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Verteufelte Märchenprinzessin

Was erwartet man von einem Dokumentarfilm über ein kubanisches Mädchen, im dunklen Kino, kurz bevor der Film beginnt? Vage vermutet man einen nüchternen, vielleicht gar politischen Bericht über die Lebensverhältnisse auf Kuba, oder etwas ähnliches. Doch dann wird der Vorhang aufgezogen man hört Geräusche von Brandung, schreienden Möwen, Havannas Küste und dann geht er los, der Film, der im folgenden alle Erwartungen und Regeln über den Haufen werfen wird.
Juliette ist wunderschön, 16 Jahre alt und ein phantasievolles, respektloses, charmantes Gassengör: „Wenn dich ein Mann betrügt, dann mußt du ihn auch betrügen. Betrügt er dich zwei, drei, tausend Mal, mußt du ihn auch tausend Mal betrügen und noch einmal mehr.“ Sie wohnt mit ihrem Bruder, der Großmutter, der Tante und deren Familie in einem gewöhnlichen Vorort Havannas. Ihr Vater verließ Kuba, als sie erst sechs Monate alt war, und emigrierte in die USA. Wenig später zündete ihre Mutter sich im Badezimmer an und starb an den Brandwunden. Seit Juliette acht Jahre alt ist, muß sie für sich selber sorgen. Sie ist verspielt, eigenwillig, frech und verletzlich, weiß aber genau, wie sie sich über Wasser halten kann. Pedrito, der kleine Knirps am malecón sagt über sie: „Juliette ist äußerlich schön, aber ihr Charakter trägt keine schönen Züge.“ Denn gelegentlich geht sie zusammen mit anderen Mädchen am Strand auf Jagd nach reichen Ausländern, meist Italienern, mit denen sie dann die Nacht verbringt. „Die kleinen Mädchen hier sind heiß!“, so die begeisterte Auskunft der Italiener. Juliette hält der Kamera ein Photo vor, das sie mit einem faltigen, alten Mann am Strand zeigt.

Grüne Augen, hmmm

Doch am Strand hatte sie vor drei Jahren auch das mexikanische Kamerateam getroffen, das mit dem Topmodel Fabiola ein Musikvideo drehte. Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Juliette und Fabiola verschaffte Juliette einen Auftritt in diesem Musikvideo, viel zu essen während der Drehzeit und die Bekanntschaft mit Fabiola, dem erfolgreichen Model aus Mexiko. Eine Traumexistenz aus kubanischer Sicht…
Fabiola, 23, hat gelernt, vor der Kamera mit ihrem Gesicht zu wirken, sie hat nicht den wilden natürlichen Charme wie Juliette. Auf den grünen Hügeln Michoacans in Mexiko erzählt sie vor dem roten Sonnenuntergang, wie ihr geliebter Stiefvater bei einem Zusammenstoß mit einem Mayonnaise-Laster sein Leben verlor. Ein trauriges Lied im Hintergrund, ihre Tränen fließen; zur Schau gestellt. Eine große Modelagentur in Los Angeles hat sich ihrer angenommen, Künstler malen ihre riesigen grünen Augen noch größer, aber wo ihr leiblicher Vater steckt, weiß noch nicht einmal ihre Mutter. Diese ist sehr um ihre Frisur besorgt, hat Fabiola in deren Kindheit oft geschlagen und erzählt Märchengeschichten von einem weißen Archäologen oder so, der Fabiolas Vater gewesen sein soll. Fabiola und Juliette: Das heißt zweimal die Suche nach dem Vater, die Suche nach Identität ein lateinamerikanisches Thema.
Doch wie virtuos geht dieser Film mit diesem Thema um! Witz und Leidenschaft der Personen finden sich in der unkonventionellen Kameraführung wieder, die zusammen mit der überraschenden und alles andere als chronologischen Schnittfolge eine faszinierende Bildsprache ergibt. „Quién Diablos es Juliette“ ist das kunstvolle Erstlingswerk des 35jährigen Carlos Marcovich, der sich zuvor als Kameramann und Musikvideoregisseur betätigt hat. Nicht ein einziges Mal hat er es nötig, einen erklärenden Kommentar hinzuzufügen, denn die Bilder und die Menschen erzählen ihre Geschichte für sich und trotzdem spürt man bei allem die Präsenz der Filmemacher. Sei es durch die freche Handkamera, sei es, weil Juliette die ganze Zeit mit der Kamera flirtet, sei es, weil Carlos Marcovich seine Personen sich selbst spielen läßt, wenn ihre Erinnerungen inszeniert werden.

Atheistische Wilde

Erinnerungen an ihren Vater hat Juliette nicht. Sie glaubt nicht an seine Rückkehr, im Gegensatz zu ihrem Bruder, der ein naiver Christ ist (sie hingegen die durchtriebene Schwester). In einer Wunschvorstellung läßt sie einen Mann an ihre Haustür klopfen und ihn sagen: „Ich bin dein Vater! Ich bin endlich gekommen, um dich zu besuchen!“ Doch dabei muß sie sich kringelig lachen, das ist irrsinnig komisch. „Ich glaube an nichts. Weißt du, was das ist: Nichts? Es ist nichts, nada!“ Auch der Vater in New York, der inzwischen eine neue Familie gegründet hat, erscheint mit seinen für die Kamera und sein schlechtes Gewissen hervorgekramten Kommentaren und Gefühlen unglaublich naiv. Hat er wirklich, wie behauptet, Briefe geschrieben? Hat es ihn wirklich noch gekümmert, wie es seiner Familie erging, nachdem er sie verlassen hatte? Nicht ein Wort glaubt man dem Harmonie vorgaukelnden Vater mit seinem neuen Baby auf dem Arm. Er sieht sich das Musikvideo mit seiner Tochter an und ist danach der stolze Vater einer Tochter, die er nie kennengelernt hat. „Estoy bastante emocionado“ – „ich bin sehr bewegt“. Doch, das glaubt man ihm.
Carlos Marcovich will nicht eine tatsächlich passierte Begebenheit erzählen. Es kommt ihm nicht darauf an, die größtmögliche Anzahl von Fakten zu präsentieren, wie das andere Dokumentarfilme üblicherweise tun. Im Gegenteil: Er zeigt uns die Träume und Wünsche und die Welt der Personen, in der sie leben, und erzählt uns so ihre Geschichte. Geschickt werden die verschiedenen Schauplätze des Geschehens, Erzählungen seiner Personen und Phantasievorstellungen wie Handlungsstränge in einem Spielfilm ineinander verflochten. Er will uns nicht glauben machen, die dargestellten Begebenheiten hätten sich wirklich so zugetragen und hätten in keiner anderen Weise passieren können. Genauso wenig spricht er den Träumen und Witzen der Menschen ihre Realität ab, sondern läßt sie gleichberechtigt daneben stehen. Anfang und Ende des Films sind nur Versuche, die uns zeigen, was passieren könnte, was passieren wird oder auch nicht. Aber auf jeden Fall zeigt uns Carlos Marcovich mit jeder Szene etwas Charakteristisches, Wesentliches der Geschichte und der Personen.
Was dabei nun Fiktion ist, und was Realität, ist hier nicht von Wichtigkeit. Übrigens: Juliette hat nicht mit dem Regisseur geschlafen, „no, no, no“, wirklich nicht!

„¿Who the Hell is Juliette?“, Mexiko 1997, 90Minuten OmU; Regie, Idee, Kamera, Schnitt: Carlos Marcovich. Der Film ist in Berlin ab dem 25. Februar in den Hackeschen Höfen und der Filmbühne am Steinplatz zu sehen.

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