«

»

Artikel drucken

WIE VIEL DIEGO DARF ES SEIN?

Unsterblich  Maradona ist in Argentinien auf vielen Wänden verewigt  (Foto: Wagner Fontoura via flickr.com, CC BY 2.0)

„Argentinien ging es schlecht, und unsere Aufgabe war es, ein bisschen Glück zu verbreiten. Das war immer mein Ziel auf dem Spielfeld. Nicht dass die Leute vergessen sollen, was sie durchmachen müssen oder was mit ihnen geschieht, das nicht … sondern um ihnen etwas zu schenken, ein Lachen, etwas Abwechslung.“ Mit diesem Credo aus dem Jahre 1988 ging Diego Maradona laut seiner Biografie „El Diego“ immer auf den Platz. Wegen dieses Credos unternahm er Wahnsinnstrips von Neapel via Rom nach Buenos Aires und zurück binnen einer Woche, um Neapels Spielplan und Argentiniens Begehren, den berühmtesten Fußballexilanten im Trikot des Nationalteams, der Albiceleste zu sehen, gleichermaßen gerecht zu werden. Fitspritzen ließ er sich für beide, der Drogenkonsum kam aus freien Stücken obendrauf – wovon Weltmeistertrainer Carlos „Narigón“ Bilardo allerdings nichts mitkriegen durfte. Clean blieb Maradona nach eigenen Angaben dagegen bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, als er Argentinien quasi alleine mit Hilfe der „Hand Gottes“ und seinem linken Zauberfuß zum Weltmeister machte, was dem fußballverrückten Land seitdem verwehrt blieb. Vieles spricht dafür, dass er sich in Mexiko wirklich nur an seinem Spielwitz berauschte. Denn Maradona selbst warf nach dem Ende seiner Karriere die Frage auf: „Ich war krank, drogenabhängig. Ich frage mich immer: Hätte ich keine Drogen genommen, wie gut hätte ich dann erst gespielt?” In Mexiko 1986 spielte er so überragend wie nie zuvor und danach. Auch wenn Neapolitaner*innen das anders sehen mögen. Jenseits des Fußballplatzes hatte er ein klares Selbstverständnis: „Ich bin vom Kopf bis zu den Fü­ßen links“, sag­te er 1986 dem Play­boy. „Aber nicht in dem Sinn, den ihr in Eu­ro­pa die­sem po­li­ti­schen Aus­druck ver­leiht. Ich bin links für den Fort­schritt mei­nes Lan­des, um das Le­ben der Ar­men zu ver­bes­sern, da­mit wir alle Frie­den und Frei­heit ha­ben.“ Im Sep­tem­ber, bei ei­ner sei­ner letz­ten Ak­ti­vi­tä­ten in den so­zia­len Me­di­en, pos­te­te er ein Foto des Hauses im marginalisierten Viertel Villa Fiorito, in dem er auf­ge­wach­sen war – um eine von der Re­gie­rung ge­plan­te Rei­chen­steu­er zu un­ter­stüt­zen.

„Er kam aus dem Schlamm und vergaß seine Herkunft nie“


Es ist dieses Selbstverständnis, an das die Feminist*innen anknüpfen, die Maradona verehren, ohne ihn auch nur im Entferntesten als progressives männliches Rollenmodell für das 21. Jahrhundert oder Vorkämpfer für Frauenrechte zu sehen. Warum auch? „Wir vergessen die Gewalt nicht, die er gegen viele Frauen ausgeübt hat, wir sind uns darüber im Klaren, und wir wissen, was Teil der Gesellschaft und der Zukunft ist, für die wir kämpfen: Dass männlich sein nicht bedeutet, Privilegien zu haben oder Gewalt gegen den Körper von Frauen auszuüben. Dass männlich sein keine Frage von Macht oder körperlicher Stärke ist. Aber inmitten von so viel Lärm, der die Stimmen der Armen übertönt, vergessen wir nicht, dass Diego und sein Fußball immer gen Süden ausgerichtet waren. Er war seit seiner Geburt durch diesen Stern gezeichnet und wusste immer genau, woher er kam und wohin er zielen wollte: Er kam aus dem Schlamm und vergaß seine Herkunft nie.“ So würdigte ihn das feministische Medienkollektiv marcha aus Anlass seines 60. Geburtstages am 30. Oktober.

„Er war ein spektakulärer Fußballer, aber als Mensch ließ er vieles zu wünschen übrig“


Eine andere feministische Position machte Paula Dapena deutlich. Die 24-jährige Argentinierin spielt in Spanien in der dritten Liga der Frauen bei dem kleinen galizischen Verein Viajes InterRías. Statt wie bei allen Fußballspielen in den Tagen nach Maradonas Ableben an der Gedenkminute teilzunehmen, setzte sich die bekennende Feministin vor dem Freundschaftsspiel gegen Deportivo Abanca mit dem Rücken zu ihren stehenden Mitspielerinnen auf den Boden, um gegen die Ehrung von Diego Maradona zu protestieren. „Ich kann ihm nicht für all die schlimmen Dinge vergeben, die er getan hat. Für mich war er ein spektakulärer Fußballer, aber als Mensch ließ er vieles zu wünschen übrig. Ich denke, es braucht auch Werte, nicht nur Können“, begründete sie ihre Aktion am 25. November, dem internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. In Maradonas Vita stehen unter anderem Medienberichte über häusliche Gewalt und ein Vaterschaftsprozess, der ihn zu Anerkennung einer Tochter zwang. Sechs weitere Vaterschaftklagen sind noch nicht entschieden.

Paula Dapenas Aktion ging um die Welt und aus Mexiko, den USA und Brasilien kommen inzwischen Anfragen nach dem käuflichen Erwerb ihres Trikots, wovon sie vorher sicher nicht zu träumen gewagt hätte. Damit, dass ihr in den sozialen Medien Hass und Mord-drohungen entgegenschlagen würden, war schon eher zu rechnen. „Sie sagten mir, sie würden nach meiner Adresse suchen, um mir die Beine zu brechen“, erzählt sie und bereut dennoch nichts: „Ich würde es tausend Mal wieder tun.“

Paradoxerweise mussten sich auch die Feminist*innen, die öffentlich um Maradona trauerten, unzähliger Hasskommentare erwehren. Dapena dagegen wirft ihren Mitspielerinnen nicht deren Gedenken vor. Sie hat alles Recht der Welt, Maradona ihre Würdigung zu verweigern. Genau wie andere Feminist*innen das Recht haben, ihm zu gedenken, ohne dafür in unfairer Weise angegriffen zu werden. Oder wie es eine von ihnen, die Schauspielerin Thelma Fardin zusammenfasst: „Leute, Feminismus ist Befreiung, nicht Rechenschaftspflicht!“

So kontrovers wie Maradonas Leben und Karriere war, verläuft auch nach seinem Tod noch die Diskussion über ihn. Dabei stand Diego auch immer für den Teamgedanken, worauf Maia Moreira, eine bekennende Maradoneana und Feministin auf dem Portal La pelota siempre al Diez (Den Ball immer auf die zehn) hinwies: „Und er stellt immer ­– hoffentlich für immer – ein Team zusammen und bereitet uns Freude. Wir machen Fehler, und manchmal bezahlen wir für sie und manchmal nicht. Ein bisschen wie er selbst, der die Verantwortung für Fehler übernimmt. Und wir teilen diese Ideen, weil unser Feminismus auf Schlamm und Widerspruch, auf Kollektivität und Feiern, auf Weinen und täglichem Schmerz über Ungerechtigkeiten aufgebaut ist. Wir wollen alles jeden Tag ändern, und in der Zwischenzeit schreien wir ‚Tor’ und umarmen uns gegenseitig.“ Es wäre im Sinne Maradonas, der sich als Grabinschrift wünschte: „Gracias a la pelota“. Danke dem Ball.

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/wie-viel-diego-darf-es-sein/