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Was heißt hier Fortschritt?

Nachts übernehmen die Hunde die Stadt. Wenn man glaubt, endlich einschlafen zu können, jault der Nachbarshund einmal übers Tal, und das Gekläff geht wieder los. Zwecklos, sich am nächsten Morgen zu beschweren. “Die Hunde halten die bösen Geister fern”, sagt die Nachbarin. Und in Tepoztlán gibt es viele Geister.
Tepoztlán liegt im Valle Sagrado, im heiligen Tal. Eine Autostunde südlich von Mexiko-Stadt, ist es ein altes Städtchen mit gepflasterten Gassen und knallbuntbemalten Häusern. Jedes Wochenende strömen die Ausflügler aus Mexiko-Stadt ein, fliehen vor dem Smog in die laue Luft von Tepoztlán, essen Huhn in Schokoladensoße in einem der vielen Restaurants, oder flanieren auf einem der schönsten Kunsthandwerkmärkte der Gegend. Oder sie besteigen die kleine Pyramide auf dem höchsten Punkt der Berge, dort wo sich angeblich die kosmische Energie bündelt.

Noch ein Kampf für Land und Freiheit

Unten hat sich der Zorn der Tepoztecos entzündet. Am 24. August letzten Jahres haben sie ihren Bürgermeister Alejandro Morales verjagt und die Stadt abgeriegelt. Dann haben sie einen neuen Stadtrat gewählt und eine Selbstverwaltung aufgebaut. Als sie erfahren hatten, daß Bürgermeister Morales heimlich den Bau des Golfplatzes erlaubt hatte, besetzten BewohnerInnen das Rathaus, läuteten die Glokken und innerhalb von Minuten zogen Tausende erzürnter Tepoztecos auf den Marktplatz.
Was Golfplatz genannt wird, ist eigentlich eine 187 Hektar große touristische High-Tech-Anlage: Ein Fünfsternehotel, 800 Ferienhäuser mit Swimming-Pools, eine Landebahn für Privatflugzeuge, einige Golfplätze und künstliche Seen. Die Investorengruppe, zu denen auch der Schwager des Ex-Präsidenten Carlos Salinas de Gortari gehört, wirbt mit Öko-Image, verspricht Steuern und Arbeitsplätze für Tepoztlán.

Sturheit siegt

Doch die Tepoztecos sind stur und der Widerstand gegen den Golfplatz hat Tradition. Seit über dreißig Jahren haben sie den Bau immer wieder verhindert. Das Land sei schon seit Jahrhunderten Gemeindeeigentum, behaupten sie, die Aufkäufe bei Privatpersonen daher nicht rechtens. An Arbeitsplätze glaubt niemand: “Sehen Sie sich doch die Tourismusprojekte in der Umgebung an”, meint der 63jährige Bauer Alberto Palacios. “An den entscheidenden Stellen sitzen die Leute aus der Stadt, und wir dürfen die Drecksarbeit machen. Von ehrenwerten Bauern und Kunsthandwerkern würden wir zu Gärtnern und Hausangestellten der reichen Leute, die herkommen, um sich zu vergnügen”. Am heftigsten kritisieren die BewohnerInnen, daß der Golfplatz pro Tag mehr Wasser verbrauchen würde, als sie das ganze Jahr. Und schon jetzt reicht das Wasser nicht. Abends laufen die Leute aus den hoch gelegenen Stadtteilen die steilen Gassen runter und schleppen ein paar Eimer Wasser nach Hause.

Parolen pinseln

Die Farbverkäufer im meinungsfreudigen Tepoztlán machen gute Geschäfte. “Nein zum Golfclub!” Das steht auf Hausmauern, Transparenten und Straßen geschrieben. Der Dorfeingang ist mit einem Steinwall und Stacheldraht verbarrikadiert und begrüßt die BesucherInnen mit dem Slogan: “Willkommen bei einem Volk, daß seine Traditionen und Gewohnheiten verteidigt!” Die Umfrage einer Zeitung ergab: 80 Prozent der BewohnerInnen sind gegen den Golfclub, zehn Prozent sind sich nicht sicher, sechs Prozent ist es egal und vier Prozent unterstützen den Club. Die vier Prozent behalten ihre Meinung lieber für sich. Einige Häuser und kleine Geschäfte sind gekennzeichnet: “Verräter” steht auf ihre Wände gesprüht. Die Familie des ehemaligen Bürgermeister überpinselt die Parolen an ihrem Haus mit immer neuen Lagen grüner Farbe: “Tod dem Verräter”, oder “Alejandro wir kriegen Dich” steht da wieder und wieder.
Auf der allabendlichen Versammlung vor dem Rathaus informiert der Stadtrat regelmäßig über die Ereignisse des Tages. Dort werden auch neue Parolen entworfen, an Ort und Stelle Geld gesammelt, Farbe gekauft und dann sofort Wände und Straßen bemalt. “Nein zu den Wahlen”, hieß es im März. Denn die Provinzregierung von Morelaos erkennt den autonomen Stadtrat nicht an und hat Neuwahlen angesetzt. “Das ist der immer gleiche Betrug”, schimpft eine Frau vor dem Rathaus. “Die Parteien kaufen sich Leute, die den Golfplatz unterstützen und dann kaufen sie Leute, die sie wählen.”

Wahl nach den Regeln von Riten und Traditionen

Die Tepoztecos bestehen auf ihrem Stadtrat, den sie im September 1995 nach altem Brauch gewählt haben: Die (ausschließlich männlichen) Kandidaten wurden nicht von Parteien aufgestellt, sondern pro Stadtteil gewählt.
Am meisten Stimmen bekam Lázaro Rodríguez, ein 41jähriger Bauer und Kunsthandwerker, dessen Familie sich seit drei Generationen im Widerstand gegen den Golfplatz verdient gemacht hat. In einer traditionellen Zeremonie bekam Lázaro Rodríguez dann von der mythischen Figur des Tepoztecatl den Befehlsstab überreicht. In der indianischen Sprache Nahuatl belehrte ihn der Tepoztecatl vor der ganzen Stadtbevölkerung über Rechte und Pflichten des Herrschers: “Er muß dem Willen des Volkes dienen, sonst wird ihn der Zorn des Volkes treffen.” Vom Rathaus baumelten damals noch als Puppen die dreizehn “Verräter” des abgesetzten Stadtrates. Mittlerweile sind ein paar heruntergefallen und andere verbrannt worden.
Im März, ein halbes Jahr nach seiner Wahl ruft der Stadtrat wieder einmal zu einer außerordentlichen Sitzung ins Theater. Während die Versammlungen am Anfang des Konfliktes aus allen Nähten platzten, kommen diesmal nur circa 60 Leute. Die Diskussion über die Gründe für das erlahmende Engagement der Bevölkerung dümpelt dahin. Die einen wollen die Strukturen ändern, die Stadtteilkomitees umorganisieren, die anderen kritisieren die abgehobenen Vorschläge einiger Personen im Stadtrat. Die Dritten finden, der zentrale Punkt seien die Verhandlungen mit der Provinzregierung, die nur in die Sackgasse geführt hätten. Immer noch ist der Stadtrat nicht anerkannt, bekommt keinen Haushalt, obwohl die Tepoztecos Steuern bezahlen, darf keine Geburts- oder Sterbeurkunden ausstellen.

Kein Polizist setzt ungestraft einen Fuß nach Tepoztlán

Lebendig wird die Diskussion, als das Thema auf die drei Polizisten kommt, die am vorhergehenden Abend in der Stadt gefangen wurden und nun im Knast sitzen. Denn immerhin dieses Zugeständnis hatte der Stadtrat der Provinzregierung abgerungen: Keine Polizei und kein Militär darf ohne Genehmigung die Stadt betreten. Das kontrollieren die Tepoztecos seither genau: Wer die Stadt besuchen will, muß die Barrikade passieren, oder in ein Taxi steigen, deren Fahrer ausnahmslos den Stadtrat unterstützen. Die Sicherheit in Tepoztlán regelt jeden Tag ein anderer Stadtteil, genau wie die Müllabfuhr und den Verkehr – unentgeltlich versteht sich. Und jede Nacht versammeln sich überall Wachen um Feuer – das ist der harte Kern des Städtchens. Das ist eine verschworene Gemeinschaft.
Die 60jährige Restaurantbesitzerin Alicia Rodríguez ist extra zur Versammlung ins Theater gekommen, um als Augenzeugin den Zwischenfall mit den Polizisten zu schildern. Sie waren zwar in Zivil in die Stadt gekommen, aber sie wurden erkannt, als sie im Restaurant darüber redeten, daß sie jemanden festnehmen wollten. Obwohl die drei bewaffnet waren, verfolgte sie die Stadtbevölkerung daraufhin durch die Straßen und steckte sie ins Kittchen. Bürgermeister Lázaro Rodríguez versucht die Leute davon zu überzeugen, die Polizisten nach 72 Stunden freizulassen: “Was sollen wir ihnen denn zu essen geben?” “Wasser und Brot”, ruft eine Frau erbost, “das ist mehr, als wir im Knast kriegen würden”. Mit Mühe hält der Bürgermeister die Versammlung davon ab, das Auto und das Geld der Polizisten zu beschlagnahmen. Nur die Waffen wollen sie als Beweisstücke behalten.

Erste freie Gemeinde Mexikos

Mit ihrem Protest hat die Stadt immerhin einen Baustopp für den Golfplatz erreicht. Daß die Investoren den Plan völlig aufgeben, daran glauben sie nicht. Daher wollen die Tepoztecos das Land zurück, das ihrer Meinung nach nicht an Privatpersonen hätte verkauft werden dürfen. Nachdem Tepoztlán durch den Kampf gegen den Golfplatz als “erste freie Gemeinde Mexikos” in die Schlagzeilen geraten ist, kommen viele ausländische Medienleute in die Stadt. Ein großer Teil des Golfprojektes liegt in einem Naturschutzgebiet, und ein anderer Teil des Landes wird gar nicht bewirtschaftet. Und so kommen die JournalistInnen immer wieder auf eine Frage, die die Tepoztecos nicht verstehen: “Wofür wollt Ihr dieses ungenutzte Land?” Er habe lange über die Antwort nachgedacht, sagt der alte Alberto Palacios und erklärt dann langsam, wie sehr es ihn stört, daß das Land für den Golfplatz mit Zäunen umgeben werden soll: “Über dieses Land gehen uralte Wege. Auf ihnen laufe ich zu meiner Parzelle, so wie mein Vater und Großvater gelaufen sind. Ich will über dieses Land laufen. Von diesem Land lebe ich. Und auf diesem Land sterbe ich.”

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