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Wahrheit und Tod

Es ist Nacht in der Zone 1 von Guatemala-Stadt: Die Straßen zeichnen sich hauptsächlich durch ihre beklemmende Menschenleere aus. Hin und wieder trifft ein Wachposten des Nationalpalasts auf TaxifahrerInnen, streunende Hunde oder müde BettlerInnen. So ähnlich hätte auch die Nacht aussehen können, in der Bischof Gerardi in Guatemala Stadt ermordet wurde. Vor zehn Jahren, am 26. April 1998, wurde Juan Gerardi, als er von einem Besuch bei seiner Schwester in San Sebastián heimkehrte, in seiner Garage mit einem schweren Stein erschlagen.
Gerardi war Weihbischof von Guatemala-Stadt und einer der bekanntesten Kämpfer für die Menschenrechte in Guatemala. Er war Präsident des Menschenrechtsbüros ODHAG, welches er 1989 gründete und bis zu seinem Tod leitete. Nur zwei Tage vor seiner Ermordung hatte er den im Auftrag der Nationalen Versöhnungskommission erstellten Wahrheitsbericht „Guatemala – Nunca más“ (Guatemala – Nie wieder) in der Kathedrale von Guatemala-Stadt präsentiert. Dies war ein wichtiger Beitrag, um gegen die bisherige Politik des Schweigens anzugehen.
Der Bericht informiert über die verschiedenen Verbrechen der Massaker in dem 36-jährigen Bürgerkrieg, welcher über 200.000 Opfer forderte. Auf Aussagen von ZeugInnen gestützt, beschreibt er sowohl die verschiedenen Arten und die Konsequenzen der erfahrenen Gewalt als auch die Forderungen der Überlebenden an die Regierung. Weiterhin enthält er eine kurze Darstellung der historischen Geschehnisse, allgemeine Angaben zu den Opfern sowie eine Liste von Menschenrechtsverletzungen. Letztlich macht der Bericht für 98 Prozent der schrecklichen Massaker, Folterungen und den Genozid an der indigenen Bevölkerung das Militär als Hauptverantwortlichen aus.
Auch beim Mord an Bischof Gerardi ist für viele klar, dass das Militär dahinter steckt. Vollständig aufgeklärt wurde der Mord jedoch bis heute nicht. Dass es sich um ein politisches Verbrechen handelte, wurde von offizieller Seite aus stets geleugnet. Direkt nach dem Mord war der Druck für eine Aufklärung so groß, dass mehrere vermeintliche Mörder festgenommen und sogar verurteilt wurden. Es fehlte jedoch an stichhaltigem Beweismaterial und die Anschuldigungen konnten so nie endgültig bewiesen werden. Die Ermittlungsbehörden schienen damals so wie heute nicht gewillt zu sein, den Vermutungen eines politischen Verbrechens intensiv nachzugehen und den Fall aufzuklären. Zynischer Höhepunkt der Pseudoermittlungen war, dass zwischenzeitlich der Hund Geradis als verdächtig erklärt wurde, seinem Besitzer die tödlichen Verletzungen zugefügt zu haben.
Ronalth Ochaeta, der vier Jahre lang zusammen mit Gerardi an dem Wahrheitsbericht arbeitete, vermutete den Täter des Mordes von Anfang an in Militärkreisen. Der Fall liegt, wie die meisten Verbrechen des Bürgerkriegs, immer noch im Dunkeln. So ist der Fall Gerardi ein weiteres Beispiel für die Straffreiheit von Menschenrechtsverletzungen in Guatemala und ist ein Zeichen dafür, dass Menschen, die in dem zentralamerikanischen Land für die Menschenrechte kämpfen, zumindestens mundtot gemacht werden.
Zum Schweigen gebracht wurden auch alle mögli-
chen ZeugInnen des Mordes an Gerardi. Obdachlose, die in der Nacht vom 26. April in der Umgebung von Gerardis Haus Unterschlupf gesucht und das Geschehen mitverfolgt hatten, wurden einige Tage später, an anderen Ecken der Stadt, tot aufgefunden. Obdulio Villanueva, einer der drei Militärs, die wegen des Mordes zur Rechenschaft gezogen wurden, wurde im Gefängnis ermordet. Der Taxifahrer Jorge Diego Méndez, der in der Tatnacht das Nummernschild eines Fahrzeugs der Armee notierte, das vor der Pfarrei stand, verließ einen Tag vor seiner Aussage das Land. Mit dem Fall betraute StaatsanwältInnen wurden ins Exil geschickt. Damit wurde bis heute eine vollständige Aufklärung des Mordfalls Gerardi verhindert.
Ex-General Otto Pérez Molina, der sich in der Mordnacht mit zwei anderen Militärs ebenfalls in der Nähe des Tatorts aufhielt, ist heute einer der wichtigsten Politiker Guatemalas. Als Abgeordneter der Patriotischen Partei (PP) verlor er im November 2007 bei der Stichwahl knapp gegen den heutigen Präsidenten Álvaro Colom.
Seit dem Mord an Bischof Gerardi gibt es in Guatemala kaum eine geschichtliche Aufarbeitung. Menschenrechtsorganisationen kämpfen jedoch weiter um die Aufklärung des Falls. „Schließlich handelt es sich nicht um irgendeinen, sondern um einen emblematischen Fall für den Zustand der guatemaltekischen Gesellschaft“, sagt Carlos Alarcón vom Verband für Menschenrechte in Guatemala. Allerdings gestaltet sich die Aufklärung in Guatemala generell als schwierig. Das Land ist klein, die Verbrechen dagegen unermesslich. Allein 2007 wurden über 6.000 Morde begangen. Doch Täter-Innen werden kaum zur Rechenschaft gezogen und falls doch, können sie im Militär und der Politik weiterhin aktiv sein.
So ist beispielsweise Efraín Ríos Montt, ehemaliger Diktator, der für die Ermordung tausender Menschen sowie die Auslöschung kompletter indigener Gemeinden während der Diktatur verantwortlich ist, immer noch in der Politik tätig. Gegen ihn liegt zwar ein internationaler Haftbefehl vor, jedoch genießt er diplomatische Immunität und kann deswegen nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Der Staatsapparat und insbesondere das Justizsystem sind nach wie vor stark vom Militär beeinflusst und mit parastaatlichen, kriminellen Machtstrukturen verwoben. Diese Strukturen konnte bisher keine Regierung erfolgreich bekämpfen oder gar beseitigen. Genauso wenig wird es dem neuen Präsidenten Álvaro Colom zugetraut, auch wenn dieser die Öffnung der Staatsarchive kurz nach seinem Amtsantritt veranlasste (siehe LN 406). Zudem bedeutet die Wiedereinführung der Todesstrafe in Guatemala einen „unglaublichen Rückschritt“ bei den Menschenrechten, so amnesty international.
Dass heute, zehn Jahre nach dem Mord an dem Bischof und Menschenrechtskämpfer Juan Gerardi, dieser Fall immer noch nicht aufgeklärt ist und Ermittlungen vielen wichtigen Spuren nicht nachgehen, ist Ausdruck der dramatischen und verworrenen Menschenrechtssituation in Guatemala. Die Internationale Kommission gegen Straflosigkeit der Vereinten Nationen arbeitet seit Januar daran, die Verbrechen geschichtlich aufzuarbeiten. Es liegt nun an der Regierung, diese Arbeit zu unterstützen und insbesondere zu beschützen. MitarbeiterInnen der Kommission haben allerdings schon erste Morddrohungen erhalten.

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