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„Wir werden gegen die Zwangsdeportation klagen“

Samantha, wie geht es dir jetzt zwei Wochen nach den Ereignissen und deiner Deportation?

Einerseits ist es nicht so, dass ich nun den ganzen Tag ständig Gedanken an Atenco im Kopf habe. Es ist eher so, dass mein Leben hier in Deutschland irgendwie weitergehen muss und ich versuche, mich um mein Studium und einen Job zu kümmern. Ich möchte aktiv sein, mich nicht verkriechen. Andererseits habe ich in der Nacht schlimme Alpträume. Auch wenn ich mit vielen Menschen auf der Straße bin, fühle ich mich sehr unwohl. Und wenn es irgendwo knallt oder irgendwas kaputt geht schrecke ich sofort zusammen.
Da ich aber zur Zeit an keinem festen Ort wohne ist es schwierig, eine psychologische Betreuung wahrzunehmen. Ich brauche professionelle Hilfe, um die Atenco-Erfahrung zu verarbeiten. Im Moment verdränge ich wohl eher noch.

Und wie geht es dir körperlich? Du hast ja von Misshandlungen berichtet, und dass deine Augen vom Tränengas stark entzündet waren.

Die Augen sind jetzt wieder okay, was natürlich etwas gedauert hat. Als ich dann wieder in Deutschland war, bin ich sofort in die Klinik gegangen, um mich noch einmal durchchecken zu lassen. Die blauen Flecken sind jetzt so gut wie verschwunden.
Wirklich schlimm war auch, dass mir die ganze Kopfhaut wahnsinnig wehgetan hat, weil mir so viele Haare ausgerissen wurden. Naja, das ist eben auch etwas, was mich immer wieder an die Erlebnisse erinnert: wenn man seine Haare anfasst und man dann fast nichts mehr in der Hand hat…
Aber ich versuche, stark aus diesen Erlebnissen herauszukommen und mich nicht selbst zu bemitleiden. Ich habe im Endeffekt ja noch wirklich Glück gehabt, ich wurde zwar sexuell genötigt und betatscht, aber ich wurde nicht vergewaltigt, wie andere Frauen.

Hattest du die Situation in Mexiko vorher so eingeschätzt? Hast du damit gerechnet, dass dir so etwas passieren kann?

Es wäre natürlich naiv gewesen, in ein Land wie Mexiko zu fahren und sich keine Gedanken über Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zu machen. Lateinamerika im Allgemeinen und die Konfliktsituation in Mexiko hatten mich aber auch interessiert. Ich habe nichts Verbotenes geplant, ich habe Fotos gemacht von Land und Leuten, von Momenten, die ich interessant fand. Mir war auch nicht bewusst, dass das gegen ein Gesetz verstoßen soll. Ich hatte mir gedacht, wenn auf meiner Reise wirklich etwas vorfällt, dann wird mir vorgeworfen, dass ich hier mit meiner Kamera nichts zu suchen hätte und dann werde ich im schlimmsten Fall abgeschoben. Aber dass die Situation so eskaliert und willkürlich Menschen schlimmer als Tiere behandelt werden, das lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Das war schon eine sehr harte persönliche Erfahrung. Ich hatte Todesangst.

Weißt du, wie hinsichtlich der Abschiebung, aber auch der Misshandlungen, die derzeitige rechtliche Lage ist?

Ich habe immer noch keine Papiere über meinen Fall, ich hab nur aus den Medien erfahren, dass wir fünf Deportierten für fünf Jahre nicht nach Mexiko einreisen dürfen. Das ist mir allerdings noch nicht von offizieller Seite bestätigt worden.
Ich hab jetzt einen Anwalt und wir finden gerade raus, welche Schritte wir – auch gemeinsam mit den abgeschobenen Spanierinnen Christina und Maria und den Chilenen Valery und Mario – unternehmen können. Er wollte sich auch darum kümmern, dass die Unterlagen zu meinem Fall angefordert werden und dass die Deutsche Botschaft bei der mexikanischen Migrationsbehörde (INM) nochmals nachhakt. Diese soll sich auch nach dem Verbleib meiner gestohlenen Gegenstände erkundigen, wie zum Beispiel meiner Kamera samt drei Objektiven, meinem Pass und anderen Wertgegenständen. Zudem soll sie beim INM Druck ausüben, weil ich auch gerne wissen möchte, was mir jetzt eigentlich wirklich vorgeworfen wird.

Das ist dir bisher nicht gesagt worden?

Es wurde nur gesagt, dass es ganz danach aussehe, dass ich politisch aktiv war, weil ich eben fotografiert habe, was in Mexiko für Ausländer angeblich nicht zulässig sei.

Du stehst mit den anderen Ausgewiesenen in Kontakt. Welche gemeinsame Aktion plant ihr jetzt?

Zum einen telefonieren und schreiben wir uns regelmäßig, um zu erfahren, wie es uns ergeht und um uns einfach bewusst zu machen, dass wir mit unseren Schmerzen nicht alleine sind. Viele MexikanerInnen sind seit Atenco ja leider auch immer noch im Gefängnis.
Zum anderen haben wir sofort beschlossen, dass wir versuchen wollen, gemeinsam rechtliche Schritte einzuleiten. Alleine hätte ich vielleicht gar nicht den Mut gehabt. Wir werden gegen die Zwangsdeportation klagen und sind dabei herauszufinden, ob strafrechtlich etwas machbar ist.

Stehst du in Kontakt mit Menschenrechtsorganisationen in Mexiko oder hier in Deutschland?

Ja, als ich zurück in Deutschland war – bis dahin bekam ich ja auch keine Chance, meine Mails zu checken – hatte ich unwahrscheinlich viele Nachrichten von meinen Bekannten und Freunden in Mexiko, die ich teilweise bei der Karawane der „Anderen Kampagne“ kennen gelernt habe. Die hatten sich unglaubliche Sorgen gemacht. Teilweise wurde ja auch berichtet, dass wir verschwunden seien, es gab einfach zu viel Verwirrung. Und es haben sich dann verschiedene Organisationen bei mir gemeldet, Menschenrechtsorganisationen und auch amnesty international.
Ich selbst habe den Bayrischen Journalistenverband informiert und die Reporter ohne Grenzen, die dann auch gemeint haben, dass ich so schnell wie möglich einen Bericht schreiben soll, mit dem ich nun versuche, international eine breite Öffentlichkeit zu erreichen (siehe Kasten). Des Weiteren wurden auch Protestschreiben an die mexikanische Botschaft und ans Auswärtige Amt verfasst.
Und dann kümmert sich ganz besonders die Gruppe BASTA um mich. Ich bin auch mit Leuten von Vientos in Mexiko in engem Kontakt, erhalte täglich neueste Informationen und viele hilfreiche Kontakte. Ich hoffe auch sehr, dass wir für die entstehenden Anwaltskosten Finanzierungsmöglichkeiten finden werden, da ich diese als Studentin selbst nicht tragen kann.

Weitere Informationen unter: www.gruppe-basta.de

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