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Zwischen Dokumentation und eigenem Erleben

Ein alter Mann befürchtet, dass seine Frau Kanu bald sterben könnte, da sie sehr krank ist. Deshalb bittet er sie, ihrer Nichte Lieder des Jamurikumalu-Tanzes vorzusingen und bereitet das Ritual der Frauen vor, damit es noch einmal praktiziert und an alle weitergegeben werden kann. Kanu ist die Dorfälteste und die Einzige, die sich an alle Lieder erinnert, die bei dem Ritual gesungen werden. In der Hängematte liegend singt sie ihrer Nichte und ihrer Tochter mit schwacher Stimme vor. Diese nehmen die Gesänge auf Kassette auf und bringen sie anderen Frauen bei. Kanus Mann erklärt ihnen, wie sie während des Gesangs auf dem großen, von Zelten gesäumten Platz tanzen sollen. Während des Rituals sind die Frauen mit schwarzen und roten Mustern bemalt, am Bauch tragen sie dünne weiße Bänder und am Hals smaragdgrüne, rote, hellblaue und weiße Perlenketten. Es ist ein sehr sinnliches Ritual. Beim Tanzen scherzen sie, ihre Choreographien beziehen sich auf die Themen Liebe und Sexualität, Nähe und Distanz. Und am Ende steht die freie Wahl des Sexualpartners für die Nacht. Der Tanz ist ein Vorspiel, ein Sich-Näher-Kommen, Sich-Betasten, bei dem Frauen und Männer sich für oder gegen einen Geschlechtspartner entscheiden können.

As Hiper Mulheres (dt. „Die Hyper-Frauen“) wurde von den drei Regisseuren Carlos Fausto, Leonardo Sette und Tukuma Kuikuro in einem Dorf der Indigenen Kuikuro im brasilianischen Amazonasgebiet am Oberlauf des Flusses Xingu im Bundesstaat Mato Grosso gedreht. Der Titel unterstreicht treffend, wie sehr es sich bei den Tänzen und Gesängen rund um die Themen Sinnlichkeit und Liebe um eine explizit weibliche Perspektive handelt. Diese kommt in dem gefilmten Ritual auf witzige und selbstbewusste Weise zum Ausdruck. Zwar werden die Ursprünge der einzelnen Traditionen nicht behandelt, aber die Absicht des Filmes liegt ohnehin ganz woanders: Indem er dokumentiert, wie mündlich überlieferte Bräuche wieder aufleben, ist der Film eine Selbstaneignung der indigenen Traditionen, kein klassischer Dokumentarfilm, der Indigene zum bloßen Objekt macht. As Hiper Mulheres ist Ergebnis des seit 1987 existierenden Projektes Vídeo nas Aldeias (dt. „Video in Dörfern“), bei dem Indigenen technische Mittel zur Verfügung gestellt wurden, um sich selbst zu porträtieren. Ziel dabei ist einerseits die Erhaltung von Traditionen, die in einem interkulturellen Dialog mit anderen Kulturen geteilt werden sollen; andererseits gab das Projekt den Indigenen Mittel in die Hand, ihre kulturellen Rechte zu verteidigen.

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