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Zwischen Postsandinismus und Identitätskomplex

Am Anfang war der Ort, dachte sich wohl das Organisationsteam, als es den frisch renovierten Jesuitenkonvent in Antigua Guatemala als Tagungsort für den VIII. Internationalen Kongress der Zentralamerikanischen Literatur auswählte. Und tatsächlich, der erste Eindruck wird vor allem von der Architektur des erhabenen Gebäudes eingenommen: meterdicke Mauern, schwere Holzportale, rotblühender Rhododendron vor weißem Grund, ein Ort also, wie er schöner nicht sein könnte und wo der Wind transzendentaler Erleuchtung und ästhetischen Wohlgefallens schon weht und all die bedeutenden und weniger bedeutenden Vorträge über Literatur eigentlich nur Steine sein können auf dem Weg zur Erkenntnis.
Durch das Stimmengewirr der Teilnehmenden, ihre klimpernden Kaffeetassen und das Klappern der Computer-Tastaturen bei der Einschreibung wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, bietet sich ein zwar profaneres, aber dennoch sympathisches Bild: Im Gegensatz zu Europa, wo SchriftstellerInnen und solche, die es noch werden wollen, ihre KritikerInnen mehr fürchten und verabscheuen als der Teufel das Weihwasser, stehen sie hier friedlich beisammen. Küsschen hier, Shakehands dort. Manlio Argueta, dessen Werk Un día en la vida (dt. Tage des Alptraums) kürzlich von der Modern Library zum fünftbesten lateinamerikanischen Werk des zwanzigsten Jahrhunderts gekürt wurde, plaudert mit dem US-amerikanischen Kritiker Marc Zimmerman, der 1990 eine vielbeachtete Studie über die Beziehungen zwischen Literatur und Politik in El Salvador, Guatemala und Nicaragua mitherausgegeben hat. An der Wand lehnt ein eher leger gekleideter junger Mann, der in den Lesungen der jüngeren Generationen noch mit seinem Zungenbrecher „El anglosajón se quiere desanglosajonizar“ über die Guatemala heimsuchenden Exotikfreaks für Schmunzeln sorgen wird. Die drei Freunde Carla, Chrisnel und Francisco sind sogar aus dem zwei Tagesreisen entfernten Nicaragua angereist, um die Crème der zentralamerikanischen Literatur und ihrer KritikerInnen zu sehen. Und außerdem sind jede Menge Studentinnen und Studenten anwesend und, zur großen Freude der Initiatoren des Kongresses, auch einige Schülerinnen und Schüler, unverkennbar in ihren weiß-blauen Uniformen.
Die Eintracht aller Beteiligten gründet wohl im allgemeinen darauf, dass immer noch ein gemeinsames Projekt verfolgt wird. So geht es weniger darum, über die literarische Qualität neuerer und älterer Texte zu streiten, als vielmehr darum, die Literatur überhaupt als kulturelles Gut zu verteidigen und zu festigen. Ein hehres Ziel in einer Region mit der höchsten Analphabetenrate in Lateinamerika und wo Bibliotheken und Buchhandlungen kaum größer sind als Tante-Emma-Läden.

Lange vernachlässigt, jetzt im Blickpunkt

Dass die meisten LiteraturwissenschaftlerInnen und KritikerInnen, neben dem guten Dutzend GuatemaltekInnen, aus den USA angereist sind, wirft denn auch ein eindeutiges Licht auf den prekären Zustand weniger der Literatur in Zentralamerika selbst, als vielmehr der sie tragenden Institutionen. Quasi unisono beteuern vor allem die angereisten StudentInnen und Studenten, von der Literatur anderer zentralamerikanischer Länder als des eigenen keine Ahnung zu haben. „Von Roque Dalton [dem bekanntesten zeitgenössischen salvadorianischen Schriftsteller, d.Red.] habe ich zwar gehört, aber noch nie etwas von ihm gelesen, weil er hier einfach nicht zu bekommen ist“, meint María, Studentin an der Universidad San Carlos in Guatemala-Stadt.
Ein Blick auf die Situation der Verlage auf dem Isthmus erklärt diesen Zustand. Außer dem in ganz Zentralamerika operierenden Verlag IDUCA aus Costa Rica vertreiben praktisch alle Verlage ihre Bücher ausschließlich in ihrem jeweiligen Heimatland; und wer nicht von einem der großen internationalen Verlage wie Alfaguara oder Siglo XXI entdeckt wird, fristet, obwohl im Heimatland hochgelobt, ein national eingeschränktes Dasein.
Im Bereich von Lehre und Forschung sieht es kaum anders aus. Allerorts werden Literaturstudiengänge gestrichen. An der Zentralamerikanischen Universität UCA in San Salvador gibt es Literatur nur noch für angehende LehrerInnen. Und wer etwas auf sich hält und unter vernünftigen Bedingungen lehren und forschen will, der geht sowieso an eine Universität in den USA, kommt aber gerne zu Kongressen wie diesem in die Heimat zurück und stellt seine Arbeit vor. Das Problem des brain drain, also der Abwanderung (wohlgemerkt nicht des Exils) der am besten ausgebildeten Personen hat also auch die zentralamerikanische Intelligenzia erfasst.
Dass die Idee, einen internationalen zentralamerikanischen Literaturkongress abzuhalten, Anfang der 90er Jahre an einer US-amerikanischen Universität geboren wurde, ist also geradezu logisch. Das Ergebnis, das der Initiator Jorge Román-Lagunas, auch er kein Zentralamerikaner, sondern Chilene, nach acht Kongressen in allen zentralamerikanischen Ländern präsentiert, kann sich allerdings sehen lassen: So ist das Interesse am Kongress von Jahr zu Jahr gestiegen und Antigua 2000 hat die Erwartungen von Román-Lagunas vollkommen übertroffen: „Dass das Interesse so groß sein würde, hätten wir nicht gedacht, aber vor allem gefreut hat uns, dass so viele Schüler und Studenten da waren.“ Aber auch im Ausland und vor allem in den USA ist die zentralamerikanische Literatur bekannter geworden: “Sie wird heute weit mehr studiert, was sich vor allem an der gestiegenen Zahl der Doktorarbeiten ablesen lässt. Außerdem wird viel mehr übersetzt“, weiß Román-Lagunas zu berichten. Diese Tatsache ist deswegen beachtlich, weil das Interesse an Zentralamerika nach dem Ende der Bürgerkriege zurückgegangen ist.
Eines der zentralen Themen des Kongresses war, wie schon auf einem Treffen nicaraguanischer SchriftstellerInnen in Berlin und dem VII. Kongress 1999 in Nicaragua, die Auseinandersetzung mit dem Sandinismus und die Rolle des politischen Engagements in der Literatur (vgl. LN 301/302). Der literarische Altmeister und ehemalige sandinistische Vizepräsident Sergio Ramírez hatte zwar seine Teilnahme am Kongress abgesagt, aber seine postsandinistischen Werke, vor allem Margarita está linda la mar und seine Memoiren Adios muchachos wurden ob ihres kritischen und entmystifizierenden Impetus gelobt.

Subjektivität oder Engagement?

Überhaupt werden die Stimmen immer lauter, die eine Entkoppelung von Literatur und Politik und ein Recht auf Subjektivität einfordern. Dem halten die VerteidigerInnen des Engagements zu Recht entgegen, materielles Leid und das dadurch ausgelöste politische und soziale Engagement seien schließlich ebenso subjektive Erfahrungen wie Liebe und Schmerz. Und die Tatsache, dass bei den Schriftstellerinnen und Schriftstellern von heute die Enttäuschung über einige Praktiken des sandinistischen Projekts und der Zweifel an den großen Ideologien überwiegen, ist ja auch eine Form des Engagements, nämlich für die Suche nach neuen Praktiken in der Literatur, aber vor allem auch der Politik.
Ein weiteres, schier unerschöpfliches Thema war auch auf dem Treffen wieder präsent: Die Auseinandersetzung mit dem Identitäts-Komplex. Das gilt vor allem für das Studium der indigenen Sprachen, Kulturen und Literaturen, dem ein eigenes Forum gewidmet war, auf dem auch ein spezialisierter Verlag präsent war. Unter anderem wurde hier das Werk Humberto Ak’abals analysiert (vgl. Rezension in LN 286). Um so befremdlicher mutete die Selbstverständlichkeit an, mit der angeblich indigene Tänze im kulturellen Beiprogramm von komplett mestizischen Theatergruppen als „guatemaltekische Folklore“ ausgegeben wurden und zur exotischen Erbauung dienen sollten.

Der Fall Belize: Eine Identität wird zurechtgebastelt

Ob implizit oder explizit, ständig kamen die Beteiligten auf den Identitäts-Komplex zurück. David Ruiz Puga, spanischsprechender Autor aus Belize, hat gleich sein ganzes Werk seinem Land gewidmet und versteht sich als Sprachrohr der belizischen Kultur. Alle KonstruktivistInnen und PoststrukturalistInnen seien an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass am Beispiel Belize die Konstruktion einer Nation und einer nationalen Identität quasi live zu besichtigen ist. So handelte auch die von Ruiz Puga vorgetragene Erzählung von den Wirren im Zusammenhang mit der 1981 erkämpften Unabhängigkeit Belizes von Großbritannien. Überhaupt galt Belize besondere Aufmerksamkeit, schließlich soll dort nächstes Jahr der IX. Kongress stattfinden.
In krassem Gegensatz zu Pugas romantischem Nationalismus und den idyllischen Inszenierungen „guatemaltekischer Folklore“ standen einige Vorträge, vor allem von nicht zentralamerikanischen LiteraturwissenschaftlerInnen. Sie haben den Wandel von monolithischen nationalen zu multiplen Identitäten beschrieben, der sich in den zentralamerikanischen Literaturen vollzogen hat. Gar von einem Paradigmenwechsel war die Rede. Der Identitäts-Komplex ist also keineswegs abgeschlossen, und offensichtlich stehen sich hier Konzepte gegenüber, deren Unterschiedlichkeit noch nicht einmal zur Genüge erkannt wurde.

Langweiler und Höhepunkte

Wie so oft, klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander, und so war das Kongress-Programm leider auch gespickt mit schlecht und unklar formulierten Vorträgen über irgendein für die Zuhörerschaft nicht erkennbares Thema, die gehetzt oder gelangweilt, zuweilen auch akustisch unverständlich vorgetragen wurden und bei denen der oder dem Vortragenden selbst nicht klar war, wohin die Reise eigentlich gehen sollte. „Ich bin zwar anspruchsvoll“, meinte Chrisnel aus Nicaragua, während ihre beiden Landsleute zustimmend nickten, „aber ich habe das Gefühl, dass die Zuhörer hier teilweise nicht richtig ernst genommen wurden“.
Um so erfreulicher waren die Höhepunkte des Kongresses. Zum Beispiel der Vortrag über Prudencia Ayala, eine Salvadorianerin, die vor allem dafür bekannt ist, 1928 die Donquichotterie begangen zu haben, sich als Frau bei den Präsidentschaftswahlen aufstellen zu lassen. Dass sie eines ihrer kaum bekannten literarischen Werke mit Amores de loca (“Liebe einer Verrückten”) betitelte, zeugt von einer ganz besonderen Art von Humor. Oder der sehr aufschlussreiche Vortrag Werner Mackenbachs von der Universität Potsdam über die Abkehr vom Testimonio à la Menchú und der mimetischen, dem Anspruch nach wahrheitsgetreuen Darstellung von Geschichte im neuen historischen Roman in Zentralamerika hin zu mehr Fiktion und Phantasie.
Ein Bonbon der besondern Art war die Lesung Manlio Arguetas, der mit seiner Episode über einen Haufen Scheiße den Saal in einen kollektiven Lachkrampf versetzte. Und dann war da noch Zimmermans polemische, aber ebenso hilflose Verteidigung Rigoberta Menchús gegen die „positivistischen Attacken“ des US-Amerikaners David Stoll. Stoll hatte im vergangenen Jahr für Furore gesorgt, als er nachgewiesen haben wollte, die Friedensnobelpreisträgerin habe in ihrem 1984 veröffentlichten Selbstzeugnis Me llamo Rigoberta Menchú (dt. Rigoberta Menchú. Leben in Guatemala) aus politischem Interesse Unwahrheiten verbreitet. Hier wurde die Chance vertan, Stolls Thesen das Wasser abzugraben. Denn über eine halbherzig begründete Relativierung des Wahrheitsbegriffs kam Zimmerman leider nicht hinaus. Dabei hätte gerade hier die Möglichkeit bestanden, die politisch-ideologischen Motivationen und Implikationen von Aussagen überhaupt zu thematisieren. Denn ebenso wie Menchú aus politischen Interessen die Wirklichkeit verdreht hat, will Stoll sie aus dem gleichen Grund wieder herstellen.
Am Ende waren doch alle zufrieden: Die SchriftstellerInnen und KritikerInnen, weil man sich mal wieder getroffen hat, die VerlegerInnen, weil es im Geldbeutel geklingelt hat, Carla, Chrisnel und Francisco, weil sie so viele neue und unbekannte SchriftstellerInnen kennengelernt haben, und die VeranstalterInnen sowieso. Und wer Blut geleckt haben sollte, darf den Kalender des Jahres 2002 zur Hand nehmen und sich die erste Märzwoche rot anstreichen. Da nämlich soll der Kongress in Berlin stattfinden!

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