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Zurück ins Paradies

TEIL 1: Die Mentor_innen des Projekts über die Umwelt- und Gesundheitssituation sowie ihr Engagement vor Ort.

Seit wann ist der Río Santiago so verseucht?
María: Den Aussagen der Ältesten nach begann die Verschmutzung in den 1970er Jahren. Eines Morgens soll der Fluss voller toter Fische gewesen sein. Dieses Massensterben wird mit dem Abfall der Industrie in Verbindung gebracht. Es war das erste Mal, dass die Menschen merkten, dass etwas passiert war.

Warum habt ihr die Fotografie als Medium gewählt?
Xavier: Fotografien vermeiden langes Palaver, denn sie zeigen die Dinge, wie sie sind. Mittlerweile haben die Kinder um die tausend Fotos gemacht. Es ist eine Art der Anklage und eine Ausdrucksmöglichkeit für den verletzlichsten Teil der Bevölkerung: die Kinder. Sie können so ihre Stimme erheben und sagen, dass das, was sie erleben, eine Ungerechtigkeit ist. Der Jüngste der Pandilla war sechs Jahre alt, als er sagte: „Man muss die Fotos flussaufwärts zeigen, damit die, die dort sind, sehen, dass es flussabwärts Kinder gibt. Wenn sie wissen, dass es hier Kinder gibt, werden sie mit dem Verschmutzen aufhören.“ Für uns ist es sehr wichtig, die Kraft und die Logik der Gedanken der Kinder zu zeigen. Offensichtlich herrscht anderswo aber die Unvernunft, der Wahnsinn und die Korruption. Durch die Fotografien lenken wir die Aufmerksamkeit auf eines der wichtigsten Umwelt- und Gesellschaftsprobleme der Region. Der nächste Schritt soll Kinder vernetzen, um ihre Stimmen zu verbinden und ihre Kraft zu vereinen.

Wen wollt ihr mit den Fotos erreichen?
María: Da gibt es mehrere Akteure. Wir bemühen uns in den betroffenen Gemeinden um eine bessere Organisation und Mobilisierung, um die Anklage aufzubauen. Ebenso wenden wir uns an die Bevölkerung Guadalajaras, da der Fluss auch Abwässer von einem Teil der Stadt abbekommt. Aber auch an die mexikanische und internationale Gemeinschaft, an die Industrien als Hauptverantwortliche für die Verseuchung, sowie an die mexikanische Regierung, die die Pflicht hat, die Menschen und die Natur zu respektieren und zu schützen.

Wie reagieren die Unternehmen und die Regierungen auf eure Arbeit?
María: Solange wir in der Gegend gearbeitet haben, war der Skandal um den Tod des kleinen Miguel Ángel 2008 das erste Mal, dass die Unternehmer eine Pressekonferenz einberiefen. Dort behaupteten sie, die mexikanischen Umweltschutzgesetze einzuhalten. Im Zweifelsfall sollte die mexikanische Regierung eine Erklärung zum Tod des Kindes abgeben. Vorher standen die Unternehmer nie in der Öffentlichkeit. 2010 hatten wir ein Treffen mit örtlichen Behörden und Organisationen, an dem auch eine Industriekammer teilnahm. Die Unternehmer schlugen vor, einen Experten zur Verfügung zu stellen. Sie gaben weder zu, die Gesetze zu brechen, noch erkannten sie die Gesundheitsprobleme der Bevölkerung, noch die zunehmende Umweltverschmutzung an. Sie reduzieren die Situation auf ein technisches Problem. Die Menschen, die dort leben, werden überhaupt nicht berücksichtigt.
Xavier: Im Moment wird darüber diskutiert, neue Kläranlagen für städtische Abwässer zu bauen. Die Behörden tun so, als ob sich der Fluss dadurch von heute auf morgen verändern würde. Das mit den Kläranlagen ist eine gute Sache, aber es sind die Industrieabfälle, die weitaus gefährlicher und schädlicher sind. Allerdings werden die nicht berücksichtigt. Selbst der Umweltminister des Landes macht deutlich, dass die Industrie wichtiger als die Gesundheit der Menschen sei.

Welche wissenschaftlichen Untersuchungen und Proben wurden gemacht?
María: Alle Studien, sowohl die der Regierung, als auch die der Universität von Guadalajara und anderer Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation zeigen, dass die Richtlinien nicht eingehalten werden. Greenpeace Mexiko hat eine Studie des Mexikanischen Instituts für Wassertechnologie entdeckt, die die Regierung unter Verschluss gehalten hatte. Diese Studie besagt, dass sich mehr als tausend Schadstoffe, unter anderem Schwermetalle, im Fluss befinden. Sie legt eine Verbindung zwischen der Verseuchung und der Gefährdung der Gesundheit nahe. Die Gemeinden fordern solche vollständigen epidemiologischen Studien. Jedoch schützt die Regierung die Industrie.

Wie reagieren die Unternehmer_innen auf die Ergebnisse der Studien?
María: Es gibt nur eine Gruppe, die sich öffnet. Nachdem die Menschenrechtskommission von Jalisco eine Empfehlung geschrieben hat, lässt sie sich interviewen, teilt der dortigen Industriekammer Informationen mit und zeigt eine gewisse Verfügbarkeit. Sie bestätigt, dass nicht die gesamte Industrie „sauber“ ist und dass nicht jedes Unternehmen Kläranlagen hat, aber es ist eben nur diese eine Industriekammer, die so etwas sagt. Das ist eine Strategie der Unternehmen, die immer weniger Zeit haben zu verstecken, was offensichtlich ist.

Wo sind Erfolge eurer Arbeit und was gibt es noch zu tun?
Xavier: Die Gemeinden bemerken einen Handlungsspielraum. Ich finde es gut, wenn die Kinder sagen, dass die Wurzeln der Verschmutzung in den Köpfen der Menschen sind, nicht in den Fabriken. Denn es sind die Köpfe der Menschen, die die Fabriken lenken. So wird das Problem greifbar und es entsteht Hoffnung für die Zukunft. Die Jugendlichen sprachen hier mit einem Experten vom BUND, der ihnen erzählte, dass er als Kind auch nicht im Fluss schwimmen durfte. Das gab ihnen Mut.
Durch Reisen entstehen Beziehungen mit anderen Organisationen und Schulen. Wir haben Kontakte zu Wasserexperten und versuchen unsere Vorwürfe mit soliden Argumenten zu stützen. Es ist ein komplexes Thema, das die Leute auch deshalb nicht verstehen, weil die Infos nicht zugänglich sind. Teil unserer Arbeit ist es deswegen, Informationen zu sammeln und auf verständliche Art und Weise zu verbreiten, damit sie selbst nach Alternativen suchen können. Es gibt eine Zivilgesellschaft in den Gemeinden El Salto und Juanacatlán, die am meisten betroffen sind. Ihre Organisation ist entscheidend, denn die Unternehmer werden ihren Zynismus ebensowenig ändern wie die Regierung ihre absurden Regulierungen.
María: Das Problem wird jetzt auch außerhalb der betroffenen Gemeinden sichtbar, auf nationaler und internationaler Ebene. Es ist ein sehr schmerzhafter Kampf, wenn man dort lebt. Aber es muss den Organisationen und Gruppen bewusst werden, dass es nur längerfristig eine Lösung geben wird. Sie suchen gemeinsam mit Akademikern und Experten nach Lösungen, die dem mexikanischen Staat vorgetragen werden. Dadurch wird der Widerstand zu einem „vorschlagenden“ Widerstand, was er nicht sein sollte. Schließlich ist es die Pflicht der Regierung, Lösungen zu finden. Gerade deswegen müssen sich die Menschen bewegen und die Hoffnung bewahren.

TEIL 2: Und was sagen die Kinder dazu?

Warum seid ihr Teil der Pandilla?
Zaíra: Weil es mich sehr interessiert hat und immer noch interessiert, die Umwelt und den Fluss zu schützen.
Itzel: So können wir unseren Ort verändern.
Osvaldo: Weil man auf alten Fotos sieht, wie der Kanal früher war, als er noch Fische hatte.

Wie haben eure Eltern reagiert?
Zaíra: Meine Mutter unterstützt mich sehr, beglückwünscht mich und sagt mir, dass sie das sehr gut findet. Wenn wir ausstellen oder zu bestimmten Orten gehen, begleitet sie uns auch.

Was macht ihr drei in der Pandilla?
Zaíra: Wir sind noch mehr Jugendliche in der Gruppe und machen verschiedene Aktivitäten: Wir sprechen vom Wasser, zeichnen Landkarten…Xavier entwirft Spiele und wir setzen sie ein, wenn wir in die Schulen gehen, wo wir Workshops veranstalten und die Fotos ausstellen.

Wie reagieren die Kinder aus den Schulen, wo ihr Workshops anbietet?
Osvaldo: Ich habe erlebt, dass das Thema Umweltschutz sie sehr interessiert. Manchmal gehen wir hin und bitten sie, was wir auch hier in Berlin in den Schulen gesagt haben, dass sie Briefe an die Unternehmen schicken, um Druck auszuüben.
Zaíra: Wir erzählen ihnen von der Gruppe und laden sie ein, mitzumachen. So sind schon mehrere Gruppen der Pandilla Ecologista entstanden.

Wie geht es euch, wenn ihr Fotos von eurem Fluss macht?
Zaíra: Wir sind traurig, wenn wir sehen, wie hässlich er ist.

Was erzählen die älteren Bewohner_innen über den Río Santiago?
Zaíra: Die Erwachsenen, die wir interviewt haben, erzählen uns, dass er sehr schön war und dass man das Wasser trinken konnte.
Itzel: … drin schwimmen konnte…
Osvaldo: … und dass sie vom Fluss lebten, sich von den Fischen ernährten.

Wie ist das Leben am Flussufer jetzt?
Zaíra: In der Nähe ist eine Fabrik, die Hundenahrung herstellt. Nachmittags zieht der Gestank herüber. Dann schließen wir uns ein.
Itzel: Wir können nicht raus und schalten die Ventilatoren an.

Wo kommt euer Trinkwasser her?
Osvaldo: Es gibt einen See in der Nähe, den Lago de Chapala, da kommt das Wasser aus dem Hahn her. Aber es enthält viel Chlor, das können wir nicht trinken. Nicht so wie hier in Deutschland.
Itzel: Es fährt ein Lieferwagen vorbei, der bringt das Trinkwasser in Kanistern.

Was sind eure Ziele in der Pandilla für die nächsten Monate?
Osvaldo: Videos zu drehen und Interviews zu machen, um sie den Politikern und den Fabriken, die den Fluss verseuchen, zu zeigen. Wir wollen den Fabrikbetreibern sagen, dass sie das Wasser klären müssen, das sie in den Fluss leiten.
Zaíra: Wir werden sie einladen, um ihnen zu zeigen, welchen Schaden sie uns zufügen. Man muss ihnen deutlich machen, dass wir Kinder von ihren Giften sehr stark betroffen sind.

Was sind eure Träume und Wünsche für die Zukunft?
Zaíra: Rauszugehen und nicht mehr diesen Gestank zu riechen.
Itzel: Einen schönen Fluss zu sehen, wieder ein Paradies zu haben.

Infokasten:

Für Menschenrechte und Umweltschutz

Die Nichtregierungsorganisation IMDEC (Mexikanisches Institut für Gemeindeentwicklung) mit Sitz in Guadalajara arbeitet seit 1963 in den Bereichen Bildung, Kommunikation, Demokratie, Menschenrechte und nachhaltige Gemeindeentwicklung. Sie kooperiert mit drei deutschen Organisationen: der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Misereor und dem Evangelischen Entwicklungsdienst.
Das IMDEC nahm 2004 seine Arbeit in den Siedlungen der Huizachera bei Guadalajara auf, dem Zuhause der Pandilla Ecologista, wo viele Menschen unter prekären sozialen und ökonomischen Bedingungen leben. Nach einer Überschwemmung des Kanals El Ahogado, einem Flussarm des Río Santiago, standen viele Häuser bis zu zwei Meter in städtischem und industriellem Abwasser. Seit den 1970er Jahren leiten Industrien ihre Abwässer praktisch ungeklärt in den Fluss. Seitdem häufen sich Fälle von Hautausschlägen, Krebs, Asthma und anderen Krankheiten. Ein Junge starb 2008 an einer Arsenvergiftung, nachdem er in den Fluss gefallen war.
Aktivist_innen des IMDEC begannen an Schulen Workshops zu Kinderrechten und Umweltschutz anzubieten. Nach und nach bildeten sich auch außerschulische Gruppen von Frauen sowie Kindern und Jugendlichen. Letztere schlossen sich in der Pandilla Ecologista zusammen, das eines von vielen Projekten des IMDEC zur Sensibilisierung der Bevölkerung im Kampf um die Sanierung des Río Santiago ist.
Zaíra Esmeralda Rangel Pelayo (13 Jahre), Itzel Hernández Rodríguez (14 Jahre) und Osvaldo Morales Ramírez (14 Jahre) von der Pandilla Ecologista sowie María González Valencia und Xavier Romo Arias vom IMDEC waren Ende November bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zu Gast. Neben Workshops mit Berliner Schüler_innen und der Vernetzung mit hiesigen Aktivist_innen war ein Höhepunkt die Fotoausstellung „Der verlorene Schatz“. Mit ihr will die Pandilla auf die verheerenden Folgen der Umweltverschmutzung in ihrer Heimat aufmerksam machen.

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