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Abgefahren und abgelegen

Schwere Koffer und bunte Taschen stapeln sich am Hafensteg. Eine Menschenmenge wartet, unterhält sich, trifft letzte Vorbereitungen, während die Flut allmählich den Wasserspiegel unter dem Schiffsrumpf der Virgem da Conceição IV anhebt. Es ist neun Uhr abends, noch eine Stunde bis Abfahrt. Jeden Tag fährt das Schiff eine Stunde später, die Gezeiten des Amazonas schreiben es so vor. Wer eine Hängematte besitzt, versucht auf dem überfüllten Mitteldeck eine freie Stelle zu finden, ohne die Füße des Nachbarn im Gesicht zu haben. Damit sich in vier Stunden Reisezeit ein angenehmes Schläfchen halten lässt. Aber noch ist Abschiedsstimmung am Hafen von Afuá, Kleinstadt im Amazonasdelta, mit vielen Tränen und Taschentüchern. Das Ziel heißt Macapá. Es ist die nächstgelegene Großstadt, direkt auf der Äquatorlinie. Wer nach Belém, in die Hauptstadt des Bundesstaats Pará, reisen möchte, hat von Macapá weitere 27 Schiffstunden vor sich. Afuá ist die abgelegenste Gemeinde von Pará.
Francisco „Chico“ Oliveira, 40 Jahre alt, zweifacher Vater und Großvater, lebt mit seiner Frau und einer Nichte in einem Haus am Stadtrand von Afuá. Nur ein Steg auf hohen Stelzen trennt es vom Amazonasufer, an dem Dutzende kleine Schiffe und Boote wie das seine ankern. Heute ist Chico unterwegs zu seinem sítio, seinem Wochenendsitz am Flussufer, außerhalb der Stadt, um seine dreißig Schweine zu füttern. An der Wasseroberfläche schwimmt eine Plastiktüte. Das kleine Boot schwankt ein wenig, als Chico nach dem Kescher greift. Behutsam balancierend taucht der stämmige Mann den Kescher ins Wasser, fischt die Tüte heraus und schüttelt sie auf den kleinen Müllberg, der sich hinten in seinem Boot auftürmt . Er wird ihn entsorgen, sobald er nach Afuá zurückkommt.
Afuá liegt am Nordzipfel der Insel Marajó, es ist eine der größten Städte auf dieser Landmasse, deren Fläche etwas größer als die Schweiz ist und weniger als 200.000 Einwohner_innen zählt. Wegen der zahlreichen Flüsse und natürlichen Kanäle, die Marajó durchfurchen, betrachten es seine Bewohner_innen allerdings weniger als Insel denn als Archipel. Je nach Jahreszeit schwankt der Wasserpegel so stark, dass alle Häuser auf Stelzen errichtet werden. So trägt Afuá auch den Beinamen „Venedig Amazoniens“.
Abgesehen von Stegen und Stelzen hat Afuá indes wenig mit Venedig gemein. Die Architektur besteht zum größten Teil aus Holzbauten. Liebevoll gelb-grün-rot gestrichen macht Afuá einen gepflegten Eindruck. Die Stege, die als Straßen dienen, führen über den feuchten Untergrund. Zu dieser Jahreszeit sind zwischen ein paar Pfützen, in denen winzige Fischlein hausen, Grasflecken und Abfall zu sehen. Bei genauerem Hinsehen wimmelt der Boden von braunen Krebsen, die zwischen ihren Löchern hin und her huschen. Gerade hat die Regenzeit begonnen, der Wasserpegel wird nun tagtäglich ansteigen, bis zum Höchststand der große Hauptplatz an der Hafenpromenade für einige Tage überschwemmt bleibt. Die besondere Baustruktur führt bei alldem zu einem weiteren einzigartigen Phänomen in Amazonien: Motorisierte Fahrzeuge sind in Afuá verboten. Wer nicht zu Fuß geht, fährt deshalb mit dem Fahrrad. Und das scheint die Mehrheit der Einwohner_innen Afuás, der afuenses, zu bevorzugen.
Obwohl Afuá überschaubar klein ist, herrscht an vielen Orten reger Verkehr. Die Fahrräder wirken neu, modern, robust. Es gibt Fahrradtaxis für vier Personen, Fahrräder mit Anhängern. Dem individuellen Design sind bei der Anpassung an Geschmack und Bedürfnisse keine Grenzen gesetzt. Wer Afuá verlassen möchte, ist hingegen auf den Wasserverkehr angewiesen. Zwar besitzt die Stadt eine – winzige – Landebahn, auf der dreimal pro Woche ein kleines Passagierflugzeug aus Belém landet. Für den Großteil der afuenses sind die Flugtickets allerdings zu teuer; auf dem nationalen Entwicklungsindex, der 5.565 brasilianische Gemeinden umfasst, rangiert die Stadt mit Rang 5.543 auf einem der untersten Plätze. Dafür haben die afuenses einen anderen Nutzen für ihre Landebahn gefunden: Nachmittags joggen und walken sie in bunten Trainingsanzügen auf und ab, die Kinder spielen Fußball und Cricket.
Neben Sägewerken und einer Palmherz-Konservenfabrik, dem Export der energiereichen schwarzen açaí-Beere sowie der Funktion als Handelsstützpunkt gehört der Shrimpsfang zu den Haupteinnahmequellen der afuenses. Ab Mai ist Hochsaison, im Juni und Juli strömen tausende Besucher_innen in die Stadt, um mit einem Karnevalsprogramm das Festival do Camarão, das Shrimpsfestival, zu feiern. Auch ein Freund von Chico ist Shrimpsfischer. Pedro lebt mit seiner Familie eine Bootsstunde von Afuá entfernt. Einmal pro Woche kommt er in die Stadt, um seinen Fang zu verkaufen. Verunsichert durch den Überraschungsbesuch zweier Journalist_innen steht er auf der Veranda seines Holzhauses. Es ist nur vom Wasser aus zugänglich, dahinter beginnt der Regenwald. 100 Kilogramm Shrimps fange eine Familie durchschnittlich im Monat, pro Kilogramm erhalte sie vier bis fünf, geschält 15 Reais (rund fünf Euro), sagt Pedro, während er verlegen an den Fragenden vorbei ins Leere blickt. Um eine Familie zu ernähren, ist das längst nicht genug. Trotz der Sozialprogramme, die die brasilianische Regierung in den letzten Jahren gestartet hat, fühlt sich Pedro vom Staat im Stich gelassen. Besonders beklagt er, dass seine Kinder nur bis zur zweiten Klasse zur Schule gehen können. „Lula war ein guter Präsident, bis er die WM gekauft hat“, meint Pedro. Viel dringender bräuchten sie Krankenhäuser, Medikamente und Schulen. Chico pflichtet ihm bei und mutmaßt über den Grund der geringen Investitionen in den Norden des Landes: „Für mich ist es nicht Umweltschutz, für mich ist es Wirtschaft. Wenn wir Reis und Bohnen anbauen könnten, hätte der Süden keine Kunden mehr. Wir sind total abhängig vom Süden.“
Chico verdient sein Geld als Angestellter der lokalen Umweltbehörde (SEMA). Er schneidet die Bäume in der Stadt zurecht, damit sie während der Regenzeit nicht weggeschwemmt werden. „Wegen der dünnen Humusschicht des Regenwaldes besitzen die Bäume nur flache Wurzeln, werden sie zu groß und schwer, verlieren die Bäume bei starken Regenfällen leicht den Halt“, erklärt Iranei da Silva Fernandes, stellvertretender Leiter der SEMA. In Belém hat er Geographie und Umweltbildung studiert. Seit zwei Jahren betreut er den Dezentralisierungsprozess der SEMA. Die Dezentralisierung wird den afuenses die lange und teure Reise bis nach Belém ersparen, wenn sie eine Genehmigung von der Behörde einholen müssen. Insbesondere betrifft das die Bewohner_innen des Nationalparks Charapucu. Dieser wurde 2010 auf 65.000 Hektar des Gemeindebezirks Afuá neu geschaffen. „Wir versuchen zu einer Übereinkunft mit den Menschen zu kommen, die bisher in diesem Gebiet gelebt haben und deren Einkommensquelle, die Extraktion von Holz und Palmherzen, nun eine verbotene Aktivität darstellt“, sagt Iranei. Deshalb vergibt die SEMA in Absprache mit der Palmherz-Konservenfabrik und den Sägewerken jedes Jahr Quoten an die Bewohner_innen, bis neue Grundstücke für sie gefunden sind. „Die SEMA kontrolliert den Prozess und verhindert den Zuzug neuer Bewohner_innen auf das Gebiet des Nationalparks, die zukünftig Nutzungsrechte geltend machen könnten“, so Iranei.
Chico ist bislang einer der wenigen Bürger_innen, die sich auch im Privatleben für die Umwelt engagieren. Auf seinen sítio bringt er ausgesetzte Katzen sowie überlebende Exemplare der Faultiere, die noch nicht von den Menschen gejagt und gegessen wurden. Den Müll fische er aus dem Wasser, um ein Beispiel zu geben. „Wenn die Leute sehen, was ich tue, werfen sie vielleicht wenigstens nichts mehr weg“, sagt Chico. Er erklärt: „In Brasilien haben wir kein Bewusstsein für Umweltverschmutzung. Den Menschen ist es peinlich, Müll von der Straße aufzuheben. Aber ihn auf die Straße zu werfen, ist ihnen nicht peinlich.“ Tatsächlich scheint es geradezu einladend, Abfall neben den Stegen einfach auf dem sumpfigen Boden zu entsorgen.
Dienstagmorgen, neun Uhr. Ein Mann mittleren Alters bringt seine zweite Fuhre Müll mit dem Fahrrad zur städtischen Mülldeponie. Den deutschen Journalist_innen stellt er sich als Manuel vor. Seit zwei Jahren sammelt er Müll von den Straßen oder holt ihn bei Nachbarn ab, um ihn bei der Mülldeponie abzuliefern. Damit ist Manuel Teil eines ökologischen Sozialprojekts, das gleichzeitig die Verschmutzung auf den Straßen verringern und Menschen, die arbeitslos sind oder zu geringe Einkünfte haben, helfen soll. 2005 wurde das Projekt von der SEMA ins Leben gerufen und unterstützt mittlerweile über 40 Familien. Was die Menschen zur Mülldeponie bringen, wird getrennt, gewogen und der Wert in Form von Einkaufsgutscheinen ausgehändigt. Für jedes Material – Plastik, Papier, Einweggeschirr, Windeln, Elektrogeräte, Dosen und Getränkeflaschen – gelten dabei unterschiedliche Preise pro Kilo. Die Gutscheine können die Empfänger_innen in zwei umfangreich ausgestatteten Warenhäusern im Stadtzentrum gegen Lebensmittel, Haushaltsprodukte und Schulmaterial eintauschen. „Nur die Person selbst kann den Gutschein einlösen. Alkohol und Zigaretten sind ausgeschlossen“, erläutert Jani Almeida Castilho. Sie ist Mitarbeiterin der SEMA und empfängt von acht bis zehn Uhr dreißig jeden Morgen Mülllieferant_innen wie Manuel. „Pro Monat kann eine Person 400 bis 500 Reais (120 bis 150 Euro) verdienen“, so Almeida. Manuel hat seine Fuhre Müll bereits sortiert. Für insgesamt 179 Kilogramm, darunter zwei alte Herde, bekommt er heute einen Gutschein über 66 Reais. „Es ist schon eine Hilfe, vor allem, wenn man keine Arbeit hat“, sagt er.
Soziale Probleme haben sich in Afuá seit einigen Jahren verschärft. Grund ist die Entstehung eines völlig neuen Stadtteils jenseits der Landebahn, Capim Marinho. Er sieht verwahrloster aus als das übrige Afuá, es gibt weniger Geschäfte, nirgendwo lädt eine grün-gelb-rote Sitzbank zum Verweilen ein. Für farbige Häuserfassaden reicht das Geld nicht, im Gegenteil: Viele Familien in Capim Marinho verfügen nicht einmal über die notwendigsten sanitären Installationen. „Die Besetzung ereignete sich über Nacht“, erzählt Iranei über die Entstehung von Capim Marinho im Jahr 2006. „In zwei Tagen haben sie alles zerstört, den Urwald gerodet.“ In einem unregulierten Prozess bauten die Landbesetzer_innen aus den ländlichen Teilen Marajós, aus Macapá und Belém Häuser für ihre Familien. Die Regierung entschädigte die Landbesitzer_innen. Inzwischen zählt Capim Marinho mehr Einwohner_innen als der traditionelle Teil Afuás. Genug Arbeit kann die Stadt den Neuankömmlingen, die meist keine Ausbildung haben, aber nicht bieten und sieht sich mit Prostitution und einem stark angestiegenen Drogenkonsum konfrontiert. Die Stadtverwaltung versucht den Problemen, die der neue Stadtteil verursacht, entgegenzutreten: Die Gesundheitsbehörde klärt über die Notwendigkeit antiseptischer Sickergruben auf, die Sozialbehörde realisiert Theaterprojekte und Schlagzeugkurse für Jugendliche. Und die Umweltbehörde rief das Müllprojekt ins Leben. Capim Marinho befindet sich unmittelbar neben der Mülldeponie.
Obwohl die meisten Menschen, so Almeida, den Müll wegen der verschiedenen Preise getrennt abgäben, könne in Afuá nichts recycelt werden. Der Kapitän des Schiffes Cidade de Afuá schafft Elektroschrott und manches andere nach Macapá, wo die nötige technische Infrastruktur vorhanden ist. Der Großteil des Mülls wird jedoch verbrannt. Nutznießer gibt es trotzdem noch: Große schwarze Geier picken auf der Halde nach Fressbarem. Ab und zu fliegen sie auf, sammeln sich wie zu einer Konferenz im Kreis oder lassen sich auf den Palmenästen nieder. Und verharren dort fast reglos. Wahrscheinlich, um auf die Ankunft neuer Leckerbissen zu warten.
Am Hafensteg hat das Warten ein Ende. Es ist zehn Uhr, die Virgem da Conceição legt ab. Noch einmal winken, letzte Abschiedsrufe. Während sich das volle Schiff von Afuá entfernt, verblassen die Lichter der Stadt. Bald schimmern allein die bunten Hängematten auf dem beleuchteten Mitteldeck im Dunkel der Nacht. Die Reisenden schlummern. Am Uferstreifen zeichnet sich die schwarze Silhouette des Waldes gegen den sternenübersäten Himmel ab. Der Schiffsmotor dröhnt einsam über den stillen, weiten Fluss.

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