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„Wir arbeiten mit dem Sound des Alltags“

Experimentelle Kunst, wie etwa eure Klangcollagen, hat einen schweren Stand in der mexikanischen Kunstszene. Wie kommt es, dass lange Zeit recht wenig mit Klängen gearbeitet wurde?

In Mexiko propagierte die bis 2000 regierende Partei der Institutionellen Revolution (PRI) über 70 Jahre lang ein monolithisches Kulturverständnis. Es gab nur eine führende Kultur schaffende Gruppe, die ästhetisch eher konservativ eingestellt war und die entschied, was Kunst ist und was nicht. Offen zu diskutieren, Kunst für sich selbst zu erschließen oder gar zu experimentieren, wurde nicht gefördert. Das spürt man bis heute: statt ästhetischer Kritik, eine seltsame kulturpolitische Korrektheit. Die Leute sind es nicht gewohnt, über Kunst zu diskutieren, langweilen sich schnell. Erst als das Einparteienregime der PRI Ende der 1980er zu kriseln begann, gab es Raum für Debatten, die Jahrzehnte lang nicht geführt wurden. Auch die Arbeit unseres Kollektivs suuAuuu ist letztendlich eine Reaktion auf diese Systemkrise.

Wie genau habt ihr denn „reagiert“? Fanden sich da eine Handvoll übersehener Künstler zusammen, die auf der Suche nach etwas ganz Neuem waren und sich so der Hörkunst verschrieben?

Wir wollten nie nur Hörkunst machen. Als Kollektiv fanden wir uns im Oktober 1996 endgültig zusammen. Nur zwei von uns studierten Literatur, die anderen waren der Kunst- und Literaturszene eher fern. Unser Projekt war von Anfang an ein Laboratorium, stilistisch und ästhetisch. Es ging nicht darum, sich an Formate zu klammern, sondern vom Inhalt aus zu denken und eine Öffentlichkeit für diese Ideen zu schaffen. Wir machten Fanzines und auch schon erste Klang-Collagen, Videos und Flugblätter. Jedes Jahr organisierten wir eine Kampagne, um das Material zu veröffentlichen. Unser Interesse war eine gemeinschaftliche Arbeit.

Du sagst, ihr wolltet nie nur Hörkunst machen und doch spielen Tonaufnahmen eine wichtige Rolle bei eurer Arbeit.

Klar arbeiten wir mit Tönen, aber wir wollen nicht parzelliert werden. Eine freie Kunst bedeutet, neue Ausdrucksformen zu finden. In der Kunst wird stets katalogisiert: visuelle Kunst, Hörkunst, Aktionskunst, etc. Wir wollten und wollen als suuAuuu jedoch mit den Genren und Formaten brechen. Auf dies Weise kann man auch nicht so schnell per Dekret im Namen des Vaterlandes vereinnahmt werden.

Aber sich gegen Labels und Formate zu wehren, gehört ja inzwischen auch ein bisschen zum allgemeinen guten Ton…

Und trotzdem, vieles was sich heute experimentelle Kunst nennt, ist gegenüber den 20er Jahren doch ausgesprochen konventionell. Damals ging es um ästhetische Hypothesen und nicht um Slogans. Da waren Poesie und Performance noch eine Konstruktion der Freiheit, wenn man so will. Aber alles erstarrt, wenn man schon von einem festen Format ausgeht und eigentlich nur ins Museum will. Es gibt in Mexiko viele avantgardistische Künstler, die Vollzeit im Elfenbeinturm leben. Die übrigen sind eher Verwalter als Künstler.

Und was habt ihr diesem Zustand nun konkret entgegengesetzt?

Wir haben zunächst vor allem ästhetisch diskutiert, versucht Formen zu finden und diese dann zu materialisieren. Die Idee war eine neue Sprache zu finden, über Klangwellen nachzudenken und das dann auszudrücken in Collagen, Klangbildern, Videos. Jeden Tag was anderes. Es geht nicht darum, eine Kunstform abzustecken und ein Virtuose zu werden. Die Kunst gehört uns allen, wir wollten keine Expertengruppe werden.

Auch wenn es vielleicht schwer fällt eure Hörkunst verbal zu beschreiben, kannst du ein paar Stücke nennen, die eure Arbeit illustrieren?

Man kann sich das wie ein Poesielaboratorium vorstellen, in dem wir mit verschiedenen Ideen herumspielen. Einmal stellten wir die Hypothese auf, dass es einen Virus gibt, der gegen die hörbare Realität arbeitet. Wir begaben uns also zunächst in den Alltag, in die U-Bahn, um reale Tonaufnahmen zu machen. Die U-Bahn ist ja für sich genommen keine hörbare Erzählung, sondern zunächst nur Töne wie Bremsgeräusche, das Surren in den Tunneln, Menschengeplapper. Die Erzählung entsteht in der Vorstellung des Hörenden, denn ein jeder hört anders. Wir haben nun einen von unzähligen möglichen Klangteppichen montiert, der langsam von einem Virus angefressen wird, schwarze, stumme Löcher in der Tonspur hinterlässt. „Metronautica“ nennt sich diese Arbeit.

Habt ihr dabei auch die Fahrgäste in der Metro zu Wort kommen lassen?

Nicht bei diesem Projekt, aber bei einer anderen sonoren Performance. Da schnitten wir Sprechblasen mit Lautsprache aus Comics aus, klebten sie auf Papier und forderten Leute auf, das zu lesen. Später machten wir dann auch noch eine Art Hörspiel über die „Metronauten“. Die Bewohner von Mexiko-Stadt behaupten immer, sie seien sesshaft. Dabei gibt es Menschen, die täglich bis zu acht Stunden in dieser Stadt reisen, im Schnitt sind es vielleicht drei Stunden. Das sind demnach alles irgendwie Nomaden, und die meisten benutzen für ihre Reisen die U-Bahn. Also haben wir eine Art Gebrauchsanweisung für „Metronauten“ geschrieben, einen survival kit.

Klangkunst und Lautpoesie fristen leider oft ein Nischendasein. Wie findet ihr mit euren Arbeiten denn ein Publikum?

Es ist sicher leichter, mit visueller Kunst Aufmerksamkeit zu erregen. Auch außerhalb der etablierten Kunstszene ist das so. Ein Graffiti ist immer präsent. Mit dem Ton ist das schwieriger. Du baust irgendwo die Boxen auf, aber schon ein paar Meter weiter hört keiner mehr etwas. Wir haben viel experimentiert, wie auch andere Klangkunstkollektive. Ich erinnere mich an die Aktion einer Gruppe, die nachts auf dem leeren Zócalo über Lautsprecher den Tageslärm abspielte, den sie zuvor auf diesem Platz aufgenommen hatten. Leider gibt es in Mexiko nur zwei, drei interessante Gruppen, die an direkten Interventionen dieser Art interessiert sind. Hier glauben die meisten Künstler, dass sich Erfolg in institutioneller Anerkennung misst. Damit verbundene Kompromisse werden eben geschluckt.

Wo findet man in Mexiko neue Verbündete und Orte, um der kreativen Arbeit mit Klängen und Tönen mehr Gehör zu verschaffen?

Zunächst einmal haben wir die Erfahrung gemacht, dass gerade freie Radios sehr offen sind, was Klangcollagen und so angeht. Dass sie einer der wenigen Orte sind, wo Kunst und Politik zusammenfinden können und nicht die üblichen getrennten Welten bilden. Es gibt Sendungen, die sich speziell der Hörkunst und radio arte widmen. Und das ist nicht neu. Auch die freien Radios, die zur Zeit des Streiks an der nationalen Universität UNAM (1999 bis 2000; Anm. d. Red.) entstanden, waren sehr experimentell. Zweifellos wurden da mehr als Infos gesendet, eine andere Freiheit geprobt. Es gibt auch innerhalb sozialer Bewegungen Leute, die kreativ mit Tönen experimentieren. Es gibt viel Formate, auch experimentelle Radionovelas. Man kann viele Türen öffnen, Leute sensibilisieren und muss nicht super abstrakt bleiben.

Meinst du, der teilweise avantgardistisch und elitär anmutende Begriff Hörkunst wurde inzwischen auch anders angeeignet oder gar aufgegeben?

Es gibt immer noch etliche Autoren, die die Entwicklungen von Hörkunst als genuin individuelle Wundertaten verkaufen. Aber es existieren inzwischen viel offenere Formen Kunst zu machen, ohne die Fixierung auf persönlichen Ruhm, Stipendien und Ausstellungen. Auch was das Aufnehmen von Tönen angeht, hat sich viel verändert. Die Technik ist günstiger geworden und leichter zu bedienen. Gleichzeitig wird mit bestimmten Standards gebrochen, mit Konzepten einer akustischen Reinheit zum Beispiel, die immer noch viele Studioaufnahmen bestimmen. Wir dagegen arbeiten mit dem Sound des Alltags, die Dinge klingen so wie sie klingen.
Es heißt immer, es gibt keine Möglichkeiten sich auszudrücken. Dabei kann man inzwischen per Email mp3-Archive verschicken, Klingeltöne fürs Handy komponieren, man kann überall Boxen aufstellen, man kann jederzeit Klangspiele improvisieren, Geräusche erfinden. Es gibt alte Aufzeichnungstechniken die sich verwenden lassen, genauso wie kostenlose Multitrackprogramme für den Computer. Heute können wir alle Klangkunst machen, das ist nicht komplex und schwierig. Niemand weiß alles, aber man kann vieles teilen. Nicht nur im Internet.

// Übersetzung: Nils Brock

Mehr Informationen zu Hörkunst und Lautpoesie unter: www.666ismocritico.wordpress.com oder
www.geocities.com/suuauuu/

KASTEN:
SuuAuuu und Hörkunst in Mexiko

SuuAuuu ist ein KünstlerInnenkollektiv aus Mexiko-Stadt, das experimentelle Dichtungen, Audio-Montagen und Klanglandschaften produziert. Die Gruppe versteht sich als Laboratorium und als „Labyrinth, aber ohne Minotaurus, aus purer Lust an der Existenz des Labyrinths, ohne Komplikationen, und besser noch, ohne Objekt.“
Experimentelle Klangkunst hat in Mexiko historische Vorläufer. Zur Zeit der Revolution (1910-1920) gab es in Mexiko eine kurze Blütezeit experimenteller Kunst und Technik. 1919 gab es erste Tests mit Radioübertragungen. In den 1920er Jahren gingen die Estridentistas (estridente, dt. schrill (v.a. Töne)) und andere Kunstkollektive neue Wege in der lautmalerischen Poesie, in der Graphik und Musik in Mexiko. Im Zuge der Konsolidierung des postrevolutionären Staates wurde der experimentelle Umgang mit Kunst, Technik und ästhetischer Erfahrung schon bald erstickt und avantgardistische Gruppen verfolgt. Lautpoesie verschwand fast gänzlich von der Bildfläche, wenige wie Juan Carillo [1875-1965] machten noch tönende Kunst. Andere Leute begannen in den 1970ern mit Synthesizern zu arbeiten und begründeten damit laut suuAuuu die „moderne Hörkunst“ in Mexiko.

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