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„Wir wären ja verrückt gewesen, wenn wir mit Töpfen auf die Straße gegangen wären“

Der Donnerstag fing für uns ziemlich beschissen an … na gut, beschissen war er wohl für alle, so wie die Dinge standen. Aber besonders was uns betrifft, die Arbeitslosen, die wir mit den Straßenblockaden einen Beschäftigungsplan erkämpft hatten, sage ich das. Denn nach den Blockaden, die wir schon seit einer Woche machten, um unser Geld vor Weihnachten zu bekommen, kündigte die Provinzregierung die Auszahlung just für diesen Morgen an. Und in unserer Notlage, kannst du dir vorstellen, dass keiner riskieren wollte, dass sie nach der Hälfte die Zahlungen einstellen würden, weil ihnen das Bargeld ausgeht. Immerhin hatten sie das schon mehrmals gemacht. Wenn das passiert wäre, hätten wir jedenfalls mit Sicherheit die Bank besetzt, wie schon im Monat zuvor.
Also alle pünktlich in der Frühe zur Bank. Ein paar hatten Radios dabei, und mitten in der Menschenmasse vor der Bank versuchten wir uns ein Bild davon zu machen, wie die Dinge auf der Plaza de Mayo standen. Wir von der Bewegung hatten schon am Vortag verabredet, um 14 Uhr eine Versammlung im Gemeindehaus abzuhalten, alle Compañeros aus den umliegenden Vierteln, die zur Bewegung dazugehörten. Ganz schön naiv, was? An diesem Morgen dachte ich noch, der Platz würde sich mit Leuten füllen, was weiß ich, hunderttausend, zweihunderttausend Personen, die friedlich protestieren und diesen Hurensöhnen die Meinung sagen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was später passieren würde.
Aber gut, die Auszahlung verlief ohne Probleme, und von der Bank machte ich mich auf den Weg zum Haus in meiner Siedlung. Wie jeden Monat gab ich Zulma 140 Gutscheine: Dieser Hurensohn von Ruckauf [damaliger Gouverneur der Provinz Buenos Aires; LN] zahlt nur in Gutscheinen. Jeden Monat das Gleiche, das Geld reicht für drei Tage, und unsere Kinder müssen davon leben, was wir mit Märschen und Straßenblockaden der Provinzregierung an Lebensmitteln abtrotzen können. Mein Ältester, Jorgito, ist 15 und hilft ein bisschen mit und geht mit dem Handkarren los, damit seine vier Geschwister etwas zu essen haben. Als ich den Jungen sehe, wie er mit dem Karren losgehen muss, erinnere ich mich daran, wie ich noch, gerade mal drei Jahre ist es her, in die Papierfabrik schaffen ging, und wie ich um dieses Datum herum immer schon den Weihnachtszuschlag bekommen hatte. Da fühle ich mich so ohnmächtig, dass mir die Tränen in die Augen steigen, wirklich wahr. Aber im gleichen Moment denke ich wieder an die Compañeros, an unseren letzten Kampf, und ich stelle mir vor, wie es das nächste Mal sein wird. Und das nächste Mal war ja schon bald, nämlich an diesem Nachmittag. „Heb dir die Wut für später auf, Cachito“, sagte ich leise für mich.
Als um kurz nach zwei die Compañeros massenhaft eintrudelten, sahen wir schon die ganze Zeit im Fernsehen, wie sie die Proteste auf der Plaza brutal unterdrückten: Während sie dort mit Pferden auf die Mütter losgingen, füllte sich die Baracke immer mehr. Und als sie anfingen, mit Schlagstöcken auf die jungen Leute einzuprügeln, die sich zum Protestieren friedlich hingesetzt hatten, kamen immer noch welche dazu. Die Bilder zeigten uns, dass es auf der Plaza immer haariger wurde, und in diesem Moment – ich bin mir sicher, dass es den meisten so ging wie mir – hatten wir ein ganz gemischtes Gefühl: Auf der einen Seite war uns klar, dass wir, die Entschlossensten, die Compañeros, die bei den Blockaden immer für die Sicherheit zuständig waren, auf die Plaza gehen würden, komme was wolle.
Andererseits konnten wir nachvollziehen, dass andere Compañeras und Compañeros, darunter auch ältere Männer, von den brutalen Bildern, die sie im Fernsehen sahen, Angst bekommen würden. Wo wir schon von Angst sprechen: Ich glaube, der Ausnahmezustand, der am Tag zuvor ausgerufen worden war, wirkt in einem Hauptstadtviertel, sagen wir, in Palermo ganz anders als in unserem Viertel. Hier wissen alle, dass wir piqueteros [Streikposten; Demonstranten, die seit Monaten wichtige Straßen blockieren; LN] sind, die Nachbarn wissen es, aber die Milicos, die hier stationiert sind, wissen es auch, diese Handlanger des Gemeindevorstehers, gegen den die Bewohner des Viertels immer stärker rebellieren, seit sie bei der Bewegung mitmachen. Und deswegen sind sie wütend auf uns. Vor allem die Bullen des hiesigen Kommissariats, das sind Verräter ihrer Klasse, denn oft wohnen sie in Vierteln wie unserem, aber bei der Polizei wird ihnen ein Hass auf das Volk eingetrichtert, und irgendwie glauben sie dann, sie sind etwas Besseres. Dabei haben sie mit Sicherheit einen Bruder oder einen Schwager, dem es genauso beschissen geht wie uns. Aber bei der Polizei werden sie praktisch zu Mördern gemacht, denn es sieht fast so aus, als würden sie es genießen, wenn sie ungestraft irgendeinen Rumtreiber im Viertel abknallen dürfen. Diese Leute waren über den Ausnahmezustand natürlich glücklich und dachten wahrscheinlich, jetzt könnten sie es uns endlich zeigen.
Und deswegen gab es an diesem Tag die cacerolazos, Kochtopfkonzerte, in den Vierteln der Mittelschicht, vor allem in der Hauptstadt und in den Gemeindezentren. Wir wären ja verrückt gewesen, wenn wir mit Töpfen oder mit sonst irgendwas auf die Straße gegangen wären, während die Patrouillen durch unsere Viertel fuhren und nur darauf warteten loszuballern! Diese Aufteilung war ganz wichtig in diesen Tagen: Viele Arbeitslosenbewegungen wie unsere hatten in den vorangegangenen Tagen die Wut angeheizt, mit den Besetzungsaktionen in den großen Supermärkten der multinationalen Unternehmen, die dem Land das Blut aussaugen – den kleinen Markt im Viertel haben wir nie geplündert. Wir hatten also den Kampf bis dahin angeführt, aber an diesem Abend warteten wir ab und gingen nicht auf die Straße. Die Mittelschicht, die bis dahin ihre Wut noch nicht öffentlich gezeigt hatte, ist für uns an diesem Abend quasi eingesprungen, besser gesagt: Sie hat sich dem Kampf angeschlossen und ist mit ihren Töpfen auf die Plaza de Mayo oder zum Kongress gegangen.
Es stimmt, was manche Zeitungen schreiben: Vom Büroangestellten bis zum Lehrer, von erwachsenen Männern bis zu kleinen Jungen, von uns, den Arbeitslosen bis hin zu welchen, die aussahen wie Studenten – alle warfen wir Steine und flüchteten vor dem Tränengas. An diesem Nachmittag machten wir gemeinsame Sache: die, die es geschafft hatten, aus den armen Vierteln im Großraum Buenos Aires ins Zentrum zu gelangen, mit der Jugend der Mittelschicht und selbst mit Bankangestellten. Wir saßen alle im gleichen Boot.
Wenn irgendwer anfing, etwas zu zerstören, was einer Privatperson gehören konnte, oder wenn jemand Scheiben einschlug, ohne darauf zu achten, wozu diese Scheiben eigentlich gehörten, wurde er sofort von der Mehrheit der anderen aufgehalten. Gegen vier Uhr waren wir mit den Barrikaden schon bis auf einen halben Block vor das Rathaus an der Ecke zur Plaza de Mayo vorgerückt. Die Barrikaden aus umgekippten Autos und die Kabel, die wir quer über die Straße spannten, damit sie nicht mit den Pferden passieren konnten, wirkten ziemlich solide, und die Militärs konnten uns nur mit Tränengas beschießen. Die Barrikade war so etwas wie eine eroberte Stellung.
In diesem Augenblick fangen die Compañeros, die hundert Meter hinter uns stehen, plötzlich an zu schreien: „Sie haben ihn umgebracht, sie haben ihn umgebracht!“ Einer erzählt uns, was passiert ist: Als nach dem letzten Tränengasbeschuss ein paar Jungs wie gelähmt stehen bleiben und nicht weiterlaufen können, steigt plötzlich ein Milico vom Motorrad und schießt einem Jungen, der auf dem Boden kniet und nach Atem ringt, mit seiner Neun-Millimeter-Pistole direkt in die Schläfe. Er hat ihn ganz einfach exekutiert!
Als uns klar wurde, dass sie vor scharfen Schüssen nicht mehr zurückschreckten, dachte ich, das machen die sicher, weil sie sich vor Angst in die Hosen scheißen, und die in der Casa Rosada, dem Präsidentenpalast, die ihnen das befohlen haben, scheißen sich noch mehr in die Hosen, weil sie Angst davor haben, dass wir den Platz einnehmen, in die Rosada reingehen und sie aufknüpfen, was sie auch verdient hätten, wie ein Compañero auf der Versammlung gesagt hatte.
Eines sollten die da oben wissen: Wenn sie uns nicht respektieren, wenn sie nicht lernen, das Volk zu respektieren, wenn sie es weiter ausbeuten, dann kann keiner von ihnen in Ruhe leben. Das ist die Botschaft, auf die es ankommt. Die ganze Innenstadt von Buenos Aires qualmte von den brennenden Banken – und hast du gesehen, was sie mit dem McDonald’s gemacht haben? Überall sah man Rauchsäulen aufsteigen, an denen wir erkennen konnten, dass es anderswo genauso aussah.
Ein hochgewachsener Mann um die fünfzig half, Möbel aus einer Bankfiliale herauszutragen, um sie an der Ecke zu verbrennen, und schrie in die Fernsehkameras: „Das hier sind die Kumpanen von Cavallo [Ex-Wirtschaftsminister; LN], die uns das alles eingebrockt haben, wollen doch mal sehen, ob sie jetzt ein bisschen Respekt vor uns bekommen und das Land verlassen!“ Dann gab er sich die größte Mühe, die kleinen Gauner und Taschendiebe, die auch zugange waren, davon zu überzeugen, nicht die Computer mitzunehmen: „Hier wird überhaupt nichts gestohlen, Compañeros, wir schlagen das, was sie dem Volk gestohlen haben, kurz und klein, aber wir sind nicht zum Stehlen hier.“ Das muss die Jungs beeindruckt haben, dass sie jemand als „Compañeros“ angesprochen hatte. Jedenfalls zertrümmerten sie jetzt die Computer, die sie eben noch mitgehen lassen wollten.
Auch wenn jetzt immer von Vandalismus die Rede ist – ich glaube schon, dass das, was passiert ist, irgendwie gerecht war, oder? Irgendwie müssen die doch auch mal die Verlierer sein. Sie sollen ruhig Angst vor uns haben, sie sollen uns respektieren. Ich glaube, die ganz große Mehrheit fühlte, dass die brennende Stadt eine Antwort war auf so viel Unterdrückung, so viel Hohn, so viel Tod, dass das in diesem Moment explodiert ist. Deshalb glaube ich, oder besser gesagt: Ich bin überzeugt davon, dass es ein Akt der Gerechtigkeit war. Das Volk hat Recht gesprochen, könnte man sagen, oder?
Und nun? Wie geht es jetzt weiter? Was weiß ich! Wir haben gerade mal eine Hand voll Hurensöhne weggejagt, aber es ist noch ein Haufen übrig. Eine soziale Revolution war das nicht, bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir wissen, und wir haben bei den politischen Debatten in der Bewegung immer gesagt, dass ein gesellschaftlicher Wechsel nötig ist. In einem von unseren Liedern heißt es :„Jagt sie alle zum Teufel, der Arbeiter soll regieren“. Sicher ist jedenfalls, dass jetzt das gesamte Volk, die Arbeiter und auch wir, die wir keine Arbeit haben, viel, viel mehr Kraft für diesen Wechsel haben als vorher.
Und wenn wir verlieren – was ja immerhin passieren kann? Schließlich haben wir die Rebellion nicht erfunden, da gab es schon andere, und wenn es uns dreckig geht, dann bedeutet das, dass diese Compañeros es eben nicht geschafft haben, oder? Das heißt, auch wir können den Kampf verlieren. Aber wenn es so kommt, und wenn dann meine Jungs, die heute fünfzehn, acht, sechs, vier und drei Jahre alt sind, in mein Alter kommen, und wenn dann immer noch alles zum Schlechten bestellt ist und ihre Kinder Hunger haben, wenn dann einer von ihnen mich fragt: „Was hat deine Generation eigentlich gemacht, als ich klein war, dass dieses Land so auf den Hund gekommen ist?“, dann kann ich ihm erzählen, dass wir verloren haben, aber dass wir unser Bestes dafür gegeben haben, dass sich etwas ändert.

Zitateinschübe:

„Dieser Hurensohn von Ruckauf zahlt nur in Gutscheinen. Jeden Monat das Gleiche, das Geld reicht für drei Tage, und unsere Kinder müssen davon leben, was wir mit Märschen und Straßenblockaden der Provinzregierung an Lebensmitteln abtrotzen können.“

„Alle warfen wir Steine und flüchteten vor dem Tränengas.“

„Plötzlich steigt ein Milico vom Motorrad und schießt einem Jungen, der auf dem Boden kniet und nach Atem ringt, mit seiner Neun-Millimeter-Pistole direkt in die Schläfe. Er hat ihn ganz einfach exekutiert!“

„Eine soziale Revolution war das nicht, bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“

Übersetzung: Claudius Prößer
Der Text erschien bei trabajadores desocupados@ hotmail.com
Unserer Übersetzung liegt der Abdruck in der uruguayischen Wochenzeitung Brecha vom 4. Januar in gekürzter Fassung zugrunde.

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