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Und den Bösen ein Bandoneon

Die Fahrt geht durch die Wasserstraßen Venedigs. Das Kameraauge bleibt dicht auf dem Gesichtsprofil. Langsam wandert sein Blick auf die Hände, die Finger beginnen augenblicklich zu spielen, drücken Notenfolgen in das Holz der Reeling. Der argentinische Bandoneonspieler Dino Saluzzi schaut nach vorne, oder schaut er in sich hinein? Spielt er, oder komponiert er gerade?
Das Kameraauge folgt wie ein Schatten, der da ist, aber nicht stört, der sieht, aber nicht redet. Der Musiker redet mit seinem Schatten, er erzählt ihm Geschichten, spricht über seine Musik, über seine Wurzeln.
„Saluzzi – Eine Komposition für Bandoneon und drei Brüder“, nennt Daniel Rosenfeld seinen Dokumentarfilm. Er begleitete den Musiker auf seiner Tournee durch Europa und besuchte ihn und seine Familie in Argentinien. Schwarz-Weiß – und mitunter trist – die Bilder aus Europa, farbig – und durchweg sonnenüberflutet – die Bilder aus Argentinien. Schwarz-weiß und farbig zugleich. Ebenso die Notenlinien, auf denen der Meister komponiert. Permanente Tournee
Camposanto, Salta, in einer Provinz, mit der Argentinien dem andinen Lateinamerika nahekommt, wird Dino Saluzzi 1935 geboren. Die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern bestimmt den Familienalltag.
Und die Musik: im Alter von sechs Jahren bekommt er vom Vater den ersten Unterricht, mit sieben übergibt er ihm das väterliche Bandoneon, auf dem der heute 75jährige noch immer spielt. Angefangen hat er mit heimischer Folklore und den Melodien, die ihm seine indigene Mutter vorgesummt hatte. Später begann er zu improvisieren. Nicht zuletzt wegen der Militärdiktatur ging er in den siebziger Jahre nach Europa, und scheint sich seitdem auf einer permanenten Tournee zu befinden. Im Juli in Europa, im November in Salta.
Saluzzi steht vor dem Ankündigungsplakat seines abendlichen Konzertes und liest murmelnd „Tango Jazz“. „Tango viejo, Tango nuevo, Jazz, die Leute brauchen immer eine Hilfestellung,“ zetert der Alte, „sie können die Schönheit nur begreifen, wenn ihr etwas angeheftet wird.“ Etiketten kümmern Saluzzi nicht. Wieder sitzt er über den Notenlinien an seiner Komposition. Die Linien sind das Bindeglied zwischen den Exkursen, mit denen Rosenfeld seinen Film hin zu Saluzzis brüderlichem Trio nach Salta führt, das die Komposition probt. Nebenan sitzt die betagte Mutter und kommentiert das Werk ihres Sohnes: Früher hätten sie immer lustige Musik gespielt und die Leute seien gekommen und es wäre immer eine große Feier gewesen. Aber diese traurige Musik hier…
Rosenfeld reitet nicht mit auf der anhaltenden Tangowelle. Er hat weder einen Film über Tango gemacht, noch eine Biographie über Saluzzi. Wer die typischen Bilder von tanzenden Paaren in San Telmo oder Impressionen aus La Boca erwartet, wird ebensowenig bedient, wie jene, die den Film zum Konzert sehen möchten. Rosenfeld zeigt Wege, die Musik von Saluzzi ohne Etikett zu begreifen: von den Wurzeln aus, von anderen Musiktraditionen aus, von Saluzzis eigener musikalischer Sprache aus.
„So eine Harfe,“ sagt Saluzzi und deutet in ein Schaufenster, „die gibt der heilige Petrus denen, die sich gut benommen haben und sagt: ‘OK, kommt rein in den Himmel.’ Den Bösen gibt er ein Bandoneon und sagt: ‘OK, du nimmst die Tür da unten.’“

Daniel Rosenfeld, „Saluzzi – Komposition für Bandoneon und drei Brüder“, Dokumentarfilm, 68 Minuten.

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