des Sommers ist Rot.“
Inzwischen hat sich eine Menschentraube um die improvisierte Bühne versammelt. Am Infotisch wird über die Forderungen der Kampagne diskutiert. Einige suchen spontan nach einem Hinweis auf das Herkunftsland an ihrer Kleidung – meist ohne Erfolg.

Theater der Unterdrückten

Piquete entstand im September 2000 auf Initiative des INKOTA-netzwerks mit dem Ziel, Theater als Ausdrucksform mit entwicklungspolitischer Öffentlichkeitsarbeit zu verbinden. Durch seine emotional und ästhetisch ansprechende Form ist Straßentheater gut geeignet, in der Öffentlichkeit Interesse für Nord-Süd-Themen zu wecken.
Piquete entwickelt eigene Straßentheater-Collagen in der Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Fragestellungen. Anregungen dazu kommen vom „Theater der Unterdrückten“, dessen Grundlagen der Brasilianer Augusto Boal in den siebziger Jahren entwickelte.
Aus der Situation von Militärdiktatur und Unterdrückung entwickelte Boal eine Reihe von Theatermethoden, welche die Einbeziehung der ZuschauerInnen in Form eines Dialogs zum Ziel hat. Das Theater der Unterdrückten verbindet politische Bewusstseinsbildung mit befreiender Pädagogik und nutzt das Theater als öffentliches Forum. Piquete arbeitet insbesondere mit dem von Boal entwickelten Statuen- und Bildertheater, bei dem die ZuschauerInnen mit Hilfe ausdrucksstarker, nonverbaler Bilder in für sie ungewohnter Form mit politischen und sozialen Fragen konfrontiert werden.
Anders als bei Boals „Theater der Unterdrückten“ geht es jedoch beim INKOTA-Straßentheater nicht notwendigerweise um die eigene Unterdrückung. Es geht um Situationen der Unterdrückung und der strukturellen Gewalt in den Nord-Süd-Beziehungen. Piquete liefert dabei keine Lösungen, sondern ist vielmehr der emotionale Türöffner und regt die ZuschauerInnen an, sich mit dem Thema auseinander zusetzten. Die Aufführungen werden stets von Hintergrundinformationen begleitet und bieten dem Publikum die Möglichkeit sich an konkreten Aktionen zu beteiligen.

Das Projekt piquete – Entwicklungspolitisches Straßentheater wird vom Ev. Entwicklungsdienst und vom Senat von Berlin gefördert. Für einen Workshop vom 23. bis 30. Mai sind noch Plätze frei. Infos dazu und zur Theatergruppe piquete bei: INKOTA-Netzwerk, Arndt Massenbach, massenbach@inkota.de, Tel 030-4289111

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