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Das unerwünschte Kind

Francisco Castillo lehnt sich an die Tür seines weißen Pick-ups und deutet in die Ferne. „Da ist es das letzte Mal passiert.“ Hinter den Reisfeldern, auf denen einige Bauern in Gummistiefeln arbeiten, windet sich der Rio Lacramarca um eine steile Kurve. Dort ist der Fluss vor 18 Jahren über das Ufer getreten und hat innerhalb von Stunden große Teile der peruanischen Hafenstadt Chimbote überschwemmt. Am schlimmsten betroffen waren aber die 5.000 Landwirt*innen, die rund um den Fluss wohnen und ihre Felder bewirtschaften. Francisco Castillo ist einer von ihnen.
Wie jeden Morgen war er heute früh auf dem Feld, dann hat er die Klamotten gewechselt: Rosa Hemd, helle Hose, Sonnenbrille wie aus einem US-Polizeifilm. Die wenigen Locken wehen ihm um den Kopf. Castillo ist auch Vorsitzender der Junta de Usuarios de Riego del Valle del Río Santa, einem Verein von Landwirt*innen rund um die Flüsse Santa und Lacramarca. Sie installieren Bewässerungssysteme, legen Felder an – und schützen sich so gut es geht vor Überschwemmungen. Heute begutachtet Castillo den aktuellen Stand der Arbeiten.
In der Provinz Áncash, in der Chimbote mit seinen knapp 400.000 Einwohner*innen liegt, regnet es so gut wie nie. Aus dem Meer erheben sich kilometerweit aschgraue Sandhügel, grün ist es nur dort, wo bewässert wird. Doch Chimbote liegt an der Pazifikküste Perus und das bedeutet, dass in unregelmäßigen Abständen El Niño kommt. Und er bringt vor allem Regen.
Weiter oben am Fluss schlägt sich Castillo durch dichtes Gestrüpp, bis er am Wasser angekommen ist. Das viele Schilf macht ihn wütend – oder ­besser, dass es noch da ist. Die Behörden haben den unteren Teil des Rio Lacramarca bereinigt und verbreitert, damit das Wasser abfließen kann. Irgendwo in der Mitte haben sie dann einfach aufgehört. „Wenn im Februar die Regenfälle beginnen, wird das Wasser Gestrüpp und Erde nach unten spülen. Es verstopft dann Brücken und Engstellen“, sagt Castillo. Die Folge: Überschwemmungen wie 1998, die Arbeiten seien dann umsonst gewesen. „Hier hat niemand etwas von El Niño gelernt.“
El Niño, das Kind. Alle paar Jahre kommt der Humboldt-Strom, der vor der südamerikanischen Pazifikküste kühles und nährreiches Wasser anspült, zum Erliegen. Das Wasser an der Oberfläche erwärmt sich um ein paar Grad, die Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf und diese regnet dann auf dem Festland ab. Der Klimawandel verstärkt die Effekte.
Dieses Jahr soll es besonders schlimm werden. Das bestätigen Weltwetterbehörde WMO und die US-Weltraumbehörde NASA. Auch die peruanische Wetterbehörde Enfen ist alarmiert. „Es ist möglich, dass dieser Jahresanfang einer der regenreichsten in der Geschichte wird“, sagt Ken Takahashi, Vorsitzender von Enfen. „Wir müssen wachsam sein.“ In Ecuador hat Präsident Correa schon Mitte November für 17 von 24 Provinzen den Ausnahmezustand ausgerufen.
In Chimbote steht unweit der Plaza Mayor ein grünes Eckhaus, neben der Eingangstür hängt ein Holzschild mit der Aufschrift „natura“. Dutzende Plastiksäcke liegen im Treppenhaus, mit Sand gefüllt kann man daraus Barrieren gegen das Wasser bauen. Im ersten Stock sitzt Maria Elena Foronda an ihrem Schreibtisch und schüttelt verständnislos den Kopf. „In ein paar Wochen beginnt es zu regnen, und dieser Bürgermeister unternimmt nichts“, sagt sie. „Das wird Menschenleben kosten.“ Die 56-Jährige hat die Umwelt-NGO vor 25 Jahren gegründet, eines ihrer Themen ist die Prävention vor Naturkatastrophen. Unter der Diktatur Fujimoris in den 90ern saß Foronda wegen ihrer Arbeit für 13 Monate im Knast.
Vor ein paar Tagen war sie bei einem Krisentreffen im Rathaus von Chimbote. Bürgermeister Julio Cortez saß schweigend in der Runde. Am Ende schob er der Provinzregierung von Áncash die Schuld zu. Gegenüber der Lokalzeitung La Industria sagte er: „Die Provinz hat nicht einen Zentimeter Arbeit verrichtet.“ Als Foronda das liest, lacht sie kurz, dann wird ihr Blick ernst. „Diese Verantwortungslosigkeit macht mich wütend“, sagt sie. „Aber mit meiner Wut erreiche ich nichts.“
Also organisiert sie Demonstrationen und spricht mit Lokalpolitiker*innen und Medien. Vor einem Jahr hat sie einen Risikoplan für Naturkata­strophen in der Bucht von Chimbote erstellt. Das peruanische Wirtschaftsministerium hätte die Kosten übernommen – Verstärkung der Küsten, Ausbau des Drainagesystems, Befestigung der Flüsse. Doch dazu wäre die Zustimmung des Stadtrats nötig gewesen. Die kam zu spät, aus dem Projekt wurde nichts.
Warum niemand etwas tut, darauf hat Maria Elena Foronda eine einfach Antwort. „Mit Prävention lässt sich kein Geld verdienen“, sagt sie. „Erst in Notsituationen fließt viel Geld, und das schnell und ohne Kontrollen. Daran bereichern sich dann die Verwaltungen.“ Bürgermeister Cortez ist wegen Korruption bereits zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Das Verfahren ist momentan in Revision.
Dabei ist Geld da. 50 Millionen Soles (ca. 13 Mio. Euro) steckt der Bürgermeister in den Ausbau einer Hauptstraße durch die Stadt. Foronda vermutet, dass auch hier Schmiergelder geflossen sind – beweisen kann sie das nicht. Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Eine breitere Straße ist für alle sichtbar, Präventionsmaßnahmen nicht. „Die Eingeweide einer Stadt sieht niemand, damit lassen sich keine Wahlen gewinnen“, sagt Foronda.
Da kein Geld von der Lokalregierung kommt, hat Foronda mit Freund*innen aus Deutschland eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ein Frühwarnsystem für den Rio Lacramarca zu finanzieren. Das System misst die Pegelstände weiter oben am Fluss und warnt die Landwirt*innen einige Stunden bevor deren Häuser überschwemmt werden. Verwaltet wird es von Francisco Castillo und der Junta de Usuarios. „Klar, das ist zu wenig“, sagt Foronda. „Aber so haben die Menschen wenigstens die Möglichkeit rechtzeitig an einen sicheren Ort zu gelangen.“
Spät am Abend zieht Maria Elena Foronda das weiße Metallgitter vor der Eingangstür von „natura“ zu und schließt zweimal ab. „Es ist, als würden alle darauf hoffen, dass es schon nicht regnen wird“, sagt sie und winkt ein Taxi heran. Noch hat es nicht geregnet. Noch.

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