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„Wenn man die Wahrheit kennt, heißt das noch nicht, dass sie siegen wird“

Wie verträgt sich Ihre journalistische Arbeit, die sehr eng mit der Realität und mit Fakten verbunden sein muss, mit der literarischen Arbeit? Können Sie beide klar von einander trennen?
Ich glaube, dass das Material, mit dem man arbeitet, das gleiche ist, nämlich die Sprache. Man möchte, dass die Sätze in sich stimmig sind und gut zusammenpassen, man vermeidet die Wiederholung von Adjektiven. Der Journalismus fordert die Konzentration auf das Wesentliche, man taucht nicht ab in ein Meer von sprachlichen Mitteln, die geradezu hypnotisieren, ablenken, sondern man erzählt die Dinge auf eine sehr direkte, klare und effiziente Weise. Und dies scheint mir für die Literatur, jedenfalls für die Literatur, die ich gerne schreiben möchte, nützlich zu sein. Der Journalismus gibt einem außerdem eine bestimmte Art von Lebenskenntnis. Man schaut sich die Welt sehr aufmerksam an, und das ist für einen Schriftsteller eine gute Sache.
Allerdings ist es in Kolumbien häufig ganz schwer herauszufinden, was in Wahrheit geschehen ist. Wenn so etwas passiert wie mit dieser Frau, die eine Bombe um den Hals gelegt bekam und so ermordet wurde, dann beschuldigt die eine Seite die andere. Jede Seite hat ihre Wahrheit und ihre Lügen. Nun spielt ihr Roman in Kolumbien und handelt zudem von einem Journalisten, der zum Schluss die Wahrheit über seinen speziellen Fall herausfindet. Das scheint mir ziemlich utopisch, dass das Buch mit einer fertigen Lösung endet. Wollten Sie etwas Utopisches schreiben?
Nein. Man kann in vielen Fällen herausfinden, was passiert ist. Wir wissen, was passiert, aber es folgt daraus nichts, keine Handlung. Deswegen war mir von Anfang an klar, dass mein Protagonist kein Detektiv sein würde, sondern ein Journalist. Ein Journalist kann die Wahrheit wissen, aber allein, dass man die Wahrheit kennt, bedeutet noch nicht, dass Wahrheit und Gerechtigkeit siegen werden. So sieht es in Kolumbien aus. In Kolumbien weißt du vielleicht, dass jemand ein Dieb ist, dass jemand korrupt ist, die ganze Welt weiß es, aber es passiert nichts. Der Typ bleibt im Kongress, behält seinen Posten. Es gibt keine offizielle Wahrheit, die gleichzeitig mit der Gerechtigkeit siegt. Das finde ich schlimmer. In vielen Fällen ist es aber auch schwierig mitzubekommen, was tatsächlich passiert, nämlich dann, wenn politische Interessen mit hineinspielen. Zum Beispiel im Fall der Frau mit dem „Halsband“. Ich glaube, dass hier eine Form der allgemeinen Konfusion herrscht, aber für mich liegt auf der Hand, dass die Nachbarn der Frau Recht haben. Sie haben eine Demonstration gegen die Farc-Guerilla organisiert, und sie wissen, wer es war. Die Bauern wissen es. Die Opfer haben Recht, die Wahrheit gehört den Opfern, den Bauern. Da gibt es für mich gar keinen Zweifel.
Ihr Buch changiert zwischen einem Krimi und einem Großstadtroman. Wie kommt das? Was hatten Sie mit dem Buch vor?
Ich wollte einen Krimi schreiben. Aber mir wurde schnell klar, dass mich das traditionelle Format des Krimis nicht befriedigt, weil es verschiedene Regeln hat, die ich nicht einhalten wollte. Zum Beispiel entwickeln sich im traditionellen Kriminalroman nur zwei bis drei Figuren, der Held und sein Gegenspieler. Manchmal hat er noch einen Kollegen. Die anderen Figuren sind wie eine Serie von Fantasmen, die nicht weiter ausgebaut werden. Das gefällt mir nicht. Mir gefällt es, wenn die Nebenfiguren wichtig sind. Und für mich sind gute Schriftsteller diejenigen, die Nebenfiguren darstellen können. Wir alle können Helden machen. Unvergesslich ist aber eben jene kleine Figur, die nur 20 Seiten lang in einem Roman auftaucht, die aber mit ihrer Anwesenheit plötzlich den ganzen Roman beeinflusst. Ich wollte die anderen Figuren so lebendig wie möglich machen, und ich wollte eine Nebenfigur wie den Hauptmann Moya streckenweise zur Hauptfigur machen, damit sie uns von ihrem Problem der Fettleibigkeit und ihre Lebensgeschichte im Zusammenhang mit dem Essen erzählt, obwohl diese Figur nur wenig mit der Hauptgeschichte zu tun hat. Ich wollte einen Roman schreiben, der wie ein Krimi aufgebaut ist, aber der außerdem noch viele andere Elemente beinhaltet, wie zum Beispiel die enorme Präsenz der Stadt, so dass das Buch einfach als Roman gesehen wird. Übrigens wurde dieser Roman in keinem Land als Teil einer Krimireihe publiziert!
Aber es gibt ja einen Toten und einen Detektiv-Journalisten. Wozu brauchen Sie überhaupt die Krimi-Anklänge?
Sie haben mir erleichtert, über aktuelle Probleme zu sprechen. Denn es gibt ein Problem der Zeiten. Wenn man einen Roman schreibt, der keinem bestimmten Genre zuzuordnen ist, einen normalen Roman, dann tendiert man fast immer dazu, weit zurückzugehen, 30 Jahre etwa. Wenn Schriftsteller 50 Jahre alt sind, dann schreiben sie meist über ihre Zwanziger. Krimiautoren hingegen schreiben Geschichten, die im Augenblick des Schreibens fast gegenwärtig sind. Mir erleichtert der Krimi auch, ein Thema wie Korruption, soziale Themen zu behandeln. Auf eine bestimmte Art ist dies ein engagiertes Buch, nicht aufgrund einer politischen Ideologie, nein, nichts dergleichen, sondern aufgrund einer bestimmten Form der Moral, die mir wichtig erscheint, eine städtisch-zivile Moral.
Víctor Silanpa, der Detektiv-Journalist, ist eine faszinierende Person. Er könnte ein neuer Pepe Carvalho, der Detektiv bei Vázquez Montalbán werden, er hätte das Zeug zum Helden einer Krimireihe. Wollen sie eine Silanpa-Reihe machen?
Nein, weil ich mich nicht als Krimiautor verstehe. Mehr noch, ich bin selbst kein großer Krimileser. Ich möchte keine Reihe machen, auch wenn mir die Figur sehr gut gefällt, und der andere, der Estupiñán auch. Womöglich nehme ich später in anderen Büchern diese Figuren wieder auf, aber nicht in einem Kriminalroman. Vielleicht in einer Liebesgeschichte, warum nicht?
Ich habe den Eindruck, dass viele kolumbianische Schriftsteller außerhalb ihres Landes leben und sich damit eine Situation wie in Kuba oder Haiti ergibt, vielleicht nicht ganz so stark, aber doch mit einer geteilten Literatur: die innerhalb und die außerhalb Kolumbiens.
In Kuba gibt es Schriftsteller innerhalb und außerhalb des Landes, weil es eine klare Grenze gibt, was die Themen angeht oder auch die Verlage. Im Fall Kolumbiens ist der einzige Unterschied der Verlag. Das, was ich schreibe, wird in Kolumbien, aber auch in Europa veröffentlicht. Es gibt auch Autoren, die nur in Kolumbien publizieren, aber nicht, weil es ihnen so lieber ist, sondern aus verlegerischen, ökonomischen Gründen. Ich stimme mit dieser Unterscheidung nicht ganz überein. Die neue kolumbianische Literatur, die neuen, jungen Schriftsteller, die Mehrzahl von ihnen jedenfalls, lebt in Kolumbien. Und fast alle von uns sind bei Verlagen in Europa, in Spanien, Frankreich, Portugal. Zum Beispiel Jorge Franco Ramos, der bestimmt bald in Deutschland publiziert wird, oder Enrique Serrano, Juan Carlos Botero. Denn meine Generation ist eine sehr reiche, sehr vielfältige Generation, die meisten Schriftsteller benutzen urbane Themen, aber mit sehr eigenwilligen Mitteln und auf sehr unterschiedliche Weise. Dies ist eine Generation, die bis jetzt noch nicht richtig als Generation bekannt ist. Ich bin mir sicher, wenn wir uns in drei Jahren wieder sprechen, dann werden wir über unheimlich viele Autoren reden, die bis dahin hier angekommen sein werden und die das Bild, dass man von der kolumbianischen Literatur hat, immens beeinflussen werden. In Spanien, wo die kolumbianischen Bücher am schnellsten ankommen, hat man mittlerweise schon ein völlig anderes Bild von der kolumbianischen Literatur, weil man die Vielfältigkeit schätzt. Früher konzentrierte sich die Literatur sehr auf García Márquez und Mutis. Heute gibt es ein viel größeres Spektrum.

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