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Was ist lateinamerikanisches Theater?

Eine Welle von Kürzungen in den kulturellen Etats bricht über uns herein: Kommunale Theater sind besonders stark betroffen. Aus Kostengründen müssen Aufführungen abgesagt werden, an allen Ecken und Enden wird gespart. Hierzulande eine Katastrophe – für lateinamerikanische TheatermacherInnen ist die Arbeit ohne staatliche Subventionen längst zum Alltag geworden. Viele fangen mit nichts an, bekommen vielleicht eine kleine Unterstützung von der Stadt, aber anders als viele hiesige TheatermacherInnen glauben sie nicht, dass ohne Geld nichts zu machen sei.
Ist das lateinamerikanische Theater aber deswegen arm? Zwar wird versucht ohne Subventionen unter sich ständig wandelnden Bedingungen ein lebendiges Theater auf die Bühne zu bringen, von einer kulturellen Armut kann aber gerade nicht gesprochen werden. Das Theater der diversen Länder ist abwechslungsreicher, kreativer und anspruchsvoller als es ihm manche vielleicht zutrauen.
Viele verbinden mit dem Theater Lateinamerikas immer noch ein sozialkritisches Volkstheater, welches aus der politischen und sozialen Realität heraus in den sechziger und siebziger Jahren entstanden ist. In der Auseinandersetzung mit den Problemen und Konflikten der Gegenwart trug das Theater zur Ausbildung eines politischen Bewusstseins bei. Am deutlichsten zeigte sich die Politisierung des lateinamerikanischen Theaters in den creaciones colectivas (Kollektivtheater) der unabhängigen Theatergruppen, deren Formensprache und Arbeitsmethoden viele DramaturgInnen stark geprägt hat.
Es gibt in Lateinamerika ein Theater, das gemeinsame Eigenschaften aufweist: Neben einem seichten kommerziellen Theater und einem immer mehr schrumpfenden subventionierten Staatstheater, beleben vor allem unabhängige Theatergruppen die lateinamerikanische Theaterszene. In diesen Gruppen engagieren sich Menschen, die größtenteils ohne öffentliche Gelder und in ihrer „Freizeit“ Theater spielen, wobei beide Umstände nichts über Professionalität und künstlerische Qualität der Stücke aussagen. Ein Brotberuf neben der künstlerischen Berufung ist in Lateinamerika in den allermeisten Fällen eine existentielle Notwendigkeit. Osvald Dragún, ein argentinischer Regisseur und Autor bezeichnet Lateinamerika als eine Art gemeinsamen Bühnenraum, der von verschiedenen SchauspielerInnen bespielt wird. Doch dieser Raum müsse erst entdeckt, angenommen und später erobert werden. Obwohl hier von lateinamerikanischem Theater die Rede ist, darf dies nicht zu der Annahme führen, dass eine Einheit besteht: Verschiedene Kulturen, Bräuche und die Geschichte haben dazu geführt, dass Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede zwischen den Bühnenpraktiken der lateinamerikanischen Regionen existieren.

Ganz Lateinamerika als Bühne

Als die Länder von Militärdiktaturen geplagt wurden, versuchten die Theaterschaffenden neue Welten zu kreieren. Entgegen des gewaltsamen Versuchs der Regierungen ihre Arbeit erheblich einzuschränken, entwickelten sie Methoden, um über die Gegenwart auf indirekte und metaphorische Weise sprechen zu können.
Das Theater konnte seine Rolle als Ort der Versammlung und der Begegnung zu dieser Zeit neu definieren und die lateinamerikanischen Theaterleute wurden in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung zu KomplizInnen der Menschen.
Die traumatischen Erfahrungen der Diktatur werden bis heute auf den Bühnen der einzelnen Länder verarbeitet. Traditionelle Theaterformen finden dabei nur noch wenig Anklang. Das neue Theater ergänzt die klassische Bühnensprache durch neue Ausdrucksformen, wie Tanz oder Improvisation und die Integration neuer Medien, wie Kino und neuerdings auch Internet-Chats.

Auf nach Europa

Immer mehr Theatergruppen finden heute mit ihren Produktionen einen Weg nach Europa und sind bei internationalen Theaterfestivals vertreten. Aber auch auf dem lateinamerikanischen Kontinent präsentieren sich die Gruppen verschiedener Länder beim Festival Internacional de Teatro a Mil in Santiago de Chile (2003), beim Festival Latinoamericano, oder dem Encuentro de Teatro Iberoamericano in Buenos Aires (2001). Das Festival in Argentinien zeigte jedoch, dass in Buenos Aires anderen Gruppen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Theaterleuten aus dem eigenen Lande. „Das lateinamerikanische Theater, ausgenommen das brasilianische, hat nicht dieselbe Qualität wie das unsere“ sagt die argentinische Theaterregisseurin Graciela Casabé.
Juan Carlos Gené, einer der Organisatoren dieses Theatertreffens erklärt, dass ein Desinteresse für die Kultur und die Theater der Nachbarländer nicht nur eine Frage der Qualität sei, sondern auch auf die fehlende Bekanntmachung und den mangelnden Austausch zwischen den Ländern zurückzuführen ist.
Viele Theatergruppen aus Argentinien beobachten seit Jahren bevorzugt die europäische und nordamerikanische Theaterszene. Mit Erfolg wie sich zeigt: Im Jahr 2002 gehörte Argentinien mit vier Theaterprojekten zu den Schwerpunkten des in vier Städten des Ruhrgebiets stattfindenden Festivals „Theater der Welt“. Auch hier zeigte sich, dass Produktionen aus Brasilien und Argentinien stärker präsent waren.
Mit dem Schwerpunktthema „Theater in Lateinamerika“ möchten wir aber nicht nur auf die beiden Länder, sondern auf eine breitgefächerte Theaterszene aufmerksam machen, die jenseits des kommerziellen Theaters existiert. Außerdem wollen wir zeigen, wie das Theater aus Lateinamerika deutsche TheatermacherInnen beeinflusst hat.

Loucas auf der Straße

Am Anfang unseres Schwerpunkts richten wir den Blick auf Chile. Der Artikel von Britta Witt zeigt, wie die aus den achtziger Jahren stammende Gruppe La Troppa sich noch 30 Jahre nach dem Putsch über ihre Landesgrenzen hinaus behaupten kann. Die innovativen und kreativen Darstellungsmittel, die diese Gruppe den radikalen Einschränkungen der Militärdiktatur entgegensetzt, wird auch heute noch von jüngeren chilenischen Theatergruppen aufgegriffen.
Barbara Kastner interviewte den brasilianischen Regisseur Luis Carlos Moreira. Er gründete vor neun Jahren ein neues Straßentheater, das vor allem die Arbeiterklasse und Jugendliche ansprechen soll. In einem Theaterzelt reist er durch die Peripherie São Paulos, wobei er seine Theaterarbeit im Austausch mit dem Publikum verändert.
Ein Essay von Nora Pester beschreibt das argentinische Theater im Zeichen der Krise. Pester zeigt auf, wie das Thema der „Verschwundenen“ bis heute im argentinischen Theater aufgegriffen wird. Zu der Erinnerung an die Toten der Diktatur kommen die sozialen „Verschwundenen“, die abertausenden Menschen, die im Argentinien von heute marginalisiert werden. Nora Pester verfolgt dies an der Arbeit des bekannten und einflussreichen Theatermachers Eduardo Pavlovski.
Timo Berger stellt eine Dramaturgin und Theaterautorin der jüngeren Generation vor, die sich jenseits von unabhängigen und kommerziellen Theater zu etablieren versucht. Aus dem Geist des kollektiven Theaters, das in Argentinien nach der Diktatur entstand, schöpft sie ihre Inspiration. Zwar berühren ihre Stücke zum Teil politische Themen. Aber gleichzeitig entziehen sie sich durch ihre phantastischen Elemente und durch die bewusst offen gelassenen Konstellationen von Personen und Konflikten einer simplifizierenden Einordnung.
Es folgt ein Artikel der ASW über das feministische Theater der Loucas de Pedras Lilás aus Brasilien. Diese Gruppe thematisiert in ihren Stücken die Gewalt, die viele Frauen in Brasilien in ihren eigenen Familien erfahren müssen. Die Loucas gehen mit ihrem Theater auf die Straße, um so die Gewalt gegen Frauen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.
Aus Kolumbien berichten die Regisseure Patricia Ariza und Santiago Garcia über unabhängiges kolumbianisches Theater. Nach ihrem Verständnis soll das Theater dazu beitragen, politische und soziale Probleme des Landes zu lösen. Da die Guerilla und die Regierung nicht in der Lage sind, miteinander zu sprechen, soll mit den Mitteln der Kunst versucht werden, neue Dialoge herzustellen.
Auch hierzulande gibt es eine Gruppe, die versucht, die Impulse des lateinamerikanischen Theaters aufzunehmen. Zwar kommen bei piquete die SchauspielerInnen aus dem reichen Norden, dennoch versuchen sie in Anlehnung an die Formen des brasilianischen „Theater der Unterdrückten“ Entwicklungspolitik und das Nord-Süd-Gefälle zu thematisieren.

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