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Good morning, Colombia

Zehn Jahre sollte es dauern, bis ein US-amerikanischer Präsident wieder Kolumbien einen Besuch abstattete. Ende 1990 war es George Bush, der an einem Drogenbekämpfungsgipfel teilnahm, dieses Mal der scheidende Präsident Bill Clinton, der die Drogenbekämpfung in einem militärischen Feldzug gipfeln lassen will: Mit seiner achtstündigen Kurzvisite Ende August gab Clinton als Bestandteil des Plan Colombia den Startschuss für eine der umfangreichsten US-Militärhilfen, die je ein lateinamerikanisches Land erhalten hat. Knapp zwei Milliarden Mark sollen der kolumbianischen Armee in den kommenden zwei Jahren zur Verfügung gestellt werden, um es mit neuester Kriegstechnologie auszurüsten und neue Bataillone auszubilden. Offizielle Zielsetzung: die Bekämpfung des Drogenanbaus und -handels.
Doch Washington verfolgt noch ganz andere Ziele. Anstatt, wie noch in den achtziger Jahren, den düsteren Weltkommunismus, bemüht man heute die Gefahr des Drogenhandels, um sich in Kolumbien einzumischen und die militärischen Kräfteverhältnisse im jahrzehntelangen Bürgerkrieg zu verschieben. Zu alarmierend war wohl die Pentagon-Einschätzung vor einiger Zeit, die kolumbianische Guerilla könne mit ihrem Potenzial in fünf Jahren die Macht erobern. Der Friedensprozess und besonders die entmilitarisierte FARC-Zone liefen der Hegemonialpolitik in Washington von vornherein zuwider. Für die Propaganda zu Hause kommt Washington zugute, dass die FARC-Guerilla den Drogenhandel in ihrem Einflussgebiet besteuert und somit an den Gewinnen profitiert. Kommunistische Drogendealer also. Perfekt!

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind fatal, zudem wurden weder die kolumbianische Öffentlichkeit noch das Parlament an seiner Ausarbeitung beteiligt. Der Plan ist offensichtlich ein Produkt kolumbianischer und US-amerikanischer Militärstrategen. Dem ohnehin stockenden Friedensprozess wird jedwedes Vertrauen entzogen. Während man in San Vicente halbherzig verhandelt, beginnt auf beiden Seiten das Wettrüsten.
Zudem wirft der Plan das militärische Gleichgewicht auf dem Kontinent und das Verhältnis zu den Nachbarländern aus der Bahn. Brasilien und Ecuador haben ihre Grenztruppen in den letzten Wochen bereits verstärkt, um riesige Flüchtlingsströme und ein Überschwappen der Kämpfe zu verhindern. Die befürchtete Internationalisierung des Konflikts hat sich somit schon längst vollzogen.

In dieser Entwicklung lassen sich einige Parallelen zu den Bürgerkriegsszenarien in Zentralamerika während der achtziger Jahre erkennen. Einige Beobachter gehen auf Grund der zunehmenden US-Präsenz gar von einer „Vietnamisierung“ des Konflikts aus. Würde Kolumbien aber ein zweites Vietnam, bedeutete dies ein Debakel für die US-Armee. Um solch ein Resultat zu vermeiden, lassen sich heute jedoch ganz andere Methoden anwenden. „Es gibt nichts, was man nicht outsourcen kann“, meinte vor einiger Zeit der Antidrogenchef der USA, General McCaffrey. Gemeint sind damit private und von Ex-US-Militärs geleitete Militärfirmen wie MPRI, die neben mehreren hundert offiziellen Ausbildern eigene Söldner nach Kolumbien schicken werden. Wenn man also die Kriegsführung privatisiert, kann man bei etwaigen Fehlschlägen und Gräueltaten formal eine weiße Weste bewahren.
Dabei sind die FARC seit einiger Zeit bereit, über einen – lange Zeit tabuisierten – Waffenstillstand zu verhandeln. Pastrana offiziell auch – aber nicht mehr die Armee. Die sieht sich durch die üppige US-Militärhilfe wieder im Aufwind und vergrößert ihren Einfluss. Sie ist damit der eigentliche Gewinner des Plan Colombia – und die USA, die aufgrund ihrer Militärhilfe noch mehr Einfluss in Kolumbien bekommen, als sie bisher schon hatten. Good Morning, Colombia – keine gute Aussicht für den Frieden in Kolumbien.

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