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United Colors in Patagonien

Die Privatisierungspolitik der Präsidenten Menem (1989-1999) und De la Rúa (1999-2001) ermöglichte den massiven Kauf patagonischen Grund und Bodens. Ausländische Großunternehmer, wie beispielsweise auch Ted Turner, Sylvester Stallone oder die Benetton Brüder, kauften im Zuge dessen sehr günstig riesige Farmen, reiche Minen, wunderschöne Seen und viele, viele Schafe – nicht nur vom argentinischen Staat sondern auch von Mitgliedern der lokalen Oligarchie. Es interessierte dabei wenig, dass die Mapuche in vielen dieser Gebiete von ihren Vorfahren überlieferte Rechte besitzen. Und so kommt es, dass der italienische Großkonzern Benetton seit seinem jüngsten Grunderwerb im Besitz von fast 900.000 Hektar Patagoniens ist.
Benetton besitzt weltweit Banken, Immobilien, Restaurants und Tankstellen. In Italien hält das machtvolle Konsortium Konzessionen der Autobahnen und ist unter anderem Aktionär von Firmen wie Olivetti und Telecom.

Imagewerbung à la Benetton
Vor zwei Jahren veröffentlichte United Colors of Benetton in Zusammenarbeit mit dem Freiwilligenprogramm der Vereinten Nationen eine Werbekampagne. Diese zeigte, wie ein Transvestit Kondome an Prostituierte verteilt. „Mit unserer neuen Kampagne wollen wir Partei ergreifen für all die Freiwilligen, die sich ohne alle Vorurteile dafür entscheiden im Sinne all derer zu handeln, die Hilfe benötigen“, sagte Luciano Benetton damals in Bonn. Bereits 1996 hatte der Konzern eine Werbekampagne über die Hungerproblematik in Entwicklungsländern gestartet. Auch während der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Menschenrechtserklärung spielte Luciano Benetton eine zentrale Rolle. 1999 sammelte er Spenden für die Vertriebenen im Kosovo.
Gleichzeitig jedoch laufen gegen denselben Konzern in mehreren Ländern Prozesse: In der Türkei geht es um die Beschäftigung von elf- bis dreizehnjährigen Kindern, in Italien um die Entlassung zahlreicher schwangerer Frauen ohne die Zahlung von Abfindungen und in Rumänien um die unterlassenen Auszahlungen der ohnehin armseligen Löhne der Fabrikarbeiter. Auch die gewalttätigen Vertreibungen in Patagonien wollen da so gar nicht ins Bild des „humanitären Großkonzerns“ passen.
Seit einigen Jahren nun kauft der Konzern große Landstriche Patagoniens. Auf ihnen weiden circa 270.000 Schafe. Die Wolle der Schafe ist von außergewöhnlich hoher Qualität. Da sie zusätzlich mit Hilfe der neuesten Technologie weiterverarbeitet wird, kann mit ihr Wollkleidung der höchsten Qualitätsstufe hergestellt werden, sogar solche, die man selbst im Sommer tragen kann. Das Geschäft, das Benetton in Argentinien macht, ist hervorragend. Die Arbeiter in den Viehgroßfarmen verdienen nur rund 250 Peso (75 Euro) im Monat. Und mit den argentinischen Arbeitern haben die Benettons auch keine Probleme, denn die Menschen haben keine Alternativen, Fabriken gibt es in dieser Region nicht.
Große Konflikte gibt es jedoch mit all den Menschen, die es wagen sich in einem der Gebiete niederzulassen, die sich im Besitz des Großkonzerns befinden. Dies musste am 2. Oktober 2002 eine Mapuche-Familie aus Curiñaco am eigenen Leib erfahren: Sie wurde brutal vertrieben, ihr Hab und Gut wurde zerstört. Die Mapuche-Gemeinde von Curiñaco kommt ursprünglich aus Leleque, einem der Orte, dessen Besitztitel die Benettons besitzen.

Benetton macht krank
Die „humanitären Geschäftsleute“ gründeten das Museum in Leleque, angeblich um die Mapuche-Gemeinden zu würdigen. Die Kosten desselbigen geben sie mit knapp einer Milllion US-Dollar an.
Das Museum beherbergt archäologische Funde Patagoniens von vor bis zu 13.000 Jahren. Einige Spezialisten fragen sich jedoch, woher die Benettons diese Funde bekamen. Der Konzern selbst macht diesbezüglich keine Angaben. Weiterhin lässt es aufhorchen, wenn in den Prospekten des Museums in der Sprache der Mapuche die Worte von Ionko Foyel zu lesen sind: „Hier ist genug Platz für alle“ („Acá hay lugar de sobra para todos“). Denn ungeachtet dieses Spruchs versperrt Benetton mit einem Zaun den Zugang zum Fluss Lepá, der für die angrenzenden Gebiete eine wichtige Wasserquelle darstellt.
Zugleich ist der Fluss durch unverarbeitete Rückstände vergiftet. Diese werden auf den Gebrauch von starken Düngemitteln auf dem Weideland zurückgeführt. Die Mapuche der Region weisen vom Verzehr des verseuchten Wassers bereits ernst zu nehmende Krankheitsbilder auf. Seit Benetton in der Region agiert, hat sich hier alles verändert. Und als sei dem nicht genug, zahlt der Modegigant obendrein auch die Grundsteuer spät oder unzureichend, die der Gemeinde El Maitén für dessen Gebiete eigentlich zustünde.
Gerechtigkeit wird aber schwerlich herzustellen sein, solange der Staat die Angelegenheit in den Händen korrupter Richter belässt. Ein solcher ist beispielsweise José Colabelli, Richter in Esquel. Er urteilte in Chubut häufig über Fälle von Vertreibungen und ist dort für seinen verachtenden Umgang mit den Betroffenen bekannt.
Selbst die Weltbank hat bereits auf die massive Vertreibung von Mapuche-Familien und Gemeinden hingewiesen. Die Mapuche selbst beginnen nun sich zu vereinen und fordern gemeinsam ein definitives Ende der Vertreibungen, der wiederrechtlichen Aneignungen, die sofortige Rückgabe der Ländereien an die Familien und Gemeinden sowie ein Ende der Unterdrückung und Kriminalisierung ihrer Organisationen. Weiterhin sprechen sie sich deutlich gegen den Verbleib der nationalen und internationalen Unternehmen sowie anderer Großgrundbesitzer und repressiven Kräfte in den Gebieten ihrer Vorfahren aus.

Der Zug am Ende der Welt
Dass es durchaus alternative Verdienstmöglichkeiten geben könnte, zeigt La Trochita, der sich durch die wunderbare Unendlichkeit Patagoniens seinen Weg bahnt. Der Zug war lange Zeit stillgelegt. Der Bahnhof beherbergte die Schule No. 90. Verschiedene Anstrengungen von Seiten des Staates wurden nie umgesetzt, und so nahmen die Benettons schließlich von La Trochita Notiz.
Um zu vermeiden, dass die Benettons die gesamte Region in Besitz nehmen, müsste man erreichen, den uralten Bahnhof als „Kulturerbe“ auszuweisen. Darum bemühen sich nun die BewohnerInnen der Region. Das Nachbardorf Nahuelpan dient ihnen als Vorbild, denn mit Hilfe der Gemeindeverwaltung hat man es hier geschafft die alten Häuser zu restaurieren. Damit lockt man jährlich um die 12.000 TouristInnen an. Die so geschaffene Arbeit verteilt sich auf die EinwohnerInnen des Dorfes und ermöglicht es ihnen würdig zu leben – unabhängig von den „neuen Göttern Patagoniens“, den Benettons.

Übersetzung: Anna Schulte

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