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Worte als Waffen

Wenn Rodrigo Ciríaco seine Texte frei vorträgt, wird jedes Wort zum Körper. Man nimmt es ihm ab, dass seine Literatur „direkt aus dem Bauch“ kommt. „Ich erlebe oder sehe etwas, was mich nicht mehr loslässt, mir die Eingeweide verknotet, dann muss ich es aufschreiben.“ Seine Texte kommen in einer rhythmischen Wucht daher, die von Wortspielen durchsetzt, markiert von Hip Hop und Slang, meist sehr performativ angelegt sind – mal mit, mal ohne Punkt und Komma.
Thematisch setzen sich seine Kurzgeschichten mit sozialer Ungleichheit, Diskriminierung und Gewalt auseinander, aber es sind auch „Erinnerungen an meine persönlichen Konfliktzonen: Ich gegen die Welt, ich gegen mich, es geht um Liebe und Krieg.“ Der dreißigjährige Geschichtslehrer einer öffentlichen Schule in der prekären Ostzone von São Paulo versteht seine Literatur als ein Mittel zum Kämpfen.
Um auch seinen Schüler_innen die Waffen dafür an die Hand zu geben, vermittelt Ciríaco über das von der Stadt São Paulo subventionierte Projekt Literatura (é) Possível (Literatur ist möglich) seine Leidenschaft in Schreib-und Theaterworkshops sowie durch die Veranstaltung von Open-Mic-Abenden. „Die denken oft, dass nur ein toter Schriftsteller ein guter Schriftsteller ist. Und einer, der für sie unverständlich schreibt. Ich versuche die Literatur für sie zu entmystifizieren, eine Beziehung zu ihrem Alltag herzustellen.“ Damit ist Ciríaco Aktivist der Bewegung der Literatura Marginal (LN 499), die die armen und vom Staat vernachlässigten Vororte von São Paulo durch solche und viele andere kulturelle Veranstaltungen und alternative Bildungsmaßnahmen zu transformieren versuchen.
Die übersetzte Leseprobe auf der folgenden Seite stammt aus dem 2008 erschienenen Band Te Pego lá fora (in etwa „Ich erwisch dich dann draußen“). Die enthaltenen Kurzgeschichten wurden hauptsächlich vom Schulalltag des Lehrers inspiriert. 2011 publizierte er mit 100 Mágoas – übersetzt „100 Leiden“ oder „Ohne Leiden“, denn „hundert“ und „ohne“ klingen im Portugiesischen gleich – eine weitere Kurzgeschichtensammlung.
Erhältlich sind die in unabhängigen Verlagen erschienen Publikationen bislang nur auf Portugiesisch in der Buchhandlung Suburbano Convicto in São Paulo, in der A Livraria in Berlin, oder auch direkt über den Autor.

Leseprobe

A.B.C. // Rodrigo Ciríaco

Gott ist Brasilianer. Aber Marcola1 hat das Sagen. Ja, der is der Chef. Ach nee, prussôr2, ich komm nich rein. Marcola bestimmt. Okay, okay, wenn Sie drauf bestehen. Aber ich mach nich mit. Ay, voll crazy. Ich bin fertig. Um vier Uhr morgens war‘s noch Nacht, Alter. Und ich Kurier. Dann Play 2. Nix für Weicheier. Das Spiel ist krass, braucht Konzentration. Welches Spiel ich hab? Das mit dem Schießen. Peng! Peng! Peng! Ich denk mir, ich hab so ne sieben-sechs-fünf3. Dann ne Automatik. Wirst schon sehn, total verrückt.
Ah, prussôr, nee, ich mach die Aufgabe nicht. Ich versteh eh nix und ich hab kein Bock mehr auf Abschreiben. Kann eh nich lesen, nich schreiben. Zählen? Zählen, klar kann ich zählen. Ich arbeite nur mit Bargeld. Ohne Zählen, keine Garantie. Das Leben ist teuer. Wer kauft mir sonst meine Nike, die Markenklamotten? Wer? Hab keine Eltern. Das wars. Alle tot. Pengpeng. Is mir egal. Is vorbei. Ich heul nich. Männer heulen nich, Alter. Nur Jesus hat geheult. Der war schon in Ordnung, aber hat sich alles gefallen lassen. Mit mir nich, kommt einer dumm, dann Peng! So is das im Ghetto. Und im Geschäft4. Guck mich ja nich an. Ey, was guckst du? Peng!
Marcola sagt, ich mach. Hab ich schon jemand umgebracht? Ah, prussôr. Du hast kein Plan, oder? Bin schon dreizehn, Alter. Ich habs raus. Ich habn Plan. Ich weiß, was geht. Drin war ich auch schon. Ein Jahr Jugendknast. Revolte und son Scheiß. Jetzt auf Bewährung, bin nur wegen dem Richter hier. Aber ich mach, was ich will. Bleib aufm Gang, halt die Augen auf. Drehn paar Runden, verdien was. Lernen? Zu Ihnen komm ich, prussôr, weil Sie sind anständig. Aber ich lern nich. Ich komm nur manchmal. Hat eh kein Sinn mehr, Alter. Heulen bringt nichts, geht nich mehr zu kitten. Kaputt is kaputt.
So isses jetz, mein Leben, ich reiß mir den Arsch auf. Ändern? Höchstens n andres Revier. Mein Leben auf keinen Fall. Mir gehts gut, prussôr. Danke der Nachfrage, Respekt.
Ay, crazy, man. Ich hau ab, ich halts hier im Klassenzimmer nich aus, in der Schule. Hier passiert alles in Zeitlupe. Ich geh raus, auf die Straße, da gehts ab. Ja. Da bin ich schon Meister.

Übersetzung: Ingrid Hapke

Anmerkungen der Übersetzerin

Marcola ist der Kopf der größten kriminellen Organisation in São Paulo, dem Primeiro Comando da Capital (PCC).
Prussôr: eigentlich professor – Lehrer, hier als Anrede verwendet.
Als sieben-sechs-fünf wird eine Pistole bezeichnet.
Geschäft bedeutet hier Drogenhandel, im Original esquema genannt.

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