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Wieviel Zeit hat der Mensch?

Ein Tag im Leben einer argentinischen Familie: René besucht ihre kranke Mutter im Heim und fährt mit ihr auf´s Land. Ihr Mann Juan fährt mit dem fünfjährigen gemeinsamen Sohn Santiago an den Strand.
Auf den ersten Blick nichts besonderes, doch natürlich steckt mehr dahinter: Der Film verlangt wirkliche Aufmerksamkeit. Die Dialoge sind rar, aber umso wichtiger. Kein Blick, keine Berührung, keine Geste ist zufällig. Erzählt wird die Beziehung zwischen René und ihrer Mutter, sowie zwischen Juan und dem kleinen Santiago. Zwölf Stunden Alltag verstreichen im Leben einer Familie. Dem Publikum wird auf dezente aber auch auf sehr intime Weise diese Beziehungskonstellation näher gebracht: Die liebevolle Fürsorge des Vaters für seinen Sohn, Renés Unzufriedenheit mit ihrem Mann und ihre enge Beziehung zur eigenen Mutter. Dabei zeichnet Regisseurin Cézar, studierte Psychologin, das Psychogramm einer Familie über drei Generationen.
Mutter und Tochter wandern über die Felder. René stützt liebevoll die gehbehinderte Frau, die körperlich schon sehr gebrechlich, aber noch völlig geistesgegenwärtig ist. Sie reden über den schmerzlich vermissten, an Lungenkrebs verstorbenen Vater und über Renés Probleme mit Juan. Die Mutter rät ihr, die Zeit entscheiden zu lassen und schließlich würde er sie und Santiago über alles lieben. René fragt, wieviel Zeit das sein solle woraufhin die Mutter erwidert, dass das keiner wisse. Parallel dazu sieht man Juan und Santiago am Strand spazieren, redend über dies und das; über Kindergeburtstage und über die Fellfarbe von Tom und Jerry. Santiago darf seinen ersten Fisch fangen. Er ekelt sich schrecklich, als der Fischer das Tier für die beiden zum Essen ausnimmt. Währenddessen werden Mutter und Tochter bei Wein und Käse am Tisch gezeigt.
An symbolischem Gehalt mangelt es diesem Film nicht. Zwischen den Gesprächen gibt es immer wieder lange Kamerafahrten über das unruhige Meer, die Felder und die unendlich langen Straßen. Schwarz-Weiß-Einstellungen kontrastieren mit Farbe.
Cézar wagt sich an die ganz großen Fragen menschlicher Existenz wie Vergänglichkeit und Tod. Dabei wird sie niemals tragisch oder pathetisch. Vielmehr betont sie, wie schnell und zufällig das Leben vergehen kann. Die parallel erzählte Geschichte der vier Familienmitglieder und die identischen Handlungen der DarstellerInnen sind bestimmend für das Finale, denn der Film endet mit einer traurigen Überraschung.

Como pasan las horas; Regie: Inés de Oliveira Cézar; Argentinien 2004; Schwarzweiß-Farbe. Der Film wird im Forum der Berlinale (10.- 20. Februar 2005) gezeigt.

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