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VW-Käfer als „moderner Sysiphos“

Der Raum ist erfüllt von den Klängen einer Musikprobe. Eine mexikanische Blaskapelle übt ein neues Stück ein. Immer wieder wird dies jedoch unterbrochen, die Musiker stimmen sich neu ein und setzen das Lied nach kurzer Unterbrechung fort. Währenddessen sieht man auf einer großen Leinwand die Versuche eines knallroten Käfers, auf die Spitze eines Sandhügels zu gelangen – vergeblich: Sobald die Musiker aus dem Takt kommen, rollt das rote Gefährt in rasendem Tempo zurück in den Abgrund. Bilder und Musik sind in dieser großformatigen Raum-Klanginstallation, die zur Zeit im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen ist, exakt aufeinander abgestimmt. Das Herauffahren und Herabrollen spiegelt sich im Anschwellen, Stocken und Abklingen der Musik. Der VW-Käfer erscheint als ein „moderner Sisyphos”. Das Werk trägt den Titel „Ensayo I” (Probe I) und stellt den ersten Teil einer neuen Trilogie dar. Der Künstler selbst bezeichnet es „eher eine Geschichte des Kampfes als des Erfolgs”.

Fragen stellen, statt Erklärungen geben

„Ensayo I” ist eines von vielen Werken, in denen sich Alÿs mit dem Aspekt der nicht-fortlaufenden Zeit auseinandersetzt. Motivation dafür war der Versuch, „die Zeitstruktur nachzuzeichnen, der ich in Mexiko und zu einem gewissen Grad in ganz Lateinamerika begegnet bin”, so Alÿs. „Diese Zeitstruktur reflektiert auch das nur zu gut bekannte Szenario einer Gesellschaft, die in unbestimmten Handlungsformen verharrt, um funktionieren zu können, und die die Bildung formeller Operationsrahmen aufschieben muss, um sich in Abgrenzung von den Zumutungen der westlichen Moderne zu definieren. Sie ist eine Metapher für Mexikos zwiespältige Affäre mit der Moderne, von der es sich immer wieder aufrütteln lässt, doch der Augenblick des Vollzugs wird jedes Mal aufgeschoben”. Der Titel „Probe” beschreibt laut Alÿs den improvisierten Zustand der permanenten Probe von Mexiko-Stadt, ein Zustand des „Morgen-wird-alles-besser”.
Francis Alÿs, dessen Atelier nahe der historischen Kathedrale und des Zócalo liegt, nimmt jede Stadt als einen sich ständig wandelnden Lebensraum wahr. Sein Ausspruch: „Es kann manchmal zu nichts führen etwas zu tun – und manchmal führt es auch zu etwas, nichts zu tun“, sagt viel über seine Art von Kunst aus. Oftmals durchwandert er den Stadtraum, um Performances durchzuführen und das Leben und die Bewegungen der Stadt dabei zu dokumentieren. Seine künstlerische Ideenvielfalt scheint grenzenlos: Mal irrt er sieben Tage nacheinander unter dem Einfluss sieben verschiedener Drogen durch die Straßen, mal sucht er sich bei seiner erstmaligen Ankunft in einer Metropole einen „Doppelgänger” (“someone who could be you”) und folgt diesem unauffällig solange wie möglich. In einem dokumentierten „Test-Lauf” geht er zwölf Minuten lang mit einer geladenen 9mm-Beretta durch die Straßen von Mexiko-Stadt, bis ihn eine alarmierte Polizeistreife aufgreift und verhaftet. Auf seinem Weg durch ein Viertel São Paulos zog er eine Tropfspur aus einer durchlöcherten Farbdose hinter sich her. In einem mexikanischen Vorort filmte er einen Jungen, wie dieser eine halbgefüllte Plastikflasche einen Hügel hinaufkickt. In Ventanilla, nahe Lima, mobilisierte Alÿs sogar 500 Freiwillige, die mit Hilfe einfacher Schaufeln die riesige Sanddüne eines Slumgebietes um etwa fünf Zentimeter versetzten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. „Wenn Glaube Berge versetzten könnte”, so der Titel dieser Arbeit.
Francis Alÿs hat in seinen vielerorts produzierten Arbeiten ein umfangreiches künstlerisches Werk geschaffen, das nicht nur aus Filmen, sondern auch aus Zeichnungen, Malereien, Skulpturen, Fotografien, Performances und Klangarbeiten besteht. Seine Arbeiten stellen Fragen, deren Beantwortung er den BetrachterInnen überlässt. Er zielt auf das Besondere im Alltäglichen, ohne es allerdings zu erklären. Die Handlungen, die er dokumentiert, sind „Ausdruck einer Zeitlichkeit, die durch Verschiebungen der eigentlichen Handlung immer noch die Chance lassen, dass alles ganz anders werden könnte”, so Klaus Biesenbach, Kurator der Ausstellung „blueOrange”. Damit öffnet er in mythischer Erzählweise einen neuen Blick für unsere Zeit.

Preisgeld für Nachwuchskünstler

Wie im Konzept des Kunstpreises festgelegt, unterstützte Alÿs mit 7.000 Euro seines Preisgeldes junge Nachwuchskünstler. Er wählte hierzu die mexikanische Künstlergruppe „Tercerunquinto” aus. Die in Monterrey geborenen jungen Künstler Julio Castro, Gabiel Cázeres und Rolando Flores untersuchen seit 1996 gemeinsam die Grenzen des öffentlichen und privaten Raumes. Im Jahr 2003 gossen sie beispielsweise ein 40 Quadratmeter großes Fundament zwischen die provisorischen Hütten der SlumbewohnerInnen und schufen damit den einzigen stabilen Untergrund weit und breit – ein fester Boden, der nicht nur den notdürftigen Behausungen, sondern auch ihren BewohnerInnen unter den Füßen fehlt. Ein Jahr zuvor hatten „Tercerunquinto” in einer Ausstellung im mexikanischen Kulturinstitut die Wände zum benachbarten Generalkonsulat eingerissen und so den hoch offiziellen Raum mit in die Ausstellung einbezogen.
Die 70.000 Euro des Preisgeldes, die verblieben, spendete der Belgier dem Schulungszentrum für Straßenkinder “Proyecto de talleres de oficios para jóvenes en situación de calle” (Berufliche Werkstätten für Straßenkinder) in Mexiko- Stadt. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, den betroffenen Kindern handwerkliche Kenntnisse für ihre Entwicklung zu vermitteln und will den Prototyp einer Modellschule schaffen. Das Zentrum, das zuletzt aus finanziellen Gründen nicht mehr weiterarbeiten konnte, plant unter anderem die Errichtung von Duschen, einer Krankenstation, eines Therapiebereichs, und eines Kinosaals. Mit seiner Spende wolle er, so Alÿs, „etwas an die mexikanische Gesellschaft zurückgeben”, da er seine Fotos und Videos größtenteils auf den Straßen Mexikos mache.

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