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Umkämpfte Erinnerung

No al olvido – Nein zum Vergessen. Oft wurde und wird der Kampf für die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheiten von Staatsterrorismus, Militärdiktaturen und Bürgerkriegen als ein Kampf zwischen Erinnerung und Vergessen dargestellt. Ein Blick auf Auseinandersetzungen um Erinnern und Vergessen in Lateinamerika zeigt jedoch, dass es dabei nicht schlicht um das Problem des Vergessens, sondern eher um unterschiedliche Erinnerungspolitiken verschiedener gesellschaftlicher AkteurInnen geht, die mit ungleichen Interessen und aus ungleichen Machtpositionen alle um die Interpretation und Konstruktion der Vergangenheit kämpfen. Damit diese Auseinandersetzungen allerdings möglich sind, müssen zivilgesellschaftliche Räume geschaffen werden, in denen Erinnerungen artikuliert und gehört werden können.

Drei Beispiele:

Peru, Argentinien und Guatemala
In Peru zum Beispiel untersuchte eine Wahrheitskommission in den letzten drei Jahren die Verbrechen des Staates und der Guerilla Sendero Luminoso aus der Zeit des Bürgerkrieges. Durch ihre Arbeit wurden erstmalig die Geschichten tausender Opfer der Gewalt öffentlich anerkannt, währenddessen jedoch die juristischen Konsequenzen – auch auf Grund der Komplexität der Frage von Täter und Opfer – minimal sind. Die Regierung Toledo vermied zudem eine politische Debatte über die Ergebnisse. Sie verhinderte bis heute die Umsetzung der Empfehlungen der Kommission und die Auszahlung der vereinbarten Reparationsleistungen.
In Argentinien kommt es in den letzten Jahren durch eine Verknüpfung zwischen Krise, sozialem Protest und den Erinnerungen an die Repression zu einer Repolitisierung des Menschenrechtsdiskurses. Darüber hinaus macht Präsident Kirchner durch seine Abkehr von der Politik des Schlussstrichs und der nationalen Versöhnung von sich Reden. Er machte sich die Forderung der Menschenrechtsorganisationen nach Aufarbeitung der Vergangenheit zu Eigen und ermöglichte, dass mehrere Amnestiegesetze der Vorgängerregierungen aufgehoben werden konnten. Kirchners eigene Gedenkpolitik hat aber auch Kritik auf Seiten der Menschenrechts- und Opferorganisationen auf den Plan gerufen, die der staatlichen Vereinnahmung mit Skepsis begegnen. Als er im März diesen Jahres das ehemalige Folterzentrum der Marine ESMA in Buenos Aires zum „Museum“ erklärte, entbrannte eine Debatte um den Sinn und Zweck von Erinnerungsräumen und die Frage wie und von wem diese gestaltet werden sollten. Vereinnahmung kommt aber hier nicht unbedingt nur vom Staat. Auch in Erinnerungsdiskursen der Menschenrechtsgruppen gäbe es Bevormundung und Moralisierung, befindet die argentinische Soziologin Elisabeth Jelin in dieser Ausgabe. Worum es heute ginge, sei die Geschichte in ihren Grautönen zu (re)konstruieren und die einfache Schwarz-Weiß-Logik der bösen Täter gegen die guten Opfer zu überwinden.

Die ungebrochene Kultur der Straflosigkeit

In Guatemala hingegen rief der Abschlussbericht der Kommission 1999 zum ersten Mal das Ausmaß der Gewalt gegen die indigene Bevölkerung ins öffentliche Bewusstsein. Die ungebrochene Kultur der Straflosigkeit, die unter anderem die Angststrukturen der Menschen zementiert, setzt heute in Guatemala einer demokratisierenden und für die Opfer „heilsamen“ lokalen Erinnerungsarbeit starke Grenzen.
Dies sind nur drei Beispiele für die Vielschichtigkeit des Themas der Aufarbeitung der Vergangenheit. In unserem Schwerpunkt Umkämpfte Erinnerung möchten wir das Problem der Aufarbeitung der Vergangenheit von der Konzentration auf juristische Strafverfolgung und historische Wahrheitsfindung ausweiten um die Dimension der Erinnerungspolitiken. Wessen Erinnerungen fließen in die Darstellung und Vermittlung von Geschichte ein? In welchem Verhältnis steht Erinnerungsarbeit mit einer Demokratisierung der politischen Kulturen in Gesellschaften mit stark autoritären und staatsterroristischen Vergangenheiten? Wie erschwert die ungebrochene Kultur der Straflosigkeit und der Angst an vielen Orten einen produktiven Umgang mit der Geschichte? Was ist die Bedeutung von lokaler Erinnerungsarbeit im pädagogischen und psychosozialen Bereich? In welchem Verhältnis steht der Kampf für die juristische Bestrafung der TäterInnen mit dem Kampf für die offizielle Anerkennung historischen Unrechts in den einzelnen Ländern? Was können Wahrheitskommissionen leisten? Inwieweit ist ein Menschrechtsdiskurs, der mit dem „unschuldigen Opfer“ argumentiert und auf das Opfer fixiert bleibt auch eine Entpolitisierung von Vergangenheit und Gegenwart? Wie greifen KünstlerInnen und SchriftstellerInnen das Thema der Vergangenheit von Staatsterrorismus auf?

Die Beiträge

Anika Oettler beleuchtet in ihrem Artikel „Die Grenzen der Erinnerung“ gesellschaftspolitische Entwicklungen und Ereignisse seit dem Friedensschluss in Guatemala, die sie als symptomatisch für das Nachwirken der Geschichte der Gewalt und Straflosigkeit betrachtet und berichtet von der Bedeutsamkeit und den Grenzen lokaler Erinnerungsarbeit unter diesen Bedingungen. In seinem Artikel „Und was ist mit Luísa und was ist mit Jacinto?“ berichtet Ulf Baumgärtner von den unzähligen anonym gebliebenen Opfern des salvadorianischen Bürgerkrieges, die auf keiner offiziellen Liste stehen und dessen Geschichten in den privaten Erinnerungen im Verborgenen bleiben.
Über die Dynamiken von Erinnerungsdiskursen und Erinnerungskämpfen in Argentinien jenseits der Gleichsetzung von Erinnerung mit Wahrheit sprach Anne Huffschmid mit der argentinischen Soziologin Elisabeth Jelin. Estela Schindel rollt in ihrem Artikel „Zehn Jahre Straflosigkeit“ vor dem Hintergrund des kürzlichen Freispruchs aller Angeklagten die Geschichte des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires neu auf, bei dem vor zehn Jahren über 80 Personen starben.
Die Übertragung des „Modells der jüdischen Geschichte“ und insbesondere des Holocausts für die literarische Erzählung des Terrors der Militärdiktatur bei argentinischen SchriftstellerInnen ist Thema Florinda Goldbergs Artikels „Jüdische Archetypen der argentinischen Katastrophe“. Kunst ist auch Thema von Elke Inders Artikel „Kunst als Gedächtnis“ über das Archiv der politischen Künstlergruppe Tucumán Arde aus den sechziger Jahren in Argentinien. Das Archiv trägt heute die Spuren der Zensur und der erlittenen Verluste während der Militärdiktaturen und macht gleichzeitig die Geschichte der Gruppe und historische Kontinuitäten sichtbar. Über das Archiv der chilenischen Menschenrechtsorganisation CODEPU, das dieses Jahr zum Dokumentarischen Erbe der Menschheit durch die UNESCO erklärt wurde, und über die Rolle der chilenischen Medien in der Erinnerungspolitik sprachen Anja Witte und Anne Becker mit der Psychiaterin und Vorsitzende von CODEPU Paz Rojas. Unter dem Motto „Erinnerung braucht Zukunft, Zukunft braucht Erinnerung“ berichtet Ilse Schimpf-Herken über einen chilenisch-deutschen LehrerInnenaustausch und Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit im pädagogischen Bereich und kommt zu dem Schluss, dass Erinnerungsarbeit interkulturell ausgerichtet sein muss.
Aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive setzt sich Uli Gödeking mit dem Thema Wahrheitskommission, juristische Strafverfolgung und Vergangenheitsarbeit auseinander. Vor dem Hintergrund der Erfahrung in Chile, Argentinien und Südafrika beleuchtet er die Arbeit der Wahrheitskommission der letzten Jahre in Peru.
Die Fotos im Schwerpunkt zeigen Arbeiten der argentinischen Künstlerin Verónica Sufuentes. Sie studierte Bildende Künste an der Escuela Nacional de Bellas Artes Prilidiano Pueyrredón und an der Escuela Superior de Bellas Artes Ernesto de la Cárcova. Sie lebt und arbeitet in Buenos Aires.

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