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Verspäteter Tabubruch

Manchmal hat ein Buch zwei Geschichten – seine eigene und die, die darin erzählt wird. Bei der deutschen Ausgabe von Jorge Edwards Hauptwerk Persona non grata ist die erste nicht weniger wechselhaft als die zweite.1973 erschien das Werk, in dem Edwards seine Erlebnisse als chilenischer Botschafter auf Kuba schildert – in Spanien. Von Beginn an umstritten, von linken wie rechten Regimes zensiert oder verboten, schien Mitte der 70er Jahre sämtlichen deutschen Verlagen eine Veröffentlichung zu heikel. Mit über 30 Jahren Verspätung ist es nun im Wagenbach Verlag auf Deutsch erschienen. Kritik an Kuba ist inzwischen auch für die „Linke“ kein Tabu mehr – ganz im Gegenteil. Aus dem politischen Paukenschlag ist ein spannendes Zeitzeugnis geworden, das nicht zuletzt aufgrund seiner stark subjektiven Sichtweise einen interessanten Blick auf die Situation in Kuba im Jahre 1970 ermöglicht.
Im November jenes Jahres trifft Jorge Edwards auf Kuba ein – als erster Gesandter der Regierung Allende. Doch statt eines großen Empfanges erwarten ihn von Beginn an nur Enttäuschungen, die er in seinem kurz nach der Abreise verfassten dokumentarischen Roman emphatisch schildert. Kuba befindet sich elf Jahre nach der Revolution in einer wirtschaftlichen und politischen Krise. Wie in die zerfallenden Gebäude hat sich die Verwitterung auch in den realsozialistischen Alltag eingegraben: „Die Realität rächte sich grausam an den Illusionen der ersten Etappe, die man vielleicht noch spontan und romantisch nennen konnte und die nicht nur in Lateinamerika viele Hoffnungen geweckt hatte.“ Edwards prallt mit der kubanischen Realität zusammen. Der Abkömmling einer großbürgerlichen Familie beklagt, dass die Botschafter nicht wie üblich mit all ihren Titeln vorgestellt werden. Wie wenig er und der pragmatische Castro miteinander anfangen können, wird vom ersten Treffen an deutlich. So entwickelt sich eine Geschichte von zunehmendem Misstrauen und Enttäuschungen auf beiden Seiten: Edwards, der sich trotz seiner Mission immer nur als „Schriftsteller“ versteht und vorstellt, hat vor allem Kontakt zu den von zunehmender Repression bedrohten kritischen SchriftstellerInnen. Wie diese fühlt er sich bald überwacht. Doch wo die tatsächliche Bedrohung aufhört und die Paranoia beginnt, ist immer schwerer zu unterscheiden: Dass ihm tatsächlich jede weibliche Bekanntschaft zu Spionagezwecken geschickt sei, scheint der Mühe etwas zuviel für einen nur übergangsweise eingesetzten Vertreter einer befreundeten Regierung. Nicht nur in dieser Hinsicht bleibt manchmal der Eindruck bestehen, dass sich Edwards selbst gern etwas mehr als nötig in den Mittelpunkt rückt und die eigene Situation dramatisiert.
Die spannendsten Stellen des Buches sind die, wo er von Treffen und Gesprächen mit den Persönlichkeiten des politischen Lebens berichtet: den Botschaftern, deren Einstellungen so unterschiedlich sind wie ihre Herkunftsländer, den Besuchen aus Chile und den Vertretern der kubanischen Regierung. Allen voran natürlich Fidel Castro, der im Gegensatz zu Edwards naiven politischen Vorstellungen eine erstaunlich gute Einschätzung der Situation Chiles abgibt, wie sich später zeigt. So liefert das Buch eine bemerkenswert genaue und interessante Momentaufnahme der Situation auf Kuba zu jener Zeit. Zudem besticht es sowohl durch Edwards eleganten Stil als auch durch die gelungene Übersetzung.

Jorge Edwards: Persona non grata. Aus dem chilenischen Spanisch von Sabine Giersberg und Angelica Ammar. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006, 288 Seiten, 22, 50 Euro.

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