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“Uns bleibt nur der Staub der Lastwagen”

Carmen Colipi empfängt ihre BesucherInnen auf einer alten Holzbank im Schatten ihres Hauses. Nicht viel deutet darauf hin, dass die alte Frau eine Machi ist, eine traditionelle Heilerin. Vielleicht ihre ungewöhnlich grün gefärbten Fingernägel, auf alle Fälle aber der zu einer Treppe gearbeitete Holzstamm an der Stirnseite ihres Hauses. Auf seinen fünf Stufen stehen Tongefäße, einige Gläser und ganz oben ist eine Madonnen-Figur angebunden. Hinter dem Altar ragen lange Äste eines Canelo-Baumes hervor. Das kleine Gehöft, mit dem Pferch für die Schweine und den Kirsch- und Apfelbäumen liegt in einem Meer junger Kiefernsetzlinge, die sich wie Kohlköpfe in einem Beet in langen, ordentlichen Reihen über die Hügel ziehen. Auf über 500 Hektar erstreckt sich die Pflanzung des Unternehmens „Arauco“, die das Grundstück der Machi zu allen Seiten umgibt. „Als ich als junges Mädchen hergekommen bin, gab es hier überall Wald und ein paar Felder“, erinnert sich Carmen Colipi. Die alte Frau spricht langsam und mit einem in die Ferne gerichteten Blick. „Heute reichen die Pflanzungen fast bis ans Haus, selbst die Obstbäume dort drüben wollten sie fällen, aber mein Sohn hat sie davon abgehalten.“
2,1 Millionen Hektar Kiefern- und Eukalyptuspflanzungen zählte die chilenische Forstbehörde CONAF 1999 landesweit. Ein Großteil dieser fremden Arten befindet sich im historischen Siedlungsgebiet der Mapuche, im mittleren Süden des Landes, zwischen dem Bío-Bío Fluss und der Insel Chiloé. Der einheimische, temperierte Regenwald dieser Region wich in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurück – und mit ihm einzigartige Baumarten.

Leben mit den fremden Bäumen

Für die Mapuche bedeutet dies der Verlust einer seit Jahrhunderten vertrauten und traditionell genutzten Umwelt, mit extremen Auswirkungen auf alle Bereiche des Gemeindelebens. Sie sehen die Ausbreitung der Pflanzungen daher als weiteren Angriff auf das Überleben ihrer Kultur – nach der gewaltsamen Annektierung des autonomen Mapuche-Territoriums Ende des 19. Jahrhunderts, der drastischen Reduzierung des Landes auf Reservate und der Privatisierung des Gemeindelandes.
„Vom Reichtum der Forstunternehmen sehen wir nur den Staub der Lastwagen“, sagt Hugo Parra, Beamter in der Kommunalverwaltung von Lumaco, Abteilung Soziales. Er holt einige Statistiken aus einer Schublade hervor, in der auch eine Kopie der Gesetzgebung für die indigene Bevölkerung von 1993 liegt. „Wir sind eine der ärmsten Kommunen des Landes.“ An die 40 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, die Böden sind von starker Erosion betroffen, Arbeitsmöglichkeiten gibt es kaum, über 40 Prozent der Fläche der Kommune ist von Kiefern- und Eukalyptusplantagen bedeckt. Die Holztransporter der Forstunternehmen fahren Tag und Nacht. „Die Unternehmen ziehen ihre Gewinne aus der Kommune, aber tragen in keiner Weise zu ihrer Entwicklung bei“, bestätigt auch Francisco Huircaleo von der Vereinigung der Mapuche-Gemeinden in Lumaco. „Sie zahlen ihre Abgaben in Santiago und stellen noch nicht einmal lokale Arbeitskräfte ein.“ Eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation zeigte, dass im Durchschnitt nur 15 Prozent der ArbeiterInnen in den Pflanzungen aus der entsprechenden Kommune kommen. Ohnehin ist der Arbeitskräftebedarf in der Forstwirtschaft wesentlich geringer als in der herkömmlichen Landwirtschaft. Mit der Ausbreitung der Pflanzungen auf ehemaligem Farmland schwanden so auch viele Arbeitsplätze und die jungen Leute wandern zunehmend in die großen Städte ab.
Neben der ökonomischen Lage beklagen die Mapuche-Gemeinden vor allem den Wandel der Umwelt. „In den Pflanzungen existieren kaum noch die Tiere und Pflanzen, die vorher ein Teil unseres Lebens waren“, sagt Huircaleo. Die Plantagen reichen oft bis an die Grenze der Gemeinden heran und bestimmen das tägliche Leben, einige sind von Plantagen regelrecht eingekreist. „Es ist, als ob wir in einer Ruine leben.“ Besonders gravierend sei der Rückgang der natürlichen Wasserläufe durch den erhöhten Bedarf der schnell wachsenden Kiefern und insbesondere der Eukalyptusbäume. Nur knapp 25 Jahre benötigen die Kiefern, rund zehn Jahre die durstigen Eukalyptus-Setzlinge, um eine stattliche Größe und einen ebenso stattlichen Preis auf dem weltweiten Holz- und Papiermarkt zu erreichen. „Im Sommer haben wir hier in Lumaco fast kein Wasser mehr, die Gemeindeverwaltung muss jedes Jahr Trinkwasser verteilen, weil die Bäche und Quellen versiegen“, berichtet Huircaleo. Die Machis sind von dem Wandel der Umwelt besonders betroffen. „Es gibt keine Heilkräuter mehr, nur noch Kiefern- und Eukalyptusbäume“, erzählt Carmen Colipi, „Ich muss weite Wege zurücklegen, um noch die Kräuter zu finden, die ich brauche.“

Ein Erbe der Diktatur

Das 1974 unter Augusto Pinochet verabschiedete Gesetz 701 subventionierte bis 1998 den großflächigen Anbau von Kiefern- oder Eukalyptusplantagen mit 75 Prozent der Investitionssumme. Zwischen 1976 und 1992 wurden so rund 110 Millionen US-Dollar an Subventionen zum Aufbau einer auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Holzindustrie vom chilenischen Steuerzahler finanziert. Es entstanden große Unternehmensgruppen, unter anderem die Marktführer Arauco und CMPC, die heute zusammen 47 Prozent aller Pflanzungen des Landes kontrollieren. Die Ende der siebziger Jahre privatisierten Unternehmen konnten auf diesem Wege beinahe kostenlos Pflanzungen auf Land anlegen, das sie günstig vom Staat erhielten – zum Teil ehemaliges Mapuche-Land, das zuvor während der Agrarreform unter Salvador Allende an die Mapuche zurückgegeben worden war und nach dem Staatsstreich erneut enteignet wurde.
„Das Gesetz 701 ist eines der tragischsten Gesetze für die Mapuche“, sagt Pablo Huaiquilao, Forstexperte der übergreifenden Mapuche-Organisation Coordinación de Identidades Territoriales. „Es hat das primäre Ziel, die Exportzahlen im Forstsektor zu erhöhen, ohne dabei Rücksicht auf die lokale Situation zu nehmen.“ Mit Erfolg: 2004 stiegen die chilenischen Forst-Exporte um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr, auf die Rekordsumme von fast 3,4 Milliarden US-Dollar. Ein weiteres Wachstum der Branche wird prognostiziert, obwohl die Unternehmen heute aufgrund ausbleibender Subventionen und der Probleme mit den Mapuche-Gemeinden kaum noch große Ländereien kaufen. „Die neue Strategie des Staates und der Unternehmen zur Erhöhung der Exporte, ist die Einbeziehung der vielen mittleren und kleinen Landbesitzer“, erklärt José Aylwin, Rechtsanwalt und Professor am Institut für Indigene Studien der Universidad de la Frontera in Temuco. 1998 übertrug eine Änderung des Gesetzes 701 nach fast 25 Jahren die Forst-Subventionen auch auf diese Gruppe. Unter ihnen befinden sich viele Mapuche, die aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und der oft für die Landwirtschaft ungeeigneten Böden die Subventionen erhalten wollen. „Hier beginnt ein neuer Kampf der Organisationen, um Mitbestimmung der Baumarten und gegen die forcierte Subventionierung von Monokulturen auf Gemeindeland“, sagt Aylwin.

Wenig staatlicher Schutz

Versuche der Mapuche-Organisationen, mit den Unternehmen direkt in Dialog zu treten, sind in fast allen Fällen fehlgeschlagen. „Die großen Forstunternehmen sind jeglicher Art von Dialog verschlossen“, sagt José Aylwin. „Viele haben an Stelle des Dialogs eine paternalistische Politik der guten Nachbarschaft entwickelt, sie spenden Dächer für Häuser oder Schulmaterialien für die Kinder.“ Auch der Staat trägt nicht bedeutend zur Lösung des Konfliktes bei, sondern fördert die Entwicklung des Forstsektors durch Gesetze und öffentliche Institutionen. Zwar existiert seit 1993 ein Schutzgesetz für die Interessen der indigenen Bevölkerung in Chile (Gesetz 19.253), aber dieses Gesetz erwies sich in der Praxis als schwach. „Jegliches ökonomisches oder politisches Interesse kann das Gesetz umgehen“, sagt Pablo Huaiquilao. Auch die daraus hervorgegangene Behörde für indigene Belange (CONADI) ist in der Realität oft machtlos. Sie kauft Ländereien in Konflikt, um sie an indigene Gemeinden zurückzugeben, aber mit nur sehr geringen finanziellen Mitteln. „Die CONADI löscht nur akute Brandherde, hat aber keinen Lösungsansatz für den Konflikt als Ganzen“, so Aylwin.
Aus Unzufriedenheit über fehlende Maßnahmen des Staates besetzen Gemeinden in Kooperation mit Organisationen immer wieder Land der Forstunternehmen, holzen Bäume ab, blockieren Zugangsstraßen und organisieren Protestmärsche. Besonders seit Ende der neunziger Jahre kam es zu vielen Demonstrationen und zu punktuellen Gewaltausbrüchen – 1997 gingen dabei in der Nähe von Lumaco drei Lastwagen des Unternehmens Arauco in Flammen auf. Die konservativen Medien beschworen ein zweites Chiapas herauf, mit Fotos von vermummten Bola-Kämpfern im Krieg gegen Recht und Ordnung. In diesen Tonfall stimmten auch die Unternehmen ein, die große Gewinnverluste durch Sabotageakte beklagten und die Regierung zum Schutz ihrer Investitionen und zur Durchsetzung des Rechtsstaates anhielten. Der Staat demonstrierte eine eiserne Hand mit Verurteilungen von Mapuche-Führern – teilweise unter einer Anti-Terrorismus-Gesetzgebung, die ihren Ursprung in der Diktatur hat und zu Demokratiezeiten leicht modifiziert weiter besteht.
„Ich denke, es ist die Pflicht des Staates zu intervenieren und die notwendigen Instrumente zu schaffen, um in diesem Konflikt zu vermitteln“, sagt Huaiquilao. Eine solche Initiative müsse mit der verfassungsrechtlichen Anerkennung der Mapuche als Volk und der Unterzeichnung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation beginnen. „Beides sind notwendige Schritte auf dem Weg zur Anerkennung unserer Rechte in diesem Konflikt.“ Den Gemeinden gehe es vor allem um die Kontrolle der Auswirkungen auf lokaler Ebene, um Mitbestimmung über die Nutzung der Ressourcen und Anteile an den Gewinnen, die die Unternehmen aus der Kommune ziehen. Manche Gemeinden und Organisationen gehen allerdings weiter und fordern auf der Grundlage alter Landtitel die Rückgabe von Ländereien, die zu Diktaturzeiten enteignet wurden und heute Eigentum der Forstunternehmen sind.
Carmen Colipi scheint verzweifelt. „Sie wollen mich hier weg haben, nicht einmal Feuerholz lassen sie mich sammeln“, sagt sie mit hoher Stimme. „Mein Leben hier ist sehr trist, früher habe ich weiter unten Getreide angepflanzt, aber heute geht das nicht mehr.“ Ihre Augen unter dem bunten Kopftuch schweifen über die Hügel und über die nahen Reihen junger Kiefernbäume. „Nur durch mein Einkommen als Machi kann ich hier noch weiter leben“, sagt sie. Einen Eigentumstitel für ihr Land besitzt sie nicht. „Wenn ich doch nur Lesen und Schreiben könnte, wenn ich eine Schule besucht hätte, dann könnte ich mich wehren, dann wäre ich eine andere Frau.“

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