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„Wir sind Todfeinde und werden es immer bleiben“

Sie sind ein harter Kritiker der Regierung von Evo Morales. Nun hat dieser aber im vergangenen Referendum in den Aymara-Gebieten beinahe 90 Prozent der Stimmen für sich verbuchen können – was ist aus dem Autonomieprojekt geworden?

Man muss sehen, dass nach 500 Jahren zum ersten Mal ein indio regiert. Natürlich keiner, der die Bewegungen für indigene Selbstbestimmung repräsentiert, sondern ein gut gekleideter, moderner und angepasster indio, doch auch so fühlen sich die Menschen zu ihm hingezogen. Vor allem aber sind sie solidarisch mit der Regierung gegen den Osten des Landes, gegen die Großgrundbesitzer, gegen diese Gruppe, die stets die Macht innehatte. In der Kolonialzeit haben deren Großväter gegen unsere Großväter gekämpft, in der Republik ihre Väter gegen unsere Väter, und heute kämpfen ihre Kinder gegen uns. Und ich bin sicher, morgen wird dieser Krieg weiter gehen, unsere Nachfahren gegen ihre Nachfahren. Wir sind Todfeinde und werden es immer bleiben, und diese Idee tragen die Menschen tief in ihren Herzen.

Die Kritik der indigenen Bewegungen an dem „weißer Umkreis“ getauften Zirkel von „traditionellen“ MinisterInnen und BeraterInnen der Regierung wird lauter. Was ist denn eigentlich indigen an der derzeitigen Regierung?

Hätten wir wirklich die Macht übernommen, hätten wir jetzt Minister und Botschafter, die Aymara oder Quechua sprechen. Der Armeechef und der Polizeichef hätten Nachnamen wie Mamani oder Condori, das wäre ein echter Wandel gewesen. Aber die aktuelle Regierung ist Schuldner der Nichtregierungsorganisationen (NRO) und anderer Länder, und all diese Leute präsentieren jetzt ihre Rechnungen, die beglichen werden wollen. Der Energieminister Carlos Villegas arbeitete vorher für NRO, die Ministerien für Minenwirtschaft und Arbeit sind von einstigen Vertretern der traditionellen Parteien besetzt, und die wenigen indios, die in der Regierung waren, wie der ehemalige Bildungsminister Félix Patzi oder der Wasserminister Abel Mamani, wurden ausgewechselt. Der einzige indio im Regierungspalast ist der Außenminister David Choquehuanca.
Ich denke, dass Evo viel eher ein Püppchen der traditionellen Linken ist, und die ist in Bolivien oligarchisch. Ich sehe nicht, dass sie sich auf dem Weg hin zu einem radikalen Wandel des Landes befindet. Das sind eben die Söhne der Landbesitzer und Unternehmer, einige sagen sie seien „rechts“, andere sagen sie seien „links“, und manchmal streiten sie sich untereinander, doch in der Praxis existiert diese Unterscheidung in Bolivien nicht.

Eine der zentralen Forderungen der indigenen Bewegungen während der Kämpfe zu Anfang dieses Jahrhunderts war die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung. Was war Ihre Vision von dieser, und wie bewerten Sie den Verfassungsprozess im Nachhinein?

Unser Vorschlag für die Verfassunggebende Versammlung (VV) beinhaltete eine radikale Änderung des Landes, entsprungen aus den Köpfen der indios. Aber wir wurden ja nicht einmal zur Teilnahme eingeladen. Wir hatten gedacht, die Versammlung würde eine der sozialen Bewegungen sein, all jener Bewegungen, die in den letzten Jahren organisch mit der Gesellschaft verwachsen sind und seit dem Jahr 2000 drei Regierungen gestürzt hatten.
Und was macht die Regierung? Sie beruft weder den COB [Gewerkschaftsdachverband, Anm. d. Red.] ein, noch die CSUTCB [indigene campesino-Organisation, Anm. d. Red.], und auch nicht die Minenarbeiter, die Fabrik- und Bauarbeiter, nicht einmal die Kirchen, die Polizisten und das Militär. Aber all diese Leute und Sektoren müssten in einer VV zusammen kommen, debattieren und schließlich gemeinsam eine neue Verfassung verabschieden. Das wäre eine Verfassung der Menschen, des Volkes. Stattdessen hat Evo die alten, längst tot geglaubten Parteien einberufen, während die Abgeordneten der MAS nicht vorbereitet waren, und nicht in der Lage, Projekte voran zu bringen. Im Endeffekt waren es die Politiker der traditionellen Linken und die ausländischen Berater, die die Arbeit gemacht haben. Deswegen sehe ich auch nicht, wie diese Verfassung die Realität der indios widerspiegeln sollte – nicht einmal die des bolivianischen Volkes.

Seit den 50er Jahren propagieren Teile der radikalen indigenen Bewegung Boliviens den „Rassenkampf“, und Ihnen wurde oft ein „umgekehrter Rassismus“ zum Vorwurf gemacht. Welche Bedeutung haben heutzutage solche Konzepte?

Zuerst einmal muss man sehen, dass wir indios nicht die rassistischen Ausbeuter sind – wir haben keine weißen Hausangestellten, und auch keine weißen Chauffeure. Ich denke, wenn die Weißen die Regeln der indios akzeptieren, wären wir doch verrückt, wenn wir sie umbringen oder ausweisen würden. Wir sind ja weder der Ku-Klux-Clan noch deutsche Nazis, im Gegenteil, wir sind absolut nicht einverstanden mit dieser Art des Denkens. Meiner Meinung nach wäre in diesem 21. Jahrhundert ein „Rassenkampf“ in diesem Sinne auch ein politischer Selbstmord. Heute gibt es Menschenrechte und den internationalen Gerichtshof, und was wir tun ist protestieren. Denn es sind jetzt so viele Jahre, von der Kolonialzeit über die Republik bis heute, dass man uns beleidigt, herabsetzt und diskriminiert, das tut schon ein bisschen weh.

Die Bewegung der indigenen Gemeinden des Hochlandes hatte sich insbesondere zwischen 2000 und 2005 die Rekonstitution der „Nation der Aymara“ und politische Selbstbestimmung auf die Fahnen geschrieben. Dieser Autonomiediskurs dient jetzt dem so genannten Halbmond, den vier Tiefland-Departements, zu anderen Zwecken. Was ist der Unterschied zwischen beiden Autonomievisionen?

Wir haben die Idee der freien Selbstbestimmung der Nation der Aymara-Quechuas, der Nation der indios hervorgebracht. Wir haben unsere Symbole und während der Aufstände im Jahr 2000 haben wir Achacachi [Stadt im Hochland, Anm. d. Red.] vom Staat gesäubert: die Polizei, die Richter, alle Institutionen haben wir rausgeworfen und unsere eigenen Autoritäten eingesetzt. Aber wir waren nur sehr kurz selbst verwaltet, denn Evo hat das Militär und die Polizei wieder eingesetzt. Unsere Selbstbestimmung bedeutet also: unser eigener Staat, unser Territorium, unsere Armee und unsere Gesetze.
Das ist nicht das selbe wie die Autonomie, wie sie Santa Cruz propagiert. Ihnen gehört weder das Territorium, noch haben sie eine eigene Kultur, eine eigene Geschichte, Religion, Sitten oder Bräuche. Es ist eine Autonomie von Ausländern und Kolonisatoren, die völlig anders konnotiert ist. Und in Santa Cruz gibt es auch Indigene, die sich als Nation rekonstituieren wollen, wie die Guaraní. Von außen sieht die Autonomie in Santa Cruz vielleicht hübsch aus, aber in ihrem Innern existieren andere Autonomien, andere Kulturen, mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Denkformen.

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